Kindern mehr Verantwortung geben

Das geht! Erziehen ohne Lob und Strafe

Ein Kind mit Lob zu motivieren, oder es die "logischen Folgen" seines Tuns selbst tragen zu lassen gilt als A und O der Erziehung. Doch beides führt oft nicht zum erwünschten Ziel. Wir erklären, warum.

Autor: Gabriele Möller
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Lob kann doch nicht verkehrt sein - oder?

Vater Erziehung Konsequenzen
Foto: © mauritius images / Fancy

"Das Bild hast du wirklich toll gemalt!" "Wenn du beim Zähneputzen kein Theater machst, darfst du noch ein bisschen fernsehen!" Kann es falsch sein, den Nachwuchs zu loben oder ihn zu belohnen, wenn er kooperiert? Ja, sagen einige Forscher. Denn sie beobachteten, dass diese gut gemeinte Art der Motivation genau den gegenteiligen Effekt hat: Das Kind gibt sich langfristig weniger Mühe. Doch wie kann das sein?

Das Problem, sagt der Sozialwissenschaftler Alfie Kohn, ist gerade die Verknüpfung der Handlung mit Lob. Kinder, die zum Beispiel dafür gelobt oder belohnt wurden, etwas Nettes zu tun, "neigen dazu, ihr Verhalten auf diese Belohnung zurückzuführen. Wenn kein Lohn mehr zu erwarten ist, helfen sie nachweislich weniger oft als Kinder, die von Anfang an keinen Lohn dafür bekamen." Erreicht wird also das Gegenteil eines guten Sozialverhaltens: "Der Blick des Kindes wird nur auf die Folgen seines Verhaltens für es selbst gerichtet - anstatt darauf, welche Auswirkungen es auf Andere hat", beobachteten auch die amerikanischen Psychologen Martin Hoffman und Herbert Saltzstein.

Sternchensystem - eine Sackgasse

Ähnliches gilt auch für die Belohnung von (schulischen) Leistungen, zum Beispiel durch ein Sternchensystem oder mit Geld: Dies erzeugt den Druck, es beim nächsten Mal wieder so gut zu schaffen - und der bremst die Leistung, stellten die britischen Psychologen Edward Deci, Richard Koestner und Richard Ryan fest. Untersuchungen konnten zeigen, dass Schüler ohne Belohnung (und sogar ohne Noten) erfolgreicher lernten als mit Belohnung.

Aufmerksamkeit ist Anerkennung genug!

Doch wenn Eltern ihr Kind nicht loben oder belohnen sollen, welche positive Reaktion ist dann möglich? Ganz einfach: dem Kind Aufmerksamkeit zu geben! Denn sie ist es, die der Nachwuchs sich wirklich wünscht, wenn er ruft: "Mama, Papa, guckt mal!" Die beste Antwort auf diesen Ruf ist deshalb: "Ja, ich seh' dich!" Der erste Bauklotzturm, der nicht umfällt oder ein selbst gemaltes Bild werden dagegen am besten gewürdigt, indem man auf Details eingeht: "Der Turm ist ja fast so hoch wie du, wenn du sitzt!" oder "Ah, das Haus, das du gemalt hast, hat zwei Stockwerke." Auf Schulnoten kann man ähnlich reagieren: "Diese Aufgaben waren ganz schön kniffelig. Ich freu' mich mit dir, dass du sie geknackt hast!" Wer bisher reflexhaft gelobt hat, wird erstaunt feststellen, dass das Kind damit vollkommen zufrieden ist.

Was Kinder aus "Folgen" wirklich lernen

Haarig wird Erziehung aber bekanntlich dann, wenn der Nachwuchs nicht tut, was wir uns wünschen. Die häufigste Reaktion ist, mit Konsequenzen zu drohen. Schließlich muss ein Kind lernen, dass seine Handlungen Folgen haben, und mit Strafe hat das doch nun wirklich nichts zu tun, oder? Leider doch, fanden die Wissenschaftler Martha und William Pieper von der Harvard-Universität Boston heraus. Für ein Kind mache es dabei auch keinen Unterschied, ob die "Konsequenz" in einem Sinnzusammenhang zu seinem Verhalten stehe oder nicht. Es bekomme immer den Eindruck, dass Mama oder Papa nur deshalb Recht haben, weil sie die Mächtigeren sind.

Auch der Lerneffekt aus den "Folgen" sieht oft anders aus, als Eltern es sich ausmalen. Wer sein Kind wegen seiner Trödelei zu spät in die Schule kommen oder es im T-Shirt frieren lässt, weil es keine Jacke anziehen wollte, lehre es vor allem Eines: "dass wir hätten helfen können - und es nicht getan haben. Das Kind erlebt die doppelte Enttäuschung, dass etwas schiefgegangen ist, und dass es uns offenbar nicht wichtig genug war, um auch nur einen Finger zu rühren", erklärt Alfie Kohn ("Liebe und Eigenständigkeit - die Kunst bedingungsloser Elternschaft jenseits von Belohnung und Bestrafung").

"Konsequenzen" - Strafen im neuen Kostüm

Logische Folgen und Konsequenzen sind also nichts Anderes als die Strafe im neuen Kostüm - und noch dazu langfristig wirkungslos, das ergaben fast alle Untersuchungen. Deshalb muss man sie bekanntlich ständig aufs Neue anwenden. Beim Kind entsteht so die Vorstellung, das Zufügen von Leid (dass es etwas nicht darf oder bekommt, das es gern mag) sei eine legitime Art, Macht auszuüben.

Das kindliche Vertrauen wird aber auch von der populären "Auszeit" erschüttert. Diese Methode stammt aus der Tierdressur. Kinder aber, das beobachteten die amerikanischen Wissenschaftler Michael Chapman und Carolyn Zahn-Waxler, verstehen eine Auszeit als Liebesentzug. Und auf den reagieren sie oft erst recht bockig, also "auf eine Weise, die in den Augen der Eltern Anlass zu weiteren Disziplinierungsmaßnahmen gibt." Der Nachwuchs lernt außerdem: "Mama und Papa haben mich nur lieb, wenn ich mache, was sie wollen." Es ist für die gesunde Entwicklung aber essentiell, dass ein Kind sich (möglichst) bedingungslos geliebt fühlt.

Schneller Gehorsam zahlt sich nicht aus

Oft ist es einfach Zeitmangel, die Eltern dazu bringt, Strafen anzudrohen ("Wenn du das jetzt nicht machst, dann...!"). Doch hier lauert nach Ansicht vieler Wissenschaftler eine Falle. Denn es gehe Eltern nur um ein sehr kurzfristiges Ziel: Das Kind soll rasch gehorchen, damit der Alltag reibungslos weiterläuft. Doch das langfristige Ziel, ein selbstbewusstes Kind mit starker Persönlichkeit zu bekommen, werde boykottiert: "Wenn wir zu Hause großen Wert auf Gehorsam legen, kann das dazu führen, dass unsere Kinder auch das befolgen, was [die falschen] Menschen außerhalb von zu Hause ihnen sagen", warnt Kohn.

Erziehen ohne "Konsequenzen"

Aber wie können Eltern denn nun besser reagieren, wenn der Nachwuchs sich verweigert, mit dem Geschwister zankt oder morgens endlos trödelt? "Ein Mensch ist eher motiviert, eine Entscheidung in die Tat umzusetzen, an der er beteiligt war, als eine, die ihm von anderen aufgezwungen worden ist", betont der Psychologe Thomas Gordon. Kurz: Wir sollten Kindern Verantwortung geben.

  • Beispiel Herumspielen an Schaltern
    Ganz ohne Ermahnung kommt aus, wer seinem Kleinkind erlaubt, den Lichtschalter oder den Fensterheber im Auto so oft auszuprobieren, bis es genug hat. Geht es aber um etwas Empfindliches (Hifi-Anlage), können Eltern sich zum Kind setzen und sagen: "Das Gerät ist nicht sehr stark. Wenn man oft an den Knöpfen dreht, kommt keine Musik mehr heraus (Appell ans Verantwortungsgefühl). Wie wäre das: Du drückst jetzt jeden Knopf noch ein Mal (Kompromiss), und danach knete ich etwas mit dir (Ablenkung)."

  • Beispiel Trödeln
    Oft löst sich ein Machtkampf rasch auf, wenn Eltern das Kind nach einer Lösung fragen: "Was könnten wir tun, damit das Anziehen für dich morgens schöner ist?" Vielleicht kommt dann eine Antwort wie: "Ich will nicht, dass du die ganze Zeit dabei bist, ich kann das allein!" oder "Ich will im Schlafanzug frühstücken und mich dann erst anziehen."

  • Beispiel Geschwisterstreit
    Weder sich immer herauszuhalten, noch Partei zu ergreifen, ist jetzt hilfreich. Es macht etwas Mühe, zahlt sich aber langfristig aus, jetzt eine Mini-Konferenz anzuberaumen: Um was geht es? Wer hat welchen Wunsch? Wie kann jetzt eine gerechte Lösung aussehen? Entscheidend: Die Lösungsideen sollten von den Kindern selbst kommen und von beiden Parteien akzeptiert werden - nur so funktionieren sie auch.

  • Beispiel Aufräumen
    " Räum jetzt endlich dein Zimmer auf!" Auf eine so strikte Ansage reagieren Kinder lustlos, denn so ein Befehl übergeht ihren Drang nach Selbstbestimmung. Erfolgreicher ist es zu sagen: "Ah, du spielst gerade. Wann kannst du aufräumen?" "Erst wenn mein Raumschiff fertig ist!" "Okay, sag' mir kurz Bescheid, dann helfe ich dir ein bisschen!" - auch wenn man später vielleicht noch ein, zwei Mal an die Zusage des Kindes erinnern muss.

Service

  • Alfie Kohn: "Liebe und Eigenständigkeit: Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung", Arbor Verlag, ISBN-13: 978-3867810159.
  • Justine Mol: "Aufwachsen in Vertrauen: Erziehen ohne Strafen und Belohnungen. Gewaltfrei miteinander leben", Verlag Junfermann, ISBN-13: 978-3873876897.
  • Thomas Gordon: "Die Neue Familienkonferenz: Kinder erziehen ohne zu strafen", Heyne Verlag, ISBN-13: 978-3453078611.

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