Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht

7 typische Ratschläge, die Eltern nicht helfen

„Ratschläge sind auch Schläge“ heißt es, und gerade Mütter hören in ihrem Leben häufig Empfehlungen, die nicht wirklich helfen. Wir haben solche typischen Ratschläge gesammelt – und geben Tipps, woran sich ein guter Ratgeber erkennen lässt.

Autor: Kathrin Wittwer
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Ratschläge sind auch Schläge?!

Eltern Ratschlag Teaser
Foto: © colourbox

Auch wenn es der Wortursprung eigentlich nicht so meint (einen „Rat schlagen“ bedeutete, eine Runde, einen Kreis für Beratung aufzustellen): Die Deutung, Ratschläge seien auch Schläge, ist durchaus begründet, bestätigt der Psychologe und Erziehungsberater Andreas Engel von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke): „Das liegt daran, dass sie ein Defizit offenkundig machen, dass wir angewiesen sind auf jemanden von außen, der uns anregt oder es vielleicht auch besser weiß oder meint, es besser zu wissen. Dabei wären wir ja alle gern kompetent und schlau und bräuchten das nicht. Es steckt also immer eine gewisse Kränkung mit drin, wenn jemand einen Rat gibt.“

Der Ton macht die Musik

Wie sehr uns das anfrisst, hängt unter anderem davon ab, wie sicher wir in uns selbst ruhen und zu unseren Überzeugungen stehen können, wer uns den Rat gibt – und vor allem wie. Das ist im Alltag, wissen gerade Mütter aus hinreichender Erfahrung, oftmals… nun ja: nicht sonderlich sensibel, und dann wird eher Salz in Wunden gestreut als geholfen. 7 Klassiker des Ratschlagkosmos, die mit Vorsicht zu genießen sind:

„So und nicht anders geht das“

Es wäre zu schön, wenn es sie gäbe, die ultimativen Rezepte, die immer und in jeder Situation garantiert funktionieren! Wenn die Kinder Knöpfe hätten, auf die Mutter nur drücken muss, damit genau das passiert, was sie sich wünscht – aufhören mit dem Geschrei, das Zimmer aufräumen, kleckerfrei essen, mal ohne Diskussionen ins Bett gehen und auch dort bleiben. Was würde das an Nerven und Kraft sparen! 

Allein: So wird das Modell Kind nun mal von Natur aus nicht geliefert. Es ist eine geheimnisvolle Wunderbox, die sich uns nur nach und nach öffnet und erschließt, wenn wir die richtigen Schlüssel dafür finden. Und die sind so unterschiedlich wie jede Familie. Strikte Dogmen, die versprechen, für alle und jeden stets und überall zu funktionieren, mögen im alltäglichen Wahnsinn ein Hoffnungsschimmer sein, an den man sich gern klammert, und vielleicht funktioniert der ein oder andere sogar mal. Wenn nicht, ist das jedoch doppelt niederschmetternd: Was machen wir nur falsch, dass selbst todsichere Tipps bei uns nicht zünden?

Befriedigender, wenn sicher auch anstrengender, ist es, den eigenen Weg zu suchen. Gut zu wissen dabei: Weit weg sind die Antworten auf unsere Fragen nie. „In der Elternberatung gehen wir davon aus, dass Eltern die Lösung ihrer Probleme schon in sich tragen“, so Andreas Engel. Da brauchen wir höchstens jemanden, der „das vielleicht durch Anregungen und geschickte Fragestellungen zutage fördert.“

„Ich mach das immer so“

Der dazugehörige Nachsatz wird vielleicht nicht ausgesprochen, aber man kann ihn förmlich hören: „Und bei mir funktioniert das auch immer!“ Was noch weniger ausgesprochen wird, ist die logische Konsequenz daraus: „Wenn es bei dir nicht geht, hast du deine Kinder nicht im Griff.“ Wer braucht das schon? Also: Du macht das immer so und es funktioniert? Schön für dich! Bei uns ist das eben anders. 

In der Vergangenheitsform „Wir haben das ja immer so gemacht“ ist diese Form des Rat-Schlagens unter älteren Familienmitgliedern weit verbreitet. Hier wird es besonders haarig, weiß Andreas Engel – weil nicht nur die jungen Eltern schnell gekränkt sind: „Eine veränderte Erziehungshaltung wird häufig als Kritik an der älteren Generation verstanden. Was es oft ja auch ist, wenn Eltern sagen, wir machen das ganz anders als unsere Eltern.“

Das Explosionspotential könnte man zunächst diplomatisch mit „Ich denk mal drüber nach“ entschärfen. Und wer weiß: Vielleicht sind die (Lebens)Erfahrungen der Älteren manchmal doch nicht gar so abwegig, wie sie auf den ersten Blick scheinen? Immerhin wissen wir ja so einiges, was wir als Kinder an unseren Eltern nicht verstehen konnten, nun ganz anders einzuschätzen.


„Wenn du das so machst, dann…“

… verwöhnst du dein Kind und es wird zum Tyrannen, wird es nie im eigenen Bett schlafen, selbstständig sein, trocken werden, allein spielen lernen, vernünftig essen… Mit sehr viel gutem Willen könnte man dem Sprecher unterstellen, er meint das nur so als Hinweis. Nüchtern gesehen ist es aber schlicht eine „Du bist schuld, wenn…“-Drohung – das Albtraummaterial aller eh schon unsicheren Jungmütter.

Ja, Rat kann unangenehm sein und nachdenklich machen. Aber wenn selbst abstruse Scheinkausalitäten leisen Zweifel wecken – „Hat der etwa Recht?“ – und uns einfach nur schlecht oder schuldig fühlen lassen, hat das wenig mit Hilfe zu tun. 

„Wenn ich du wäre…“

Egal wie der Satz konkret weitergeht, eigentlich heißt er immer: „würde ich alles ganz anders und natürlich viel besser machen.“

Selbst wenn das von einer Mutter kommt, die ein Dutzend wohlgeratene Kinder großgezogen hat und bestimmt viele nützliche Dinge über Erziehung weiß: Sie ist nicht wir, ihre Kinder sind nicht unsere Kinder. Für sich und sie kann sie souverän beurteilen, was das Beste ist. Gern hören wir uns auch Erfahrungsberichte an und nehmen Anregungen mit.

Unser Leben leben wir aber weiter doch lieber selber.

„Wenn du mich fragst…“

Der Satzeinleitung geht relativ sicher voraus: Es hat aber niemand gefragt. Wahrscheinlich, weil man „Wenn du mich fragst“ schon viel zu oft von notorischen Besserwissern gehört hat.

Unerbetene Ratschläge gehören tatsächlich zur übelsten Sorte. Sie kommen oft unqualifiziert, ohne ausreichende Hintergrundkenntnisse. Im schlimmsten Fall machen sie statt zu helfen noch eine neue Baustelle auf. Obwohl man sich nur mal Frust von der Seele reden wollte.

Generell sind wir „für ungewollte Ratschläge in der Regel nicht offen und regen uns eher drüber auf“, bestätigt Andreas Engel. Etwas Gutes könnten sie trotzdem haben: „Auf der anderen Seite helfen andere Sichtweisen, die eigenen Überzeugungen zu reflektieren und sie besser zu begründen.“

„Richte dich doch nicht immer nach den Kindern“

„Ich versteh wirklich nicht, warum Leute, wenn sie Kinder kriegen, plötzlich alles auf die ausrichten“, ließ ein kinderloser Single verlauten. „Warum müssen die zum Beispiel auf einmal alle Cluburlaub machen? Warum können die Kinder nicht einfach das mitmachen, was die Eltern eigentlich wollen?“

Tja. Warum wohl nicht? Zweiwöchige Autoreisen von B&B zu B&B? Städtereisen mit Kulturprogramm plus jede Menge Restaurantbesuche? Die Einsamkeit genießen in der Natur abseits der Zivilisation und bar jeder anderer Kinder? Tolle Ideen – wenn man selbstquälerisch veranlagt ist und auf einen Spaß- und Erholungsfaktor um den Gefrierpunkt steht. Hättet Ihr da Lust drauf, liebe Kinderlose? Seht Ihr.

Deshalb: Seid doch einfach dankbar dafür, dass wir euch nicht mit dem quirligen Nachwuchs das entspannte Wochenende im schicken Wellnesshotel vermasseln. Irgendwann kommen wir da schon auch mal wieder hin – ohne Kinder.

„Genieß die Zeit, sie werden so schnell groß“

Seit Monaten schreit das Kind jeden Tag stundenlang, lässt sich nicht ablegen, und wenn mal Ruhe ist, dann nur, weil Mama es ausdauernd mit Fingerspielen und Bauklötzchen unterhält. Und vor Langeweile und Verzweiflung am liebsten selbst schreien würde.

Schon gut gemeinte „Das wird alles leichter und besser“-Beschwichtigungen sind da oft grenzwertig. Denn: Natürlich ist es wichtig, dass uns jemand Mut macht, daran zu glauben, dass es wieder schönere Zeiten geben wird! Trotzdem können wir keine Abkürzung dahin nehmen, die Uhr nicht einfach vorstellen. Auch jede Minute, die bis dahin vergeht, gehört zu unserem Leben, wir müssen durch jede einzelne durch. Machen wir auch.

Aber sie dann obendrein noch alle genießen sollen? Das ist doch ein bisschen viel verlangt. Es reicht bestimmt, wenn wir später, mit Abstand, darüber lachen können – und beim Anblick unserer selbstständigen Kinder wehmütig denken „Ach, sie werden doch so schnell groß...“

Sind wir eigentlich wirklich total planlos?

Noch nie sei eine Elterngeneration so verunsichert gewesen und habe so verzweifelt nach Rat gesucht, heißt es gern von uns heutigen Eltern, als wären wir die doofsten Menschen, die je Kinder bekommen durften. Stimmt aber nicht, sagt Andreas Engel – im Gegenteil: „Die Menschen, die Elternberatung in Deutschland in Anspruch nehmen, und das sind gut 300.000 Familien im Jahr, denen würde ich bescheinigen, dass sie Eltern sind, die sich neu auseinandersetzen wollen mit ihrem Elterndasein, die bereit sind, sich auch Wissen von außen zu holen oder andere Meinungen anzuhören, sich intensiv zu befassen mit ihrem Blick auf die Kinder und die den Mut haben, sich wirklich auseinanderzusetzen mit ihrer Erzieherrolle.“ Immerhin habe sich in den letzten Jahren viel geändert um uns herum, was wir erst mal verarbeiten müssen: „Durch die moderne Wissensgesellschaft hat sich inzwischen zu allen Themen so viel Wissen angehäuft, dass das kein einzelner Mensch mehr überblicken und verstehen kann. Dafür gibt es Experten. Zum anderen hat sich stark gewandelt, wie Kinder wahrgenommen werden und wie man mit ihnen umgeht, zum Beispiel das Thema Gewaltfreiheit, die vielleicht größte Errungenschaft der modernen Erziehung. Dieser Verzicht auf vermutlich Jahrtausende altes Verhalten zwischen den Generationen macht Erziehung aber natürlich komplexer, schwieriger.“

Was macht denn nun einen guten Ratgeber aus?

Wir suchen also nach neuen Wegen und Alternativen – und das ist gut so, ebenso wie sich dabei helfen zu lassen. Bei wem wir wertvolle Unterstützung finden, lässt sich nicht pauschal sagen: „Den guten Berater gibt es vielleicht gar nicht, sondern den geeigneten für mich“, meint Andreas Engel. Im professionellen Bereich sollte das jemand mit einer soliden Ausbildung sein, gern mit etwas Lebenserfahrung. „Wichtig ist auch, dass ein Berater sich individuell auf mich einlässt, dass er sich auch durch mich in Frage stellen lässt, also den Rahmen für gemeinsame, vertiefte Reflexion schafft“, ergänzt der Psychologe. Auch bei Laien – Familie, Freunde –, die wir um Rat fragen, gilt: Wenn sie gut und ehrlich interessiert zuhören, Fragen stellen, die zeigen, dass sie uns verstehen und kennen, vielleicht mitfühlen, dann können wir eher darauf vertrauen, dass ihre Ratschläge nicht nur Wichtigtuerei sind, sondern uns wirklich helfen.

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