Wie vor 30.000 Jahren

Geburtsrituale bei Naturvölkern

Den Weg zurück zur "natürlichen Geburt" bahnten Beobachtungen bei den Naturvölkern. Viel Wissenswertes über Geburtsrituale der Kulturen erfahren Sie hier.

Autor: Andrea Lützenkirchen
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Wie vor 30 000 Jahren

Masai Baby auf Ruecken
Foto: © iStockphoto.com/ brytta

In den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts filmten die beiden Ethnologen Grete und Wulf Schiefenhövel die Geburt eines Kindes. Diese Geburt fand jedoch nicht in einem vor Sauberkeit blitzenden Kreißsaal statt, sondern in einem Dorf in den zerklüfteten Bergen von Neuguinea. Die Dokumentation der Geburt dieses Mädchens und einiger weiterer Kinder der Eipo und der Trobriander, den Bewohnern einer gleichnamigen Inselgruppe in der westlichen Südsee, löste eine internationale Diskussion über die günstigste Art des Gebärens aus.

In einer Zeit, in der die technisierte Klinik-Geburt im Westen üblich war, zeigten diese Bilder eine völlig andere Form der Geburtshilfe. Davon angeregt forderten Ärzte wie z. B. Friedrich Leboyer und Hebammen den Weg zurück zur "natürlichen Geburt". Heute können Frauen ihre Kinder vielfach wieder so gebären, wie es schon vor 30 000 Jahren geschah. In einem Geborgenheit vermittelnden Umfeld, umgeben von der Fürsorge geburtserfahrener Frauen und einer frei gewählten Geburtsstellung.

Ein Schürzchen für neue Kraft

Unter dem Überstand des Frauenhauses von Munggona befinden sich mehrere Frauen und Mädchen. Sie kümmern sich um Wokwokto, die ihr erstes Kind erwartet. Die Eipo nennen die Geburt "me delina", das Kind "Auf-die-Erde-legen".

Wokwokto hat starke Schmerzen, sie schreit und stöhnt. Ihre Mutter Kwebto hält beständigen Körperkontakt zu ihr, stützt sie und massiert ihr liebevoll den Bauch. Ohne Aufforderung nimmt Wokwokto verschiedene Stellungen ein: Sie geht in die Hocke, setzt sich, kniet nieder, geht herum und nimmt den Vierfüßlerstand ein. Niemand sagt ihr, welche Position sie einnehmen soll. Sie selbst trifft die Entscheidung, welche Lage ihr guttut. So sehen Wokwoktos Bewegungen aus wie ein langsamer Tanz.

Als ihre Schmerzen sehr stark werden, reibt eine der Frauen ihren Oberschenkel mit einem Brennnesselblatt ein. Eine andere Helferin bringt Wokwokto ein neues Schamschürzchen: Das neue Schürzchen ist ein Symbol für neue Kraft. Als die Presswehen beginnen, setzt sich Wokwotko in schräger Seitenlage auf die Erde. Ganz ohne Hilfe gleitet ihr Kind auf den mit Blättern bedeckten Boden. Ihre Mutter legt Wokwokto den kleinen Jungen auf den Bauch.

Die Geburtsposition

Bei den Eipo, den Trobriandern und vielen anderen Völkern bringen die Gebärenden ihr Kind im Kreis von kundigen Frauen zur Welt, die sich voller Aufmerksamkeit um sie kümmern. Ganz anders die !Kung-Frauen in Botswana. Wenn sie fühlen, dass die Geburt beginnt, suchen sie sich eine schattige Stelle in der Nähe des Lagers und gebären ihr Kind dort ganz allein.

Die Frauen vieler Kulturen wählen bei der eigentlichen Geburt intuitiv eine halbaufrechte Haltung wie Hocken oder Knien. Das Becken öffnet sich in dieser Haltung weit und die Arbeit der Presswehen wird von der Anziehungskraft unterstützt.

Außer dem weit verbreiteten Hocken oder Knien sind noch viele andere Stellungen bei der Geburt üblich. Die brasilianische Tapirape-Frau liegt in einer Hängematte und lässt die Beine links und rechts über den Rand baumeln. Ihr Rücken wird dabei in einer sanften C-Stellung gewiegt. Wenn die Presswehen beginnen, wird ein Schlitz in die Hängematte geschnitten, durch den das Kind geholt wird.

Die Frauen der mexikanischen Mixteca-Indianer knien mit weit gespreizten Schenkeln auf speziellen Strohmatten, während ihr Partner hinter ihnen sitzt und ihre Taille umfasst. Auf den Osterinseln hingegen stehen die Frauen mit geöffneten Beinen und lehnen sich an einen männlichen Geburtshelfer.

Und auf den südpazifischen Tonga-Inseln sitzt eine gebärende Frau auf dem Schoß ihrer Mutter und diese auf dem mit besonders weichen Matten ausgekleideten Fußboden.

Väter bei der Geburt

Bis in die siebziger Jahre hinein war es bei uns nicht üblich, dass der Vater bei der Geburt dabei ist. Heute ist es umgekehrt. Jetzt muss sich ein deutscher Mann, der bei der Geburt seines Kindes nicht dabei sein möchte, seine Haltung schon fast verteidigen.

Die Frage der Rolle des Vaters bei der Geburt wird von den verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich beantwortet. Die Kulturen, die den Vater vor das Geburtszimmer oder die Frauenhütte verbannen, machen es ihm zur Aufgabe, für eine gute Entbindung zu beten. "Kämpfe tapfer wie ein Krieger...", beginnt das Gebet eines Chaggra-Vaters für seine gebärende Frau.

Die Tibeter glauben, dass durch die Anwesenheit des Vaters die Wehen verlängert werden. Dass Kind sei zu schüchtern, dem Vater sein Gesicht zu zeigen, meinen sie.

Dagegen ist der Vater bei den Bang Chan in Thailand bei der Geburt dabei, damit seine Hände möglichst als erste das Kind berühren. Er bringt Blumen, Weihrauch und eine brennende Kerze mit. Gaben, die ihm den Zutritt zur heiligen Stätte des Geburtszimmers gestatten. Dann betet er, dass die "Geburts-Winde" kommen mögen. Denn für die Bang Chan ist es der "drängende Wind" der das Kind bringt.

Wenn es bei der Geburt nicht mehr so recht vorwärts geht und es zu Komplikationen kommt, legt der wartende Gabbra-Vater in Kenia draußen vor der Geburtshütte den Gürtel und die Hosen ab. Symbolisch lockert er so alles Einengende, um den Weg für eine leichtere Geburt zu bahnen. Geteilter Schmerz ist halber Schmerz, sagt ein Sprichwort. Im Mittelalter wandte man diese Worte ganz praktisch an. Setzten die Wehen ein, zog die Frau die Kleidung ihres Mannes an, während ihr Gatte sich in ihren Kleidern am Boden wälzte, stöhnte und litt, als wenn er das Kind auf die Welt bringen müsste. In einigen entlegenen Teilen Indiens tauschen noch heute Mann und Frau die Gewänder mit Beginn der Geburt. Um sich ihrer Frau verbunden zu zeigen und den Geburtsschmerz mit ihr zu teilen, bringen sich die Männer in Brasilien mit dem Messer blutige Wunden bei.

Foto und einige Informationen wurden dem Buch "Mamatoto, Geheimnis Geburt", 1991, erschienen bei der vgs Verlagsgesellschaft Kölnwww.vgs.de, entnommen.


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