urbia-Interview mit Jan-Uwe Rogge

Lasst Kinder auch mal auf die Nase fallen

Jan-Uwe Rogge gehört zu Deutschlands bekanntesten Erziehungs-Experten. In seinem Buch "Der große Erziehungs-Check" stellt er die gängigsten Erziehungsprogramme auf den Prüfstand. Mit urbia sprach er über die Bedeutung von Humor in der Erziehung und darüber, was gute Eltern ausmacht.

Autor: Petra Fleckenstein
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Nicht alles ist planbar

Kind Erziehung Rogge Teaser
Foto: © Fotolia.com/ tunedin

Ihr Buch liest sich wie die Quintessenz aus vielen Jahren Erfahrung in der Eltern-Beratung. Was waren Ihre besonderen Aha-Momente? 

Jan-Uwe Rogge: Folgende Gedanken sind für mich in der Rückschau auf diese 30 Jahre wichtig: In den 70er Jahren herrschte die Ansicht, Erziehung sei planbar, man müsse nur die richtigen Techniken anwenden.

Doch inzwischen weiß ich: Das einzige, was man über Erziehung wissen kann ist, dass der Ausgang ungewiss ist. Es ist nicht alles planbar, dies versuche ich Eltern zu vermitteln. Der zweite Gedanke, der mir wichtig ist: Man weiß heute viel über Erziehungstechniken, aber zu wenig über die natürlichen Entwicklungsphasen von Kindern.

Portrait Dr. Jan-Uwe Rogge
Foto: © Marijan Murat

Zu Beginn geben Sie eine Art Grundsatzerklärung zu immer wiederkehrenden Fragen ab. Zum Beispiel zur Frage: Was macht gute Eltern aus? 

Jan-Uwe Rogge: Gute Eltern sind Eltern, die mit sich in Kontakt sind, die eine Haltung entwickeln sich selbst gegenüber. Dann kann ich auch mein Kind annehmen mit all seinen Stärken, aber auch dem, was ein Kind nicht kann. Und: Erziehung ist Begleitung eines Kindes durchs Leben und nicht Vorbereitung auf das Leben. Das bedeutet immer, im Hier und Jetzt zu leben. Und drittens: Kinder sind Geschenke, nicht nur Objekte, um die man sich kümmert, sondern auch Subjekte, durch die man eine ganze Menge erfahren und erleben kann.

Tatsächlich sind viele Eltern heute verunsichert. Weil diese alles richtig machen wollen und Angst vor Fehlern haben, sagen Sie ... 

Jan-Uwe Rogge: Die Kehrseite der Illusion, alles genau planen zu können, ist die Befürchtung, wenn man Fehler mache, sei das Kind ein für alle mal verdorben. Aber so einfach ist das alles nicht. Ich sage Eltern immer: Wenn Ihr Eure Kinder im Bett habt und im Wohnzimmer sitzt, dann denkt als Erstes darüber nach, was heute gut gelungen ist und betreibt nicht diese Selbstkasteiung: „Ich kann es nicht, bei mir klappt es nicht.“ Und für die Beratung ist es wichtig, Eltern wertzuschätzen und zu achten, ich darf nicht als Besserwisser auftreten, sondern muss an den Kompetenzen anknüpfen, die Eltern immer auch haben. 

Sie plädieren für Entschleunigung, da heute alles oft zu schnell und zu früh geschehe. Was denn zum Beispiel? 

Jan-Uwe Rogge: Wir haben zum einen eine Verfrühung von Entwicklungsphasen, das Trotzalter und die Pubertät setzen früher ein. Und dazu kommen gesellschaftliche „Verfrühungen“ wie das G8-Abitur und die ganzen Frühförderprogramme in KiTas, was also Kinder heute schon leisten müssen. Ich plädiere dafür zu erkennen, dass das Kind sich auf seine Weise entwickelt, dass es sein Tempo mit in diese Welt bringt.  Das sollten wir respektieren: Es gibt die Schnecken und die ICEs unter den Kindern. Dieses Tempo können wir nicht verändern, ohne massiv in die Persönlichkeit des Kindes einzugreifen. 

Das Tempo respektieren bedeutet, Kinder spielen zu lassen. Kinder spielen nach wie vor gerne draußen, sie spielen gerne im Dreck, sie fallen gerne hin. Ich liebe das Lied vom Hänschen klein, in der zweiten Zeile heißt es „geht allein“. Ich sage Eltern oft: Hänschen geht, und es geht allein, das heißt, es wird nicht gefahren. 

Wie, ganz konkret, sieht Entschleunigung aus in einer Familie z.B. mit zwei kleinen Kindern und zwei berufstätigen Eltern? 

Jan-Uwe Rogge: Für berufstätige Eltern bedeutet Entschleunigung, sie sollen alle drei Wochen ein Wochenende nur mit sich selber verbringen, damit sie nicht nur Vater und Mutter, sondern auch noch Mann und Frau sind. Der zweite Faktor ist: Lasst Kinder spielen, lasst sie in Ruhe, lasst sie auch mal auf die Nase fallen. Und wenn Ihr Urlaub macht, dann muss es nicht gleich eine Flugreise nach Mallorca sein, es reicht auch ein Wanderurlaub z.B. im Sauerland.  

Umwege erweitern die Ortskenntnis

Sie stellen im Buch auch Elternkurse vor, welche legen Sie Eltern besonders ans Herz, von welchen würden Sie eher abraten?

Jan-Uwe Rogge: Alle Elternkurse, die Selbsterfahrung zulassen, die getragen sind von Empathie für die Eltern, die auf einer humanistischen Tradition basieren, würde ich empfehlen. Was für sie passt, müssen Eltern aber selbst herausfinden. Alle Kurse, die ein Glücksversprechen haben, wenn man nur bestimmte Dinge befolgt, von denen würde ich abraten.

Wie wichtig ist Humor in der Erziehung?

Jan-Uwe Rogge:  Humor ist das Wichtigste. Pestalozzi hat einmal gesagt: Lache drei mal am Tag mit Deinem Kind, dann geht es Dir gut. Ich sage den Eltern: Wenn Ihr so verbiestert dreinguckt, dann findet Euch das Kind zum „Schreien". Wenn Du lachst, dann bist Du „erschüttert" und wenn Du erschüttert bist, entstehen neue Räume für Erkenntnisse, für Ideen, für Fantasien. Lachen ist eine Haltung. Wer lacht, schaut sich auch von außen an und hat dadurch auf eine wunderbare Weise auch Distanz zu sich selber.Sie warnen Eltern, die nicht sein wollen wie ihre Eltern, erlittenes Unrecht am eigenen Kind wiedergutmachen zu wollen. Waren Sie mit der Erziehung Ihrer Eltern zufrieden?

Jan-Uwe Rogge: Ich hatte ein Wahnsinnsglück. Ich bin in einer richtigen Großfamilie großgeworden, hatte bis in die Pubertät hinein noch eine Urgroßmutter. Das heißt, ich bin generationsübergreifend erzogen worden. Und weil ich gerade sagte, man muss Kinder ihre Erfahrungen machen lassen: Das durfte ich, zum Beispiel wäre ich einmal fast ertrunken, weil ich meinte, wie Jesus übers Wasser gehen zu können. Also ich weiß, wovon ich spreche.

Gab es Dinge, die Ihre Eltern hätten anders machen sollen?

Jan-Uwe Rogge: Das Einzige: Ich komme aus einer Seefahrerfamilie, und durfte zunächst kein Abitur machen, weil ich ebenfalls zur See fahren sollte. Mit der Hilfe meines Lehrers wurde dann aber ein Kompromiss gefunden: Ich durfte doch das Abitur machen, musste aber dann auch zur See fahren und habe das auch sechs Jahre lang getan. Aber in meinem Buch steht auch ein ganz zentraler Satz: Umwege erweitern die Ortskenntnis, das gilt auch für jede Biographie. Wenn Du immer nur geradeaus gehst, dann siehst Du die Blümchen nicht am Wegesrand.

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