Betreuungsalltag

Warum eine Tagesmutter keine Lust mehr hat

Anja S. ist gelernte Erzieherin und seit 16 Jahren Tagesmutter. Sie liebt ihren Beruf – eigentlich. Und sie liebt Kinder. Weshalb sie trotzdem keine Tagesmutter mehr sein will, erzählt sie im Interview.

Autor: Janine Glugla
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Interview Tagesmutter
Foto: © Fotolia / RioPatuca Images

Helikopter-Eltern, die immer die volle Kontrolle bewahren wollen – über das Erziehungspersonal gleich mit. Oder Eltern, die ihre Erziehungspflichten am liebsten ganz abgeben. Dazu noch vorlaute Prinzen und Prinzessinnen – das Produkt überbehütender Eltern. Das ist nur ein kleiner Auszug der Kritik, die gerne mal im Zusammenhang mit entnervten Erziehern oder Lehrern laut wird. Wir haben die Tagesmutter Anja S.* gefragt, warum sie keine Lust mehr hat, Tagesmutter zu sein.

„Klar haben sich die Kinder verändert, klar haben sich die Eltern verändert."

Sie haben keine Lust mehr, Tagesmutter zu sein. Sind die Kinder oder die Eltern womöglich zu anstrengend geworden?

Klar haben sich die Kinder verändert, klar haben sich die Eltern verändert. Die Eltern sind heutzutage in der Regel sehr, sehr fokussiert auf ihre Kinder. Eltern stehen (gefühlt) nie mehr als zwei Meter entfernt, um sich schützend vor ihre Kinder zu stellen. Das Selbstbewusstsein und Verhalten der Kinder wird natürlich dadurch geprägt, dass nur noch gefragt wird: Was haben denn die anderen falsch gemacht? Das führt aber meistens erst später zu Problemen, zum Beispiel mit dem Lehrpersonal an Schulen. Für uns ist eher spürbar, dass die Bindung oft so eng ist, dass das Loslassen, also auch die Eingewöhnung bei uns, für die Kinder immer schwieriger wird.

Und sicher gibt es auch Veränderungen in der Beziehung der Eltern zu uns. Nehmen wir das sogenannte Helikoptern: Tendenziell sinkt das Vertrauen der Eltern, den Betreuern das Steuer zu überlassen, weil sie die Kontrolle auch dann nicht abgeben wollen, wenn das Kind gerade nicht bei ihnen ist. Sie wollen mitsteuern. Es soll zum Beispiel am besten keine Reibungen zwischen den Kindern geben und keine blauen Flecke beim Spielen. Aber Kinder haben einfach Spaß in der Gruppe, spielen auch mal etwas wilder oder streiten und lernen erst mit der Zeit, Rücksicht zu nehmen. Da kann es schon sein, dass mal ein Anruf einer Mutter kommt, sobald ihr Kind einen blauen Fleck hat. Aber wenn ich mit den Müttern ins Gespräch komme, können sie meine Argumente eigentlich immer ganz gut nachvollziehen. Man muss auch sagen: Reibungen hat es immer gegeben und wird es natürlich immer geben.

„Dieser Druck lastet auf uns und auf den Kindern und auf den Eltern."

Warum macht es also keinen Spaß mehr?

Ich merke viel eher, dass durch die Umstände meine Kraft nachlässt. Denn das eigentliche Problem sind die wachsenden äußeren Zwänge. Ein Beispiel: Eine Mutter ruft an und fragt, ob sie ihr Kind vorbeibringen kann, da es nur ein bisschen Fieber hat. Im schlimmsten Fall ruft sie gar nicht an, gibt ihrem Kind ein Zäpfchen und gibt es in der Gruppe ab, worunter unter Umständen alle Kinder zu leiden haben. Sind die Mütter schlechtere Mütter geworden? Nein. Sie stehen enorm unter Druck, schnell wieder arbeiten zu gehen und reiben sich in der Doppelbelastung auf: „Ich kann doch nicht schon wieder fehlen. Meine Kinderkrankentage reichen nicht mehr aus." Das ist Stress pur für die Eltern und der wird natürlich auch an uns weitergegeben. Wir sehen diese Zwänge, aber ein Auge zuzudrücken ist kaum möglich, wenn am Ende womöglich die ganze Gruppe krank ist.

Auch der Umstand, dass die Kinder immer früher in die Betreuung gegeben werden, also in der Regel schon mit einem Jahr oder am liebsten noch früher, ist meistens kein Akt der freien Wahl. Denn wenn Eltern heute sagen, sie bleiben zwei Jahre zu Hause, werden sie schon schief angeschaut à la: „Ah ja, da kann es sich wohl jemand leisten." Die frühe Betreuung bei einer Tagesmutter ist ja längst keine Frage der freiwilligen sozialen Einbindung des Kindes in eine Gruppe oder der Entlastung und Unterstützung der Eltern, sondern basiert oft genug auf Zwängen. Viele Eltern haben eigentlich ein schlechtes Gewissen, das Kind schon so früh in die Betreuung abzugeben. Dadurch steigen natürlich auch die Anforderungen, die sie an unsere Arbeit haben. Und sogar die Zeit, die Eltern und Kind dann tatsächlich gemeinsam verbringen, soll als Ausgleich immer erlebnis- und aktivitätenreicher sein. Dieser Druck lastet letztendlich auf uns und auf den Kindern und auf den Eltern.

Gerade die frühe Phase im Leben der Kinder ist eh eine besonders betreuungsintensive Zeit, also natürlich stressig – auch für uns. Aber die Kinder kommen nicht nur sehr früh in eben dieser Zeit zu uns, sondern bleiben auch immer kürzer, da sie mit zwei Jahren meistens bereits in den Kindergarten wechseln, seit es den Anspruch auf einen Kindergartenplatz für Kinder ab einem Jahr gibt. Das heißt: Die besonderen Herausforderungen der Betreuung sehr junger Kinder bleiben, eine langfristige Bindung und echte Prägung sind aber in diesem Konstrukt nicht möglich. Kaum sind sie da, sind sie auch schon wieder weg. Das frustriert enorm und ist schade, weil man sich gar nicht mehr richtig auf die Kinder einlassen kann. Und wenn man mit Menschen arbeitet, muss man letztendlich aufhören, sobald man an seine Grenzen kommt, um zu vermeiden, dass Frustration oder Negativität weitergegeben werden.

*Name durch die Redaktion geändert

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