Ein sicheres Band

Bindung: Mama, halt mich fest

Ein Baby ist angekommen und plötzlich sind Sie mitten drin im Leben mit Kind. Sie sind nun Eltern – Bezugspersonen und Bindungspersonen. Wie Sie eine sichere Bindung zu Ihrem Kind aufbauen und warum das so wichtig ist, erfahren Sie hier.

Autor: Juliane Schmitz
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Bonding und Attachment

Mutter Baby kuscheln
Foto: © fotolia.com/ Anyka

Bindung beschreibt das Band, das zwischen Ihnen und Ihrem Kind besteht. Im Amerikanischen gibt es dafür zwei Begriffe: „Bonding“ beschreibt die innere Bereitschaft der Eltern, das Kind zu versorgen, es zu beschützen und emotional an sich zu binden. „ Attachment“ bezeichnet die Anhänglichkeit des Kindes seinen Eltern gegenüber.

Die Bindung zwischen Ihnen und Ihrem Baby wächst bereits vor der Geburt. Dr. Karl Heinz Brisch ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Bindungsforscher. Er betont, dass das „Bonding“ bereits während der Schwangerschaft entstehen kann, wenn die Mutter die Entscheidung trifft, für das Kind da zu sein und sich emotional auf das wachsende Baby einzulassen.

„Mama, ich vermisse dich“

Das Bindungsverhalten eines Babys entsteht in drei Phasen. In der Vorphase (ab der  Geburt) reagiert ein Kind auf alle Personen gleich. Es lässt sich von allen versorgen, egal ob Hebamme, Mama, Papa, Oma oder der Onkel. Danach folgt die Phase der Interaktion (ca. dritter Monat): Das Kind kann die Menschen, die mit ihm kommunizieren, von anderen unterscheiden. Es wendet sich seinen Eltern als Hauptbezugspartnern besonders zu. In der dritten Phase (ca. zwölfter Monat) beginnt die eigentliche Bindungsfähigkeit. Das Kind lernt laufen und es beherrscht die so genannte „Objektpermanenz“ für eine kurze Zeitspanne. Das bedeutet: Es versteht für kurze Zeit, dass etwas oder irgendwer weiterhin da ist, auch wenn es nicht mehr sichtbar ist. Wenn Sie als Vater oder Mutter aber länger aus seinem Blickfeld verschwinden und es Sie nicht hört, wird es rufen und weinen, weil ihm das innere Bild von Ihnen verloren geht und die Angst groß wird.

Durch diese neu gelernte Eigenschaft kommt es dazu, dass Ihr Kind nun weiß, dass Sie weiterhin irgendwo sind, auch wenn es Sie nicht sieht. Ihr Kind kann nun „vermissen“. Das innere Bild von Ihnen bleibt aber nur für kurze Zeit in seiner Erinnerung bestehen. In dieser Phase kommt es häufig zum ersten „Fremdeln“. Das Kind kann nun Neues und Vertrautes unterscheiden. Reaktionen von Menschen, die ihm nicht „vertraut“ sind, passen nicht in das Verhaltensschema, das es kennt. Es kommt zu Angst und Verwirrung. Die Erwartungen, die Ihr Kind hatte, werden nicht erfüllt. Es ist enttäuscht. „ Fremdeln ist ein Anzeichen dafür, dass das Kind auf dem Weg ist, ein sicher gebundenes Kind zu werden“, betont  Karl Heinz Brisch.

Bindungsmuster verstehen

Je nachdem, wie Sie auf Ihr Kind und sein Verhalten reagieren, entstehen unterschiedliche Bindungsmuster:

Wenn Sie ein hohes Maß an Mitgefühl zeigen, positiv kommunizieren, Körpernähe geben, eine angemessene Dosis an Reizen bieten, fördern Sie eine sichere Bindung.

Wenn Sie Ihrem Kind mit wenig Feinfühligkeit begegnen, sich in Situationen, die für das Kind unangenehmen sind, zurückziehen und körperliche Annährungsversuche vermeiden, bewirken Sie, dass Ihr Kind sich zurückzieht und ihm unwohl ist. Sie begegnen Ihrem Kind mit einer unsicher-vermeidenden Haltung.

Wenn Sie nach einer Trennung ihr weinendes Baby auf den Arm nehmen und trösten, ihm gleichzeitig aber Angst machen, entwickelt sich ein ambivalent-unsicheres Bindungsmuster. Sie sagen etwa: „Oh je, das muss weh tun, so ein blutendes Knie, ich hab dir aber gleich gesagt, du sollst da nicht hochklettern, das machst du nicht noch einmal, sonst schaut die Mami nicht mehr nach dir.“

Wenn Sie sich Ihrem Kind gegenüber sehr inkonsequent verhalten und unterschiedliche Reaktionen auf das gleiche Verhalten des Kindes zeigen – mal drohen, mal Angst zeigen, mal sein Verhalten ignorieren -, kann es den Zusammenhang zwischen seinem Verhalten und der elterlichen Reaktion nicht erkennen. Das löst in Ihrem Kind eine große Unsicherheit aus und kann zur Entwicklung eines desorganisierten Bindungsmusters führen. 

Bindung ist veränderbar - 3 Tipps

Das Bindungskonzept lässt sich auf alle Bezugspersonen Ihres Kindes anwenden. Jedoch ist jedes Bindungsverhalten ein eigenes, individuelles. So kann Ihr Kind an die  Großeltern sicher gebunden sein und zu Ihnen als Mutter trotzdem eine ambivalent-unsichere Bindung aufgebaut haben. Diese Muster zu den jeweiligen Bindungspersonen sind individuell, weil die jeweiligen Personen – Mutter, Vater, Großmutter – sich unterschiedlich feinfühlig dem Kind gegenüber verhalten haben.

Bindungserfahrungen und ihre Qualität sind sehr prägend. Sie bilden die Grundlage für das spätere Beziehungsverhalten. Dieses ist aber nicht unverrückbar. Bei bedeutsamen emotionalen Erfahrungen, etwa mit einem Partner, oder der eigenen Auseinandersetzung damit, zum Beispiel in einer Psychotherapie, kann sich das Beziehungsverhalten aber durchaus verändern. Außerdem ist es auch möglich, dass Eltern ihr Verhalten ändern und dadurch ein neues Bindungsmuster entsteht. Karl Heinz Brisch erklärt, wie das geschehen kann: „Eltern können zum Beispiel Interaktionstrainings machen. Das heißt, wir schauen Videos an und begleiten sie dabei zu lernen, die Emotionen der Kinder wie Angst und Panik zu verstehen, einzuordnen und angemessen und sicher darauf zu reagieren, anstatt die Kinder abzuweisen oder zu schimpfen. So kann aus einer unsicher-vermeidenden Haltung der Eltern gegenüber ihrem Kind eine sichere werden.“

Sicher gebundene Kinder können besser die Welt erkunden. Sie krabbeln mutig los und probieren aus, wie es ist, sich an einem Stuhl hochzuziehen oder die Blumenerde anzufassen. Sie fühlen sich sicher und wissen: Wenn mir etwas zustößt, ist jemand da, der mich schützt und birgt. Auch die Fähigkeiten zu lernen, das Gedächtnis, die Flexibilität bei der Lösung von Aufgaben, die Kreativität sowie die  Sprachentwicklung sind bei sicher gebundenen Kindern besser.

Die bindungsunsicheren Muster gelten als Risiko für die weitere psychische Entwicklung des Kindes: Es kann mit Belastungen nicht so gut umgehen, beispielsweise bei einem Umzug, Trennung der Eltern etc. Bindungsunsichere Kinder ziehen sich eher zurück und suchen alleine nach Lösungen. Sie lösen Konflikte häufiger durch Aggressivität, ihr Einfühlungsvermögen ist nicht so gut ausgeprägt und sie meiden Kontakt zu anderen. „Aber es ist nie zu spät“, sagt Bindungsexperte Karl Heinz Brisch. „Bindungsmuster lassen sich zeitlebens durch neue liebevolle Bindungserfahrungen in Richtung emotionale Sicherheit verändern.“

Drei Tipps für eine sichere Bindung

Und wie kann ich nun erreichen, dass zwischen mir und meinem Kind eine sichere Bindung entsteht?

  1. Kommunizieren Sie mit ihrem Baby von Geburt an! Geben Sie ihm Körpernähe! Das lässt es spüren, dass sie es bergen und (be)schützen wollen.
  2. Ermuntern Sie Ihr Baby, sich weiterzuentwickeln und loben Sie Fortschritte! Teilen Sie auch die Emotionen Ihres Kindes bei Misserfolg! Nehmen Sie es in den Arm und spenden Sie Trost, wenn es zum dritten Mal auf die Knie gefallen ist. Bestärken Sie es darin, dass es irgendwann schaffen wird, über den Baumstamm zu balancieren.
  3. Bleiben Sie verlässlich! Ihre Reaktionen auf das Verhalten Ihres Kindes sollten sich nicht widersprechen. Verbieten Sie Ihrem Kind, den Schrank auszuräumen, wenn Sie das nicht möchten. Untersagen Sie es mit einem klaren „Nein“, schauen Sie ihr Kind dabei in die Augen, damit es weiß, dass diese Grenze jetzt für es bestimmt ist. Nehmen Sie das Kind eventuell aus der Situation heraus, wenn der Schrank zu attraktiv ist und bieten ihm eine andere interessante Möglichkeit zum Spielen und Erkunden an. Nur so kann Ihr Kind Grenzen erkennen, die für Sie unabdingbare Orientierungspunkte sind -- wie ein Geländer in einem steilen Treppenhaus, an dem es sich festhalten kann. Seien Sie so ein Geländer für Ihr Kind!

Eine stabile, sichere Bindung aufzubauen, ist Arbeit – Beziehungsarbeit. Sie ist anstrengend, aber sie lohnt sich! 

Bindung in der Krippe - Fragen und Antworten

Wie wichtig ist die Bindung in einer Fremdbetreuung?

Wenn ein Kind im ersten Lebensjahr in eine  Krippe kommt, bedarf es einer sehr individuellen Eingewöhnung und des Aufbaus einer weiteren – möglichst sicheren - Bindung an eine Erzieherin. Die Erzieherin muss Schritt für Schritt alle Aufgaben der Mutter übernehmen: Füttern, Wickeln, Spielen, Trösten etc. Nach mehreren Wochen kann eine Bindung zu dieser Erzieherin aufgebaut werden, bei der sich das Kind sicher und wohl fühlt.

Und wenn die Krippenerzieherinnen wechseln?

Dann muss die  Eingewöhnung vom Prinzip her noch mal mit der neuen Erzieherin erfolgen. Nach internationalen Untersuchungen und Standards liegt im Alter von unter drei Jahren der ideale Betreuungsschlüssel bei Säuglingen bei 1:2, wenn größere Kinder dabei sind, bei 1:3. Das heißt, bei guter Krippenqualität sollte eine Erzieherin nicht mehr als drei Kinder betreuen. Der Betreuungsschlüssel in Deutschland liegt allerdings bei 1:6 und höher. Das bedeutet eine schlechte Krippenqualität und damit ist auch die Entwicklung einer sicheren Bindung zwischen der Erzieherin und ihrem Eingewöhnungskind gefährdet.

Ab welchem Alter ist die Betreuung in einer Krippe oder Kita nach sinnvoll?

Es ist ein großer Unterschied, ob man ein Kind von einem Jahr in eine Krippe mit schlechter Bindungsqualität bringt oder ein Kind von zwei Jahren. Das zweijährige Kind konnte schon eine hoffentlich sichere Bindung zu seinen Eltern aufbauen und kann dadurch eher auf diese Sicherheit zurückgreifen, wenn es in der Krippe durch die Trennung und Fremdbetreuung großen Stress erlebt, als ein einjähriger oder erst wenige Wochen alter Säugling. Bei der ganzen Frage um die Fremdbetreuung gilt: Kinder brauchen sichere konstante Bezugspersonen und sichere Bindungen – egal wo. Das heißt zu Hause und in der Krippe oder bei der Tagesmutter oder der Großmutter!

Ist eine Betreuung in der Krippe für Kinder unter zwei dann überhaupt förderlich?

Kinder, die aus einem „schwierigen“ Umfeld kommen und schon zu Hause großen Stress in ihrer Familie erleben, können in der Krippe sichere Bindungserfahrungen machen, die sie vielleicht zu Hause nie erleben werden. Dies gelingt aber nur dann, wenn die Krippenerzieherin ihrerseits sicher gebunden ist und feinfühlig mit dem Kind umgeht. Wenn es den Eltern durch  Trennung, Arbeitslosigkeit, Krankheit etc. nicht gut geht, sind sie oft nicht in der Lage, ihre Kinder feinfühlig zu behandeln, selbst wenn sie das wollen. Für diese Kinder könnte es ein Gewinn sein, in eine Krippe mit großer Betreuungsqualität und gut ausgebildeten, sicher gebundenen Erzieherinnen zu gehen. 

Erstveröffentlichung dieses Artikels bei "family" (Bundes-Verlag)


Service: Buch- und Linktipps

  • www.khbrisch.de: Die Website des Bindungsexperten Dr. Karl Heinz Brisch
  • www.gaimh.org: Website der deutschsprachigen Gesellschaft für seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit; hier gibt es Beratungsadressen in D, CH und A sowie Empfehlungen zur Krippenbetreuung
  • www.safe-programm.de: SAFE ist ein von Karl Heinz Brisch entwickelter Elternkurs zur Förderung einer sicheren Bindung zwischen Eltern und Kind
  • Karl Heinz Brisch: SAFE. Sichere Ausbildung für Eltern (Klett-Cotta) Dieses Buch zum Kurs vermittelt Eltern die notwendige Sicherheit im Umgang mit ihrem Baby.

Wo ist Wilma? Ein Bilderbuch über Bindungsmuster 

Wo ist Wilma?
Foto: © "Wo ist Wilma?", gesehen unter balance-verlag.de

Alarm: Erzieherinnenwechsel in der Kita! Die Kinder reagieren extrem unterschiedlich, aber die neue Erzieherin weiß das richtig zu deuten. Dieses Fachbuch vermittelt anschauliches Wissen über frühkindliche Entwicklung und das Bindungsverhalten von Kleinkindern. Ein wunderschön gestaltetes Praixis-Bilderbuch zum Thema Bindungsverhalten, das Fachkräfte und Eltern anspricht.

Das Bilderbuch vom BALANCE buch + medien verlag besitzt 40 Seiten und ist für 14,95 € unter www.balance-verlag.de erhältlich. 

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