Friede, Freude, Eierkuchen?

5 Krisen am Essenstisch und wie Eltern sie meistern

Gemeinsame Mahlzeiten stärken den Zusammenhalt einer Familie, sagen Experten. Doch im Alltag wird der Esstisch nicht selten zur Kampfzone zwischen Eltern und Kindern. Wir gehen dem Warum auf den Grund und schauen 5 typische Tischkrisen genauer an.

Autor: Kathrin Wittwer
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Es könnte so schön sein…

Krisen Familienessen
Foto: © fotolia.com/ monkey business

Mama, Papa, Kind(er) sitzen am appetitlich gedeckten Tisch, greifen nach Herzenslust zu, reichen sich gegenseitig die Butter, beißen genüsslich ins Brot, erzählen nebenbei und wenn’s mal kleckert, lachen alle herzhaft. Schön wär’s, sagen viele Eltern zu dieser Idylle: Familienmahlzeiten sind längst nicht immer so entspannt.

Warum und was sich da machen lässt, das haben wir drei Expertinnen gefragt:

  • Nandine Meyden ist Etikette-Expertin aus Berlin und Autorin von „Jedes Kind kann sich benehmen. So lernen Ihre Kleinen gute Umgangsformen.“ (www.etikettte-und-mehr.de)
  • Christine Ordnung ist Familienberaterin, Leiterin des Deutsch-Dänischen Instituts für Familientherapie und Beratung und Familylab-Trainerin in Berlin (www.christine-ordnung.de, www.ddif.de)
  • Ulrike Strubel ist Encouraging-Pädagogin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Individualpsychologische Beraterin im rheinland-pfälzischen Schifferstadt (www.beziehungspunkte.de)

Die größte Falle: viel zu hohe Erwartungen

„Die Erwartungen von einem so ganz harmonischen Miteinander sind sehr romantisch – und sehr utopisch“, sagt Christine Ordnung. Mahlzeiten sind bei vielen Familien die einzige Gelegenheit, wo alle zusammenkommen, und da landet alles auf dem Tisch, was sie gerade beschäftigt. „Was hier ausgetragen wird, zeigt, was gerade in der Familie los ist und Platz braucht.“ Da gibt es durchaus fröhliche Runden, aber genauso eben auch gereizte Stimmung.

Ebenfalls nicht unwesentlich für unentspannte Essen sei: „Eltern überfordern ihr oft Kind mit Ansprüchen. Es soll sich benehmen und seine Impulse kontrollieren, wo es mir als Erwachsene schon schwerfällt.“ Das sieht auch die Benimm-Expertin so: „Ich sollte immer fragen, kann mein Kind schon begreifen, was ich von ihm will? Ist es physisch wie psychisch überhaupt in der Lage, eine Regel anzuwenden?“, sagt Nandine Meyden.

Vor allem, ergänzt Ulrike Strubel, „ist das Thema Essen emotional sehr aufgeladen. Eltern verbinden es mit Fürsorge, mit Nähren. Hier lässt sich beweisen, dass man eine gute Mutter, ein guter Vater ist.“ So meinen Eltern eines mäkligen Essers, sie versagen. „Ihre Verantwortung ist es aber nur, dafür zu sorgen, dass das Kind regelmäßig etwas zu essen bekommt. Was und wie viel es isst, entscheidet es ganz allein. Wenn Eltern hier einwirken wollen, wird das immer ein Machtkampf. Und den gewinnen nie sie.“

5 Tischkrisen unter die Lupe genommen

1. Unser Kind (7) ist ein schlechter Esser. Wir Eltern können uns partout nicht einigen, ob wir das akzeptieren oder dagegen halten. Alle Mahlzeiten werden zur Qual. Was tun?

Das ist klar ein Elternthema, sagt Christine Ordnung: „Die zwei müssen anerkennen, dass sie unterschiedlicher Auffassung sind. Und sie können sich zurücklehnen, denn beide haben keinen Erfolg, und ein Kind, das sich für den Streit verantwortlich fühlt, wird erst recht nicht essen. Da gibt es jetzt von außen kein generelles Rezept zur Lösung. Aber wenn das Reden nur im Streit endet, kann eine Woche lang der Vater und die nächste Woche die Mutter die Zuständigkeit für das Essen übernehmen. Vielleicht entspannt es ein wenig, und die Eltern können das alte Fahrwasser verlassen.“

Außerdem, rät Ulrike Strubel, „sollten sich die Erwachsenen anschauen, was da mit ihnen los ist. Oft hat man selbst noch nicht verdaut, wie dieses Thema mit den eigenen Eltern war.“

2. In der Kita ist unser Kind (6) gern Tischdienst und hält sich an alle Regeln. Daheim will es keinen Finger rühren und missachtet jegliche Manieren. Warum geht es in der Kita, aber nicht bei uns?

Das ist ein absolut fruchtloses Äpfel mit Birnen vergleichen: „In der Kita sind Kinder in einer Gruppe mit 15, 20 Kameraden auf dem gleichen Level“, sagt Ulrike Strubel. „In so eine Gruppendynamik fügt es sich viel leichter ein. Zu Hause ist das schlicht eine völlig andere Situation.“ 

Isst ein Kind in Gemeinschaft besser, weil es da angenehmer ist? Oder benimmt es sich zuhause nicht manierlich, weil es mit schlechtem Benehmen Aufmerksamkeit bekommt? Hinterfragen kann man das – aber „bei einem Kindergartenkind auf eine sachliche Analyse zu dringen, ist zuviel verlangt“, sagt Nandine Meyden. „Grundsätzlich müssen Eltern akzeptieren, dass es Unterschiede gibt. Auch wir verhalten uns nicht jedem Gegenüber gleich.“

Vielleicht reicht abends auch die Kraft nicht mehr für die nötige Disziplin. Dass Kinder sich dann mehr gehenlassen, sieht Christine Ordnung als Vertrauensbeweis: „Zu Hause haben sie das Gefühl, sein zu können, wie sie sind.“

Eventuell spielt auch eine Rolle, dass Erzieher einen anderen Fokus haben, sagt Ulrike Strubel: „Bei ihnen geht es um Werte wie Kooperation. Eltern hingegen erwarten von den Kindern, einen Beitrag leisten zu müssen, wir tun was für euch, ihr sollt was für uns tun. Wenn sie das mal ruhig aussprechen, wir machen hier nicht alles, Fair Play, du bist gestresst, wir auch, dann können Kinder damit anders umgehen. 

Stress hin, Verständnis her: Es kann daheim nicht nur drunter und drüber gehen. Vielleicht reicht es aber, die eigenen Regeln auf die ein, zwei wichtigsten abzuspecken? Oder es finden sich, zumindest hin und wieder, Möglichkeiten, dieses oder jenes, was in der Kita gut gefällt, auch daheim zu machen?

3. Beim Abendessen tauschen wir uns über den Tag aus. Allerdings redet fast nur unser Kind (8), kommt mit dem Essen nicht voran, und wir müssen immer warten.

„Manche Kinder haben ein großes Mitteilungsbedürfnis“, sagt Christine Ordnung. Das können Eltern durchaus unterbrechen – aber bitte mit Feingefühl, denn „Vorhaltungen wie ‚Kannst du nicht mal den Mund halten’ sind kränkend und nicht hilfreich.“ Andere Kinder füllen vielleicht ein Vakuum, „wenn die Eltern sich nur anschweigen oder streiten“, nennt die Familienberaterin einen weiteren möglichen Grund.

Neigt ein Kind grundsätzlich dazu, die Bühne an sich zu reißen und dominiert es die Familie unverhältnismäßig, „sollte man das ändern“, sagt Nandine Meyden. „Das Kind muss lernen, dass es nicht der König ist. Man kann versuchen, dass es sich vor dem Essen ausreden kann und während der Mahlzeit Pausen setzen.“ Und es auch mal warten lassen: nicht als Strafe, sondern damit es ein Gefühl dafür bekommt, wie das für die Eltern ist.

4. Unsere Tochter (5) ist ein sehr langsamer Esser. Wir wollen nicht drängeln, aber immer auf sie warten zu müssen ist uns auf Dauer zu anstrengend.

„Ein Kind isst so schnell es in dem Moment kann“, sagt Christine Ordnung. Das müssen aber nicht jedes Mal alle aussitzen: „Man kann das ehrlich erklären, du sollst dich nicht gedrängt fühlen, aber ich möchte gern aufstehen, und dann bleibt nur einer mit sitzen.“ 

Auch wenn das gemeinsame Beginnen und Beenden einer Mahlzeit sehr wünschenswert ist, sieht das Benimm-Expertin Meyden genau so: „Mit 5 kann man noch nicht alles. Aber trödelt ein Kind sehr, tut man ihm nichts Gutes, wenn es nicht lernt, dass das nicht vernünftig ist. Kinder sollen authentisch sein, ja. Aber wir sind keine Einsiedler, wir leben in sozialen Gemeinschaften, auf die muss ich mich einstellen können.“ Möglicherweise hilft, „eine maximale Essenszeit zu vereinbaren, nach deren Ablauf abgeräumt wird“, schlägt Ulrike Strubel vor. Eltern sollten aber auch das eigene Tempo überprüfen: „Wenn sie Schnellschaufler sind, wäre es fatal, das Kind anzutreiben“, so Nandine Meyden. 

5. Unsere Kinder (5 und 8) verstehen sich gut. Aber beim Essen beginnen sie unweigerlich Streit. Was ist da los?

„Geschwister müssen ihre Rangordnung immer wieder neu erkämpfen und klären, wie stehen wir zueinander“, so Christine Ordnung. „Wenn sie tagsüber in unterschiedlichen Institutionen sind und sich erst daheim wiedersehen, handeln sie jetzt all das miteinander ab, wozu sie früher vielleicht ein paar Stunden am Tag Zeit hatten.“

Ulrike Strubel rät, „klar anzusagen, dass man das als Eltern trotzdem nicht schön findet und gemeinsam mit den Kids eine Lösung sucht.“

5 Tipps für entspannte Familienessen

1. Kinder in Ruhe lassen

„Kinder bekommen heute oft zu viel Aufmerksamkeit“, meint Christine Ordnung, „und zwar entweder kontrollierend oder bewundernd. So unter Beobachtung zu stehen, ist unglaublich anstrengend. Entweder fühlen sich die Kinder ständig verkehrt oder übernehmen die Show-Time. Und sind irritiert, wenn die Erwachsenen das erst lustig finden und später schimpfen, weil das Kind den Löffel in die Suppe haut.“ Ist es verwunderlich, dass sie sich da wehren und sich ihr Unbehagen in schlechtem Benehmen äußert? „Ich glaube, 80 Prozent der Schwierigkeiten hören auf, wenn die Eltern realisieren, wie sehr sie mit Aufforderungen, Zurechtweisungen, Erwartungen, Kritik und Kontrollieren am Tisch anwesend sind. Es ist ihre Aufgabe, das zu beenden.“

2. Machen statt reden

Ohnehin lernen Kinder Manieren vor allem am Vorbild, bekräftigt Nandine Meyden: „Kinder kriegen schon sehr früh mit, was Eltern ihnen vorleben. Wenn ich meine eigenen Regeln konsequent einhalte, braucht es gar nicht soviel, dass das Kind das mit der Zeit auch macht.“

Wenn Anleitung, dann „in einer Art, wie wenn man mit einer guten Freundin irgendwo essen geht, wo Rituale stattfinden, die sie noch nicht kennt. Dann wird sie auch nicht öffentlich kritisiert, sondern man hilft ihr freundlich“, ergänzt Christine Ordnung.

3. Geduld haben

Kleine Kinder sind langsam(er), appelliert Christine Ordnung. „Man kann das Kind ruhig bitten, etwas so oder so machen, und dann muss Pause sein, um das zu verdauen. Wenn es nicht angekommen ist, kann ich es in einem ruhigen Ton noch mal sagen. Passiert nichts, darauf belassen und später neu probieren.“ 

Eltern unterschätzen, wie oft man Sachen wiederholen muss, bis sie wirklich angekommen sind“, weiß Nandine Meyden. „Es kann Jahre dauern, bis etwas verinnerlicht ist.“ 

4. Locker bleiben

Zu erwarten, dass Familienessen stets konfliktfrei geht, ist unrealistisch. „Da sollte man anerkennen, wie es gerade in der Familie ist, was da alles los ist, und sich deshalb nicht schlecht fühlen“, rät Christine Ordnung. „Wenn man sich und die Kinder dafür nicht kritisiert, entspannt das schon.“

„Ganz wichtig sind Abwechslung und Ausnahmen“, plädiert Nandine Meyer, „sonst artet das in Druck aus, wenn man sehr viel Wert auf Manieren legt. Also lieber am Wochenende mal ein lustiges Essen, wie die Ritter, oder wo das Kind bestimmen darf.“ Ein großes Wachstuch hatte sich bei Familie Strubel für ein Picknick auf dem Wohnzimmerboden bewährt, „und besser Schnittchen als Essen, das matscht.“ 

5. Probleme nicht am Tisch lösen

Frieden wird abseits des Schlachtfelds geschlossen: Dafür setzt man sich in einer ruhigen Minute zusammen, zum Beispiel im Familienrat, ohne Angriffe oder Wertungen. „Ich habe mit meinen Kindern auch abends auf der Bettkante oder in der Badewanne geredet, wo vertrauensvolle Plätze waren und die Stimmung gut“, erinnert sich Ulrike Strubel. „Dann waren sie immer neugierig, wie sie mir helfen können.“


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