Häufiges Problem an Schulen

Erfolgreich gegen Mobbing

Mobbing ist ein massives Problem an Schulen und oft sehr schwer zu beenden. Wir stellen einen neuen erfolgreichen Ansatz vor, der die Täter, ohne sie zu bestrafen, konstruktiv in die Lösung des Mobbing-Problems einbezieht.

Autor: Petra Fleckenstein
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Wie ein Grundschüler ins Abseits geriet

Junge Schulschluss traurig
Foto: © Panthermedia, Kati Neudert

Simon (8) kam nach einem Umzug in eine neue Schule. Während seiner ersten beiden Jahre an einer Kölner Grundschule war er in seiner Klasse nicht nur der beste Schüler, sondern auch äußerst beliebt gewesen. In der neuen Umgebung lief zunächst auch alles gut. Er begann, sich mit einem Jungen anzufreunden und schrieb sofort die beste Mathe-Arbeit. Da drehte sich plötzlich der Wind. Wenn er sich meldete, verdrehten einige Kinder die Augen oder tuschelten hinter seinem Rücken über ihn. Er sei ein Angeber, ein Besserwisser, hieß es immer häufiger. Simon, zwar ein guter Schüler, aber ein zurückhaltendes und schüchternes Kind, empfand angesichts dieser Wendung blankes Entsetzen und tiefe Verunsicherung. Auch der Junge, der fast sein Freund geworden wäre, wandte sich von ihm ab und stellte ihm mit zwei anderen Schülern regelmäßig in der Pause nach. Simon geriet in eine schwere Krise, zog sich zurück, wagte es nicht mehr, auf andere zuzugehen, wachte jede Nacht schweißgebadet auf und hatte plötzlich Angst alleine zu schlafen.

Eine verfahrene Situation. Wie die meisten Mobbing-Opfer schämte sich Simon so sehr über die Ablehnung, die er erfuhr, dass er zunächst niemandem von seinen Erlebnissen erzählte. Außerdem fürchtete er, seine Isolation könne sich noch vergrößern, wenn er „petzen“ und seine Eltern daraufhin aktiv eingreifen würden.

Schwierige Bemühungen, das Mobbing zu beenden

Während der folgenden Monate erfuhren alle Beteiligten, wie schwierig es sein kann, eine Mobbing-Situation aufzulösen. Denn - wie dies häufig geschieht - gaben die Eltern der mobbenden Kinder und sogar seine Lehrerin Simon unbewusst eine gewisse Mitschuld an seiner Lage und übernahmen dabei - ohne es zu merken - die üblichen Erklärungsmuster der Mobbenden: „Der ist wirklich seltsam und schwierig. Ich kann die Schüler verstehen, die ihn nicht in ihrer Gruppe haben wollen.“

„Dies ist leider keine Seltenheit“, weiß Heike Blum vom „Institut fairaend – für einen guten Umgang mit Konflikten“ in Köln zu berichten. Es gibt verschiedene Komponenten, die das Mobbing-System üblicherweise stützen. Dazu gehört zum Beispiel Verharmlosung („Das ist doch nur Spaß“ und „Der Schüler ist zu empfindlich“) und Verbreitung von Angst („Du bist der Nächste, wenn Du nicht mitmachst“), aber auch Schuldzuweisungen nach dem Motto: „Er ist doch selbst schuld. Wenn er sich so verhält, muss er sich nicht wundern.“ Diese Sichtweise versperrt jedoch den Blick darauf, dass das als schwierig erlebte Verhalten oft erst als Resultat des Mobbings auftritt oder verstärkt wird, nicht aber die Ursache des Mobbings darstellt.

In Simons Fall konnten bei genauem Hinsehen ganz andere Ursachen des Mobbings gefunden werden. Die mobbenden Schüler fühlten sich durch den Neuen und seine guten Leistungen verunsichert und in ihrer Stellung in der Klasse bedroht. Außerdem empfand einer der Schüler Simons wachsende Freundschaft zu seinem Mitschüler, den auch er als Freund begehrte, als Konkurrenz. Simon nun, der die Ablehnung der Mitschüler spürte, nutzte sein Wissen und seine guten Leistungen gewissermaßen als Schutzschild gegen die Anfeindungen, betonte seine schulische Überlegenheit nun tatsächlich bewusst und wirkte dadurch in der Folge wirklich manchmal ein wenig besserwisserisch.

Keine Beschuldigten, keine Anklage: ein neuer Ansatz

Dieses Beispiel zeigt, wie problematisch es sein kann, Mobbing auf irgend eine Weise zu rechtfertigen und verdeutlicht die Vielschichtigkeit der Entstehung von Mobbing. Auch Simons Angst, durch eine Offenlegung seiner Situation noch mehr ins Visier seiner Angreifer zu geraten, stellt bei üblichen Mobbing-Interventions-Ansätzen tatsächlich ein ernst zu nehmendes Problem dar. Schuldzuweisungen und Strafen bergen die Gefahr, dass sich die mobbenden Schüler an ihrem Opfer rächen und die Verstrickung so nicht aufgelöst, sondern sogar verstärkt wird. An diesem problematischen Punkt setzt ein neuer Interventionsansatz an, der – wie der Titel bereits sagt – ohne Schuldzuweisungen und Strafen arbeitet: Der „No Blame Approach“. Das Erstaunlichste an der Methode: Die Täter spielen eine entscheidende und aktive Rolle bei der Lösung des Mobbingproblems, und dies, ohne überhaupt als Täter „geoutet“ zu werden.

Das geht so:

  • Erster Baustein ist ein Gespräch z.B. des Lehrers mit dem betroffenen Schüler, in dem dieser ihm Hilfe für die Lösung seines Problems in Aussicht stellt, und zwar ohne, dass das Mobbing-Opfer selbst etwas tun oder gar befürchten müsse, als Petze zu gelten. Das einzige, was der Schüler tun muss, ist die Namen der Mitschüler zu nennen, die ihm am meisten Schwierigkeiten bereiten, und einige Schüler zu bestimmen, die sich bisher neutral verhielten oder ihm freundlich gesonnen sind.
  • Im nächsten Schritt bildet der Lehrer aus allen diesen Kindern (also auch den 'Tätern') eine Unterstützergruppe. Die Schüler werden zu einem Gespräch eingeladen, in dem sie um die Mithilfe bei der Lösung eines Problems gebeten werden. Z.B. so: „Ich habe Euch eingeladen, weil ich Eure Hilfe brauche. Vielleicht habt Ihr auch schon bemerkt, dass es dem Schüler X nicht gut geht. Ich mache mir Sorgen um ihn. Mir ist es wichtig, dass sich daran etwas ändert.“ Die Schüler der Unterstützergruppe werden als Helferexperten angesprochen und aufgefordert, in der Gruppe Ideen zu entwickeln, wie die Situation des betreffenden Schülers verbessert werden kann. Danach werden konkrete Aufgaben verteilt, wer was machen möchte und ein weiteres Gespräch vereinbart.
  • Etwa zwei Wochen später wird in Einzelgesprächen mit dem vom Mobbing Betroffenen und den Mitgliedern der Unterstützergruppe besprochen, wie sich die Situation entwickelt hat.

Mobbing erfolgreich gestoppt: ein Beispiel aus der Praxis

„In den meisten Fällen kann das Mobbing damit dauerhaft beendet werden, wir erhalten fast ausschließlich begeisterte Rückmeldungen“, sagt Heike Blum vom Institut fairaend, das mit Unterstützung der Aktion Mensch den No Blame Approach in Deutschland in Lehrgängen bekannt macht und dessen Wirksamkeit evaluiert. Auf der No Blame Approach-Webseite des Instituts sind Erfahrungsberichte aus verschiedenen Schularten zu lesen. Einer davon stammt von Fred Over (52), Kontaktbeamter der Polizei im bayerischen Ingolstadt und ausgebildeter Mediator. Over, der regelmäßig in Ingolstädter Schulen das Gewaltpräventionsprogramm PiT durchführt, wurde zur Mithilfe bei der Lösung eines seit zwei Jahren anhaltenden Mobbingfalls in einer Realschule gebeten. Nach dem Vorgespräch mit dem Opfer bildete Over gemeinsam mit der Klassenlehrerin die Unterstützergruppe und sammelte Vorschläge zur Verbesserung der Situation des gemobbten Schülers. „Ich versuche immer zu vermitteln, dass wohltuende Dinge nichts Großes sind, sondern ganz einfache Kleinigkeiten“, sagt er im urbia-Gespräch. „Dazu gehören zum Beispiel ein Lächeln, ein Gruß, eine kleine Berührung, etwas für den anderen aufheben, sich in der Pause zu ihm stellen, usw.“ In Overs Team kamen zum Beispiel auch die Vorschläge, den betroffenen Schüler künftig nicht mehr auszulachen, einzuschreiten, wenn jemand ihn schlecht behandelt und ihn zum Chatten einzuladen.

Bei den Nachgesprächen nach zwei Wochen war Over verblüfft über die durchschlagende Wirkung der Methode: „Am erstaunlichsten war die Veränderung des gemobbten Schülers, er war viel gelöster, zeigte eine ganz andere Gestik und Mimik.“ Der Schüler bestätigte Over, die Hänseleien hätten aufgehört, er werde nicht mehr geärgert. Von den Schülern seiner Unterstützergruppe war er unter anderem zum Eis essen eingeladen und zu einem Kinobesuch mitgenommen worden.

Over will sich nun dafür einsetzen, den No Blame Approach-Ansatz an der Schule zu etablieren. Als Polizist ist er ganz besonders fasziniert von der Wirkung der Methode auf die Täter: „Sie nicht zu beschuldigen und zu bestrafen, sondern mit einzubeziehen, sie in die Pflicht zu nehmen und ihnen Verantwortung zu übertragen – das widerspricht komplett dem, was ich als Polizist gewohnt bin. Und es funktioniert.“

Weitere Informationen:

www.no-blame-approach.de

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No Blame Approach wurde in den 80-er Jahren in England entwickelt und seit längerer Zeit erfolgreich in der Schweiz erprobt. Schulen, die den Ansatz regelmäßig anwandten, berichten von einer Erfolgsquote von 85 Prozent.

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