Leben mit Kindern

Die Entdeckung der Langsamkeit

Haben Sie schon einmal versucht, mit zwei kleinen Kindern schnell von hier nach dort zu gelangen? Enorm, was Kinder unterwegs so alles Wichtiges entdecken. Wie gut, wenn Mama und Papa es da gerade nicht eilig haben!

Autor: Petra Fleckenstein
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Gute Entschuldigung für Verspätungen

Entdeckung der Langsamkeit
Foto: © colourbox

Was wird anders, nachdem Paare ihr erstes Kind bekommen haben? Richtig! Sie sind nie mehr um eine gute und stichhaltige Entschuldigung verlegen, wenn sie zu Verabredungen zu spät erscheinen. Denn frei nach Murphy's Law lieben es Babys, genau dann ihr großes Geschäft in die Windel zu drücken, wenn Eltern und Nachwuchs gestiefelt und gespornt in der Wohnungstür stehen. Oder sie schlummern nach einem durchbrüllten Vormittag genau dann selig in ihrem Kinderbettchen ein, wenn die lange geplante Verabredung just bevorsteht. So dass die erschöpften Eltern es partout nicht übers Herz bringen, das endlich schlafende Engelchen aus Morpheus Armen zu reißen.

Genervt sein oder daran wachsen

Wenn Paare Kinder bekommen, bricht in einen oft gut geregelten und sinnvoll verplanten Alltag mit einem Schlag die Anarchie ein. Wege, die zuvor in wenigen Minuten zu ersprinten waren, stecken plötzlich voller Hindernisse. Zielgerichtetes Handeln wie: "Ich mache mich fertig, um in zehn Minuten das Haus zu verlassen", verästelt sich fortan in zahlreiche Seitenwege. Vormals unbedeutendes Geschehen auf der Straße mutiert zu einer Attraktion, die so lange bestaunt und diskutiert werden will – bis die Bahn mal wieder weg ist. Eltern haben nun die Wahl: Sie können ihre Kinder und deren Herangehensweise an das Leben als Stör-Kontinuum auffassen und sich ständig furchtbar aufregen. Oder sie begeben sich auf eine spannende innere Reise, die man die "Entdeckung der Langsamkeit" nennen könnte.

Station eins: Die Müllabfuhr

Zum Beispiel morgens: Hektik erfüllt das Haus. Wecken, anziehen, Frühstück, waschen, Zähne putzen, Kindergartentaschen packen - und nebenbei sich selbst vom verschlafenen Knitterwesen in eine ansehnliche Gestalt verwandeln, die fit und motiviert zur Arbeit eilt. Die Zeit drängt, nur noch die Jacken an, dann aber los. Da, Dröhnen und Klappern dringt von der Straße hoch und löst bei den Kindern aufgeregte Schreie aus. "Die Müllabfuhr!" Halb angezogene Mützen fallen wieder zu Boden, Stühle werden ans Fenster gerückt. "Mama, schau mal!"

Was nun? Die Kinder anpflaumen: "Dafür haben wir jetzt keine Zeit" oder gar "was juckt mich die Müllabfuhr"? Oder vielleicht mal wieder richtig hinschauen: Bewundern, wie geschickt der Müllmann die schwere Tonne rollt, die Männer betrachten (da gibt’s ja sogar einige ansehnliche Exemplare) oder sich mit dem Sprössling fragen, wie viele Tonnen Abfälle das Müllauto wohl schlucken kann. Vorteil: Das erweitert den Horizont, entspannt die Nerven. Nachteil: Sie kommen etwas zu spät zur Arbeit. Ein Zeitverlust, der aber durch bessere Konzentration und Entspanntheit unschwer wieder wett gemacht werden kann.

Station zwei: Wasserpfützen

Fällt die Haustür hinter einem zu, lauern neue Attraktionen. "Pfützen", jauchzen die Kleinen, während Mutter mit der braunen Suppe nur Ungutes verbindet wie: "Muss das schon wieder regnen" oder "nur nicht mit meinen Velours-Pumps reintreten". Was tun? Die Kinder scharf ermahnen, sich ja nicht mit dem Schmuddelwasser zu besudeln und sie schnell weiterzerren? Oder vielleicht selbst mal durchwaten und genießen, wie das Wasser vom Stiefel zurück in die Lache perlt. Mit dem Nachwuchs versuchen, kleine Steinchen genau in die Mitte der Pfütze zu treffen oder Stöckchen darauf schwimmen lassen und beobachten, wie anmutig sie auf dem Wasser tanzen. Vorteil: Wer sich auch mal Zeit zum Träumen nimmt, wird ausgeglichener. Zwar frisst auch das wieder kostbare Zeit, jedoch nicht mehr als der Kampf, der entsteht, wenn Sie versuchen, wider den innigen Wunsch der Kleinen, die Pfützen links liegen zu lassen.

Station drei: Baustelle

Das ohrenbetäubende Knattern des Presslufthammers weckt vor allem Fluchtgefühle, und die Ästhetik eines Schaufelbaggers erschließt sich normalerweise höchstens Ingenieuren. Anders mit Kind. Jede noch so unansehnliche Baustelle wird mit großem Hallo begrüßt und lädt zum Verweilen ein. Und nun? Die begeisterten Zuschauer mit dem Hinweis "die baggern auch heute Mittag noch" am Ort des Lärmens vorbeischleusen? Oder sich einmal wieder der sonderbaren Faszination überlassen, die ein schweres Baugerät um sich verbreitet, während es mit martialischer Macht große Brocken aus dem Straßenpflaster reißt?

Der unbekannten Welt unterirdischer Leitungen nachsinnen, die sich nur selten dem Tageslicht zeigt und sich in den muskelstarken Mann hineindenken, der seinen Körper Stund um Stund vom Presslufthammer durchrütteln lässt? Vorteil: Die Scheuklappen ein wenig zu lüften hilft einem, manch bisher unbeachtetes und dennoch interessantes Detail zu entdecken. Nachteil: Zum Kindergarten, der Verabredung, der Arbeit kommen Sie nun definitiv zu spät, haben aber, wie bereits bemerkt, eine wasserdichte Entschuldigung.


Alltag wird zum Abenteuer

Die Liste der Hindernisse oder Attraktionen – wie auch immer man es sehen möchte – auf dem Weg zu irgendeinem vermeintlich wichtigen Termin ließe sich unendlich fortsetzen. Da wäre zum Beispiel noch der kleine Brunnen, der zu zahlreichen Entdeckungen einlädt, die Mauer am Park, die erklettert, übersprungen, begangen sein will, die geparkten Autos vielleicht, deren Marken bestimmt und deren Felgen diskutiert sein wollen.

Wenn Eltern die Langsamkeit ihrer Kinder auf dem Weg von A nach B nicht nur als Störfaktor, sondern als Chance begreifen, erschließt sich ihnen eine längst vergessene Welt. Was bereits als uninteressant und banal abgestempelt war, erstrahlt in neuem Glanz und eröffnet spannende Details. Das Alltägliche erhält abenteuerliche Züge, und Kinder sind hervorragende Lehrmeister in der Kunst, die Schönheit des Augenblicks zu erkennen und zu genießen. Was braucht der Mensch eigentlich mehr?

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