Nerviger Alltag

Wenn Mama ihre Krise kriegt

Wahnsinn, dieser Alltag mit kleinen Kindern! Keine ruhige Minute, ständig wollen alle 20 Sachen gleichzeitig von Mama. Das schafft sie alles, kein Problem, doch dann kommt die 21. Sache und dann kann Mama nicht mehr. Wütendes Schreien ist das untrügliche Zeichen: Mama hat ihre Krise. Lies, wie du da (natürlich) wieder rauskommst.

Autor: Monika Maruschka
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Kleinkind-Alltag: Manchmal einfach zu viel des Guten

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Foto: © fotolia.com/ Scott Griessel

Bei mir ist es das Anziehen, das mich manchmal in den Wahnsinn treibt. Ich habe es zum Spaß mal durchgerechnet. Drei Kinder an 250 Werktagen morgens fertig machen, im Kindergarten nochmal Hausschuhe an, nach dem Kindergarten wieder rein in die Klamotten, zu Hause wieder raus und abends in die Schlafanzüge. Rechne ich mir für einen kompletten Drei-Kinder-in-frische-Klamotten-Wechsel 20 Minuten, und für die anderen zehn Minuten an, komme ich im Jahr auf 20.000 Minuten, also 333 Stunden  nur für das Anziehen meiner Kinder. Wäre Kinderanziehen mein Fulltime-Job, wäre ich 44 Werktage, also quasi zwei Monate beschäftigt. Nach dieser Rechnung geht es mir besser.

Zwanzigtausend Minuten jährlich Kinder anziehen – das DARF einen manchmal in den Wahnsinn treiben, oder? Ich frage mich ehrlich gesagt, warum ich nicht viel häufiger mit den Nerven am Ende bin, sondern weiter mit Engelsgeduld die rosa Haarspange mit den weißen Tupfen suche, das Lieblings-T-Shirt aus der Wäsche hole und über Unterhosenfarben diskutiere.

Und täglich grüßt das Murmeltier: Der Alltag kann einen schaffen

Spaß beiseite. Der Alltag mit Kleinkindern ist anstrengend und zermürbend, ein bisschen wie „Und täglich grüßt das Murmeltier“, nur dass „I got you, Babe“ hier „Ich hab Hunger, Mama“ heißt. Was für mich das Anziehen, mag für andere das Sitzen am Tisch, das Baden, Kinderzimmer aufräumen oder das Zähneputzen sein. Es geht nicht um Situationen, in denen Kinder etwas tun, wie z.B. das Ledersofa mit Filzstift bemalen, worauf man reagieren muss. Es ist der unendliche Strom an Momenten, in denen ein Kind einfach nur Kind ist, müde, trotzig, ungeschickt, der auf eine Mutter trifft, die eine ganz schlechte Minute hat, nämlich die Zwanzigtausendunderste. Und in dieser zwanzigtausendundersten Minute kann sie einfach nicht mehr und will nur noch schreien – und tut es dann auch.

Ich fühle mich dann als schlechte Mutter, das Gefühl überfordert zu sein, ist kein schönes. Das teile ich offensichtlich mit Autorin Julia Heilmann. In dem Buch „Kinderkacke – Das ehrliche Elternbuch“, das sie gemeinsam mit ihrem Mann verfasst hat, spricht sie vielen Müttern aus der Seele: „Oft schreie ich die Kinder oder meinen Mann an, weil mir schlicht die Kraft für konstruktive Verhandlungen fehlt."  Bei einem Treffen mit anderen Müttern erfahre ich Ähnliches. „Ich bin nur am Meckern, meistens brülle ich auch“ gesteht Dagi, Mutter von drei Kindern. „Jonas sagt, ich würde nur schimpfen“, klagt Nina, „manchmal bin ich vor dem Kindergarten schon fertig mit den Nerven“, offenbart Katie.

Autorin Heilmann stellt allerdings über das Schreien fest: „Das funktioniert jedoch nicht.“ Und Recht hat sie. Nur, wie kommt man aus der Tretmühle wieder raus, was kann man tun, bevor es eskaliert, wie reagieren, wenn es doch wieder so weit gekommen ist?

Die Erleichterung: Ich muss nicht immer konsequent sein

Diplom-Psychologin und Elternberaterin Frauke Ostmann, selbst zweifache Mutter, ist der Meinung, dass solche Ausbrüche durchaus einmal passieren dürfen: "Es ist ok, wenn die Kinder das erleben, denn so ist es. Ein schlechtes Gewissen macht dann keinen Sinn.“ Als direkte Reaktion empfiehlt sie, die Situation kurz zu erklären, aber die Kinder nicht zu überfordern. „Kurz und knapp die eigenen Gefühle benennen reicht dann schon. Älteren Kindern kann man dann noch den Zusammenhang zwischen ihrem Verhalten und dem Ärger erklären und sagen, dass jetzt wieder alles in Ordnung ist, mehr nicht.“

Mamas oder Papas kriegen ihre Krise selten einfach so, sondern in – nennen wir es – Standardsituationen. Alle sind müde und geschafft, man hat sich viel vorgenommen, doch der Alltag mit Kindern lässt sich nicht immer planen. Rechtzeitig zu merken, wann es für einen selbst zu viel wird, ist laut Ostmann Übungssache. Und wenn man es merkt? „Dann aus der Situation heraustreten, bis zehn zählen, in ein anderes Zimmer gehen“. Die kurze Zeit, die dadurch gewonnen wird, sollten Eltern dann dazu nutzen, sich zu fragen, ob sie die Situation nicht selbst beenden können. „Wenn Kinder müde sind, muss ich meine Regeln nicht so streng durchsetzen – auch wenn das nicht die superkonsequente gesamtpädagogische Haltung ist. Eltern müssen lernen situationsbedingt zu handeln.“ Sprich, muss ich darauf bestehen, dass sich meine vierjährige Tochter selbst anzieht (Regel) oder mache ich das eben schnell, weil sie müde ist (Situation). Oder muss es wirklich der Einkauf nach dem Kindergarten sein, kann das nicht noch einen Tag warten, wenn ich frei habe? Selbstschutz ist die Devise.

Was schaffe ich jetzt noch, was schaffen die Kinder?

Und damit sind wir schon mitten in den Überlegungen, wie elterliche Krisen vielleicht nicht ganz verhindert, aber sicher reduziert werden können – zum Wohl aller Beteiligten. Wenn Eltern gelernt haben, die Situation und die Chance auf Durchsetzung bestimmter Regeln oder eines gewünschten Verhaltens abzuschätzen, können sie selbst entscheiden, ob sie in der Lage sind, das mit allen Konsequenzen durchzusetzen. Und wenn man sich selbst die Schwäche eingestehen kann, dass man es nicht kann, lässt man es eben bleiben.

Frauke Ostmann nennt ein Beispiel: „Wenn die Regel ist, dass mein Kind nicht mit meinem Handy spielen darf, ich aber beim Arzt noch 30 Minuten im vollen Wartezimmer warten muss, kann ich selbst entscheiden, die Regel jetzt aufzuheben, um es leichter zu haben. Das muss allerdings vorher geschehen“, warnt die Expertin, „denn wenn ich erst 'nein' sage und dann bei Gequengel nachgebe, legt das Kind die Regeln fest, nicht ich.“ Wichtig ist also, dass Mama oder Papa verlässlich bleiben und nicht innerhalb einer Situation kippen. Und dann der tolle Satz, der alle dauer-anziehenden Mütter entlastet: „Ich muss nicht jede Regel zu 100 Prozent Tag und Nacht durchziehen. Die perfekte Mutter hat diese Energie immer, aber die Frage ist doch, wie erledigt man es unperfekt?“ Danke!

Wichtigster Faktor für Entspannung: Zeit

So wenig perfekt man ist, lohnt es sich doch, die Situationen zu analysieren, die einen immer wieder auf die Palme bringen. Ist es der Krach? Der Geschwisterstreit? Das Chaos, in dem ich das Gefühl habe, nie etwas fertig zu bekommen? Aus ihrer Erfahrung mit Eltern weiß Frauke Ostmann: „Wenn ich mich frage 'warum?', entwickele ich mehr Verständnis für mich selbst. Das alleine entspannt die Situation oft.“

Diesem psychologischen Ansatz fügt sie aber ganz pragmatische Tipps für den Alltag hinzu. „Eltern sollen sich einzeln und auch gemeinsam immer wieder Freiräume schaffen und das Zeitmanagement überdenken“, empfiehlt die Expertin.

Ich erinnere mich an die „Baby-Tage“, die ich mit meiner damals vierjährigen Ältesten nach der Geburt des Jüngsten eingeführt hatte. An diesen Tagen musste sie sich nicht anziehen, sondern wurde wie das Baby auf dem Wickeltisch von mir fertig gemacht, samt rosa Haarspange mit weißen Tupfen. Es wird Zeit, diese öfter wieder aufleben zu lassen – und heute Abend lasse ich den Abwasch stehen und schaue mir in aller Ruhe mal wieder „Und täglich grüßt das Murmeltier“ an.

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