30.10.2008 Lernen erschwert

Schulkinder aus dem Gleichgewicht

Viele Mädchen und Jungen verfügen über einen schlecht entwickelten Gleichgewichtssinn, so das Ergebnis einer Untersuchung an über 3000 Schülern. Das Problem: Dies hat negative Auswirkungen auf das Lernvermögen und die Schulnoten.

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Schüler haben einen immer schlechteren Gleichgewichtssinn

Kinder Ohrenuntersuchung idw
Foto: © idw

Gleichgewichtssinn wichtig für Lernerfolg

Untersuchungen der Hochschule Aalen an über 3.000 hessischen Schülern der Klassen eins bis zehn in Zusammenarbeit mit dem hessischen Kultusministerium haben ergeben, dass Schüler fundamentale Defizite bei Gleichgewichtstests aufweisen. Es zeigte sich außerdem: Schüler mit schlechtem Gleichgewicht haben signifikant schlechtere Schulnoten.

Ein Mensch kann nur lernen, was er auch über seine Sinnesorgane wahrnimmt. Störungen auf der Ebene der Sinnesorgane (Auge, Ohr, Gleichgewicht) wirken sich dadurch ganz grundlegend auf den Lernprozess aus. "Der Gleichgewichtssinn ist dabei ein häufig unterschätzter Sinn", erklärt Prof. Dr. Eckhard Hoffmann von der Hochschule Aalen. Der Gleichgewichtssinn informiere den Menschen darüber, wo er sich im Raum befindet und wie er sich bewegt: "Erfolgreiches Lernen und der Gleichgewichtssinn hängen eng zusammen", weiß Hoffmann. Es sei daher bedeutsam, Beeinträchtigungen rechtzeitig zu erkennen, um Kindern die Chance zu geben, den Lernstoff uneingeschränkt aufzunehmen.

Geeignete Maßnahmen können betroffenen Kindern helfen, die Folgen einer Beeinträchtigung zu mindern: Dies reicht von einer medizinischen Diagnostik mit anschließender Therapie, einer Hilfsmittelversorgung mit Brille oder Hörgerät über die Sitzordnung im Klassenzimmer, raumakustische Maßnahmen bis hin zu unterstützenden pädagogischen Maßnahmen. Sozial benachteiligte Kinder sind häufig besonders betroffen, da Schäden oft erst spät erkannt und nicht ausreichend versorgt werden.

Besonders Haupt- und Realschüler betroffen

"Die Ergebnisse der Gleichgewichtstests offenbaren große Defizite bei vielen Schülerinnen und Schülern aller Schulformen. Bei Haupt- und Realschülern sind Schüler mit angemessenem und zu erwartendem Gleichgewicht in der Minderheit", erläutert Professor Hoffmann die Ergebnisse. Schüler und Schülerinnen mit schlechtem Gleichgewicht haben über die gesamte Schullaufbahn schlechtere Noten in Mathematik und Deutsch, tendenziell auch in Sport. Der durchschnittliche Unterschied zu den Schülern mit gutem Gleichgewicht beträgt je nach Fach bis zu 0,7 Notenstufen. Leistungsdifferenzen in dieser Größenordnung entscheiden oft darüber, ob ein Kind zum Beispiel eine Realschule oder ein Gymnasium besucht. Besonders ausgeprägt sind Gleichgewichtsdefizite bei Haupt- und Realschülern: Hier weist nur jeder vierte Schüler und jede dritte Schülerin die zu erwartende Gleichgewichtsleistung auf. Die Haupt- und Realschüler mit schlechtem Gleichgewicht zeigen signifikant schlechtere Schulleistungen.

Aber auch in Gymnasien und Gesamtschulen zeigen nur rund 60 Prozent der Schüler und 70 Prozent der Schülerinnen angemessene Gleichgewichtsergebnisse. Gymnasiasten mit schlechtem Gleichgewicht weisen ebenfalls schlechtere Schulleistungen in Deutsch und Mathematik auf.

Gleichgewichtssinn ist trainierbar

Prof. Dr. Eckhard Hoffmann zu den Konsequenzen aus der Studie: "Die schlechte Nachricht ist, dass viele Schüler ein schlechtes Gleichgewicht haben. Die gute Nachricht ist, dass das Gleichgewicht trainierbar ist." Mit seiner Forschungsgruppe hat Hoffmann ein Programm für die Schule entwickelt, um regelmäßig in kurzen Einheiten von ca. einer Minute den Gleichgewichtssinn zu schulen. Dazu zählen einfach Übungen, wie zum Beispiel für kurze Zeit auf einem Bein zu stehen.

Ursachen des schlecht entwickelten Gleichgewichtssinns

Wie kommt es aber, dass bei so vielen Kindern heute der Gleichgewichtssinn unterentwickelt ist? Prof. Hoffmann sieht die Ursache in einer geänderten Lebenswirklichkeit. "Kinder spielen heute weniger draußen und bewegen sich daher weniger", sagt der Wissenschaftler im urbia-Gespräch. "Das beginnt bereits im Säuglingsalter. Heute sieht man Babys häufig im Maxi Cosi liegen." Das sei zwar für Eltern praktisch, verhindere aber den natürlichen Bewegungsdrang der Säuglinge, der auf ebenem Untergrund und in Bauchlage besonders gut gefördert würde. Ganz allgemein rät Hoffmann Eltern, die natürliche Bewegungslust ihres Kindes zuzulassen und zu fördern und viele Spiele anzubieten, die die Sinne anregen. Zum Beispiel "Blinde Kuh" sei dazu bestens geeignet. (idw/pf)


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