Meine neue Rolle

Stiefmutter: Mein erstes Kind ist nicht mein eigenes

Ich habe (noch) keine Kinder, aber mein Partner ist schon Vater: Wenn eine Frau selbst kaum Erfahrung mit Kindern hat, kann es eine besondere Herausforderung für sie sein, jetzt ihre neue Rolle zu finden!

Autor: Gabriele Möller
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Wie die Jungfrau zum Kinde…

Plötzlich Stiefmutter
Foto: © colourbox

Auch eine Frau, die selbst schon Kinder hat, wird gegenüber einem „Bonus-Kind" anfangs fast immer von Unsicherheit geplagt. Aber sie besitzt wenigstens schon Erfahrung in Sachen Erziehung und Kinderentwicklung. Wer aber selbst (noch) nicht Mutter ist, besitzt dieses Know-How meist nicht. Da ist die Verunsicherung besonders groß, wenn plötzlich ein fremdes Kind ins eigene Leben tritt. „Mein Partner lebt in Scheidung, und er möchte jetzt das alleinige Sorgerecht beantragen. Was mache ich, wenn die beiden Kinder bei ihm einziehen?", fragt sich auch die Userin eines Elternforums mit gemischten Gefühlen, „ich hatte keine kleinen Geschwister oder Cousins, habe keine Neffen und Nichten, habe nie ‚gebabysittet'. Ich kann deshalb nicht gut mit Kindern!"

Oft kann es auch ganz schön überfordern, wenn der Alltag plötzlich mit Kindern geteilt werden muss, die nicht die eigenen sind. „Stiefmütter stehen morgens auf und gehen in die Arbeit, kommen abends heim, und haben auf einen Schlag Kinder – in meinem Fall gleich vier! Wer bitte will so etwas? Wer möchte morgens aufwachen und arbeiten gehen, und abends vierfache Mutter sein?", fragt eine andere Userin hörbar geschafft.

Natürlich sind umgekehrt auch viele Männer verunsichert, wenn sie eine Frau mit Kindern kennenlernen, selbst aber noch kein Kind haben. Weil es aber in der Mehrzahl noch die Frauen sind, die sich (oft zusätzlich zum Job) um Haushalt und Kinder kümmern, soll die „Stiefmutter" hier besonders im Fokus stehen.

Das Stiefkind löst einen „Relaunch“ des Alltags aus

Vielleicht kennst du es aus eigener Erfahrung: Ein „Stiefkind" bedeutet eine völlig ungeplante, aber tiefe Veränderung in Sachen Lebensplanung. Du findest dich plötzlich in der Mutterrolle wieder, obwohl du die eigentlich erst für später (oder auch gar nicht) ins Auge gefasst hattest. „Ich bin 29, und ich habe vor einem halben Jahr einen tollen Mann (30) kennengelernt. Er hat aber im Gegensatz zu mir zwei Kinder (10 und 8). Ich möchte selbst gerne welche haben und dachte immer, dass ich dann in dieses Thema langsam hineinwachsen werde", postet auch eine Forums-Userin, die sich von den Ereignissen noch ziemlich überrollt fühlt.

Stiefmutter, Freundin, Ersatzmutter - oder doch nur Gastgeberin?

Wenn auch du wie die sprichwörtliche „Jungfrau zum Kinde" gekommen bist, kennst die Unsicherheit selbst: Wie sich jetzt am besten verhalten? Wie auf das Kind zugehen? Welche Rolle einnehmen: Stiefmutter, Ersatz-Mama, gute Freundin - oder lieber doch nur Gastgeberin...? Auch eine Forums-Userin fragt sich zu den zwei Kindern ihres Freundes unbehaglich: „Was rede ich mit ihnen? Was, wenn sie mich total doof finden? Was sie wahrscheinlich tun werden - das hört man ja meistens von Scheidungskindern, dass sie neue Partner erstmal nicht mögen..."

Das Wort Stiefmutter ist zwar - trotz des negativen Beigeschmacks - immer noch geläufig. Es bedeutet aber nicht, dass du tatsächlich eine Art Mutter werden musst, wenn dein Partner Kinder mitbringt. Welche Rolle jetzt passt, hängt sehr von den Umständen ab.

Im Normallfall muss man sich gegenseitig erst einmal „beschnuppern" und näher kennenlernen. Und Offenheit ist dabei wichtiger, als allzu feste Vorstellungen. Deine Rolle hängt zum Beispiel auch von der Zeit ab, die du mit dem Stiefkind verbringst: Kommt das Kind nur alle 14 Tage für ein Wochenende, kann die Position der freundlichen Gastgeberin ein guter Anfang sein. Wohnt dein Stiefkind dagegen immer oder über längere Phasen bei euch, bist du sicher mehr als eine Gastgeberin. Doch auch hier solltest du dich nicht zu schnell auf bestimmte Erwartungen festlegen. Gib dir und dem Kind Zeit, herauszufinden, wie eure Beziehung am besten funktioniert!


Muss man sein Stiefkind lieben?

Viele Frauen glauben, sie sollten ihr Stiefkind lieben – schon damit sie nicht zur „bösen Stiefmutter" werden, wie wir sie aus dem Märchen kennen. Oft sind sie dann von sich selbst enttäuscht, wenn sie das nicht können - oder auch vom Kind, weil es diese Liebe vielleicht gar nicht will. Meist hat das Kind noch seine leibliche Mutter und akzeptiert es nicht, wenn die Frau an Papas Seite die Ersatzmutter geben will. Es ist auch normal, wenn du für das Kind, das nicht dein eigenes ist, zwar vielleicht Zuneigung, aber keine Liebe empfinden kannst.

Es entlastet deshalb sehr, wenn du nicht mit hehren Idealen in die Beziehung zum Kind gehst. Akzeptiere deine Gefühle und die des Stiefkindes so, wie sie sind. „Auch, wenn das jetzt ziemlich böse klingt, manchmal fällt es mir echt schwer, dem Kind die Zuneigung zukommen zu lassen, die es braucht. Von Liebe möchte ich gar nicht sprechen. Ich stelle auch nicht den Anspruch an mich, dass ich dieses Kind lieben muss", postet eine Stiefmutter, die ihre ambivalenten Gefühle inzwischen annehmen kann.

Umgekehrt kann es geschehen, dass dein Stiefkind nach einiger Zeit versucht, dich „Mama" zu nennen, obwohl die leibliche Mutter noch lebt. Wenn dir das ein ungutes Bauchgefühl macht, musst du das nicht akzeptieren. Es kann jetzt richtig sein, dass dein Partner kinderpsychologische Hilfe nutzt. Denn sein Kind kann mit diesem Verhalten eine Schwierigkeiten mit der leiblichen Mutter ausdrücken, die du als Stiefmutter nicht heilen kannst.

Die Stiefmutter sitzt oft zwischen den Stühlen

Als frischgebackene Stiefmutter musst du aber nicht nur deine Beziehung zum Kind finden. Sondern du wirst auch zum Bestandteil weiterer Beziehungen - oder „Fronten", wie es die Journalistin und Stiefmutter Sabine Petermann lieber formuliert. Davon gebe es gleich fünf, so die Autorin („Du hast mir gar nichts zu sagen! Stiefmutter sein ist nichts für Feiglinge"): die Gesellschaft, die leibliche Mutter, den Mann, das Kind und nicht zuletzt das Familienrecht, das Stiefmüttern kaum Rechte einräume. „Häufig schließen sich einzelne Parteien in einem gemischten Reigen zusammen und werden Alliierte. Nur die Stiefmutter hat kaum Verbündete, selbst ihr Partner kann zum Überläufer werden und ihr in den Rücken fallen."

Tatsächlich ist der Mann, der ja Partner und Vater in Personal-Union ist, oft hin- und hergerissen: Er möchte es dem trennungsbelasteten Kind nicht noch schwerer machen, hat vielleicht unterschwellige Schuldgefühle, oder will es sich mit der Mutter des Kindes nicht verderben: „Groß ist nämlich die Angst des Vaters, dass die Mutter ihm den Kontakt zu seinen Kindern verweigert", erklärt Sabine Petermann. Eine andere häufige Sorge der Väter ist es, dass sie von ihrem Kind abgelehnt werden. „Ich finde, mein Mann müsste härter durchgreifen", wünscht sich eine Userin. „Aber er hat immer Angst, dann den Zugang zu seinem Sohn zu verlieren. Er lässt ihm alles durchgehen, und der Junge macht bei uns, was er will."

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Abgrenzung statt Verflechtung

Damit eure Patchworkfamilie funktioniert, ist es entscheidend, dass du dich nicht zu sehr im hochkomplizierten Beziehungsgeflecht verstrickst, das zwischen Vater und Ex-Partnerin, zwischen dem Kind und seiner leiblichen Mutter, aber auch zwischen Vater und Kind besteht. So solltest du dich nicht für Dinge zuständig fühlen, die eigentlich Sache des Vaters sind: Setze dich bei Erziehungsfragen oder auch organisatorischen Details niemals selbst mit der leiblichen Mutter auseinander. Übernimm auch keine Aufgaben des Vaters, wie etwa das Hinfahren des Kindes zur Mutter, Elterngespräche in Schule und Kindergarten, oder die Lösung von Verhaltensproblemen des Kindes.

„Mir war es immer wichtig, dass ich nicht Mutter Nummer 2 oder in sonst einer erzieherischen Rolle bin", beschreibt es auch eine Userin eines Online-Forums. „Die Kinder haben Eltern, die für sie verantwortlich sind. Und so ist auch klar, dass ich mich in Erziehungsfragen nicht einmische, egal, wie meine persönliche Meinung aussieht." Dies schließe nicht aus, dass sie nicht trotzdem die Kinder auch einmal zu ihren Hobbys fahre oder ihnen bei einem Problem helfe.

Eigene Bedürfnisse wahrnehmen

Nicht die Aufgaben des Vaters zu übernehmen, heißt nicht, dass du in keinerlei persönliche Beziehung zum Kind treten sollst. Dies wäre auch kaum möglich. Doch was tun, wenn diese Beziehung sich sehr schwierig gestaltet? Wenn das Stiefkind aggressive Antworten gibt, sich nicht an Regeln hält, überall ein Chaos hinterlässt?

Am wichtigsten ist jetzt, dieses Verhalten nicht persönlich zu nehmen, sonst reagiert man ebenfalls mit Wut, betont Familientherapeutin Katharina Grünewald. Hilfreicher sei es, so die Diplom-Psychologin in ihrem Buch „Glückliche Stiefmutter", die eigene Gefühlslage gut zu beobachten – und sie dann gegenüber Kind und Partner auch auszusprechen. Gut eigne sich dafür eine Familienkonferenz, bei der jeder die Anderen darüber informiere, wie es ihm geht. „Häufig braucht man dann gar nicht mehr so dringend eine ‚Lösung'. Vielmehr kommt es darauf an, die Gefühle so sein zu lassen, wie sie sind", betont Grünewald in einem WDR-Interview.

Manche Stiefmütter wagen es aber lange nicht, ihre eigenen Gefühle anzuerkennen, aus Angst, vom Stiefkind oder seinem Vater nicht mehr gemocht zu werden. Andere Frauen wiederum sind allzu übereifrig „als Retterin unterwegs", wie Grünewald es nennt. Sie glauben, die Verletzungen des Trennungskindes wieder gut machen zu können – eine riesige Selbstüberschätzung, warnt die Fachfrau, denn dies könnten nur die leiblichen Eltern. „Als neue Person, die dazu kommt, kann ich immer nur begleitend zur Seite stehen. Am besten, indem ich wohlwollend bin, auffangend, zuhörend, interessiert, neugierig."

Buchtipps

  • Katharina Grünewald: „Glückliche Stiefmutter – Geht's mir gut, geht's allen gut", Herder Verlag 2015, ISBN-13: 978-3451613234.
  • Sabine Petermann: „Du hast mir gar nichts zu sagen! Stiefmutter sein ist nichts für Feiglinge", Diana Verlag 2015, ISBN 13: 978-3453285422.
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