Was Familienleben ausmacht und wie es gelingt

Wer und was ist eigentlich Familie?

Die Bedeutung der Familie wächst, für die meisten Deutschen ist sie sogar das höchste Gut überhaupt, sagen Erhebungen. Was aber macht eine Familie aus? Was bedeutet sie für jeden Einzelnen und die Gesellschaft? Welchen Risiken ist Familie heute ausgesetzt? Und wie findet jeder seine ideale Familie?

Autor: Kathrin Wittwer
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Wer gehört alles (nicht) zu Familie?

Bedeutung Familie Teaser
Foto: © iStockphoto.com/ kzenon

Für die einen ist sie der Fels in der Brandung, für den nächsten der Nagel zum Sarg: die Familie. Was wir darunter verstehen und wen wir dazuzählen, ist allerdings kaum auf einen Nenner zu bringen: „Eine allgemeingültige Definition von Familie ist fast unmöglich, es kommt immer darauf an, aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet“, sagt der psychologische Psychotherapeut und systemische Familientherapeut Dr. Matthias Ochs von der Universitätsklinik Heidelberg. Sind das die Menschen, die den gleichen Namen tragen wie wir? Die Ahnen, der Nachwuchs, der Partner, seine Anverwandten? Die Menschen, die wir am liebsten haben? Die, mit denen wir die meiste Zeit verbringen? Die, die uns am besten kennen, also vielleicht auch enge Freunde?

Ist Blut dicker als Wasser?

Tatsächlich ist da nicht einmal die vermeintlich eindeutige Blutsverwandtschaft eine klare Sache, zeigte eine Umfrage im urbia-Forum: So hat „starshine“ festgestellt, dass ihren „Kindern Blutsverwandtschaft ziemlich egal ist. Sie zählen Menschen zu ihrem engen Umfeld, die sich da wirklich aufhalten. Nur weil einer gemeinsame Gene hat, gehört er emotional noch lange nicht zur Familie.“ „karna.dalilah“ berichtet, dass ihr „Familienkreis sich […] vorrangig aus sozialen Familienmitgliedern zusammensetzt, die allerdings fehlende biologische Familienmitglieder ersetzen“ und dass dies viel besser funktioniert als mit der Verwandtschaft. Außerdem, bringt „erstausstattung“ kontra „Blut ist dicker als Wasser“ ein, sind Adoptiv- und Pflegekinder ebenfalls vollwertige Familienmitglieder. Sie sieht Familie als „ein emotionales und soziales Netzwerk“. Gefühle sind auch für „lavie“ entscheidend: „Für mich ist eine Familie eine Gruppe von Menschen, die ein starkes gegenseitiges (!) Zusammengehörigkeitsgefühl aneinander bindet.“

Raum zum Wachsen, Wiege der Bindungsfähigkeit: Was Familie grundsätzlich leistet

Legitim sind viele Sichtweisen. Allerdings sollte man die biologische Ebene nicht unterschätzen, meint Dr. Ochs: „Die ist psychologisch eine wichtige Komponente und sollte Gewicht bekommen. Auch wenn man biologische Verwandtschaft nicht lebt, ist man dem ursprünglichen Familiensystem auf eine gewisse Weise immer verbunden, das sollte man für sich geklärt haben.“ Hier spielt hinein, was „loewe-83“ unter Herkunftsfamilie mit Eltern und Geschwistern versteht: „Ich sehe dies als Stamm des Lebens. Wer bin ich und wo komme ich her.“ Familie ist einer der wichtigsten Bereiche des Menschen, sagt Ochs deshalb: „Die ganze Sozialisation findet in der Regel in der Familie statt. Jeder braucht eine Form von Familie, um Mensch zu werden. Für die Gesellschaft übernimmt sie die Bindungsentwicklung, die Voraussetzung für soft skills.“ Denn im Schutz der Familie lernt man im Idealfall nicht nur sich selbst gut kennen, sondern auch, mit anderen auszukommen und mit den Anforderungen der Umwelt umzugehen. Oder wie „jettekul“ es nennt: Familie „sind die Menschen, die einen erden und die einem hoffentlich auch Flügel geben.“

Hort der Geborgenheit, Schutz vor Einsamkeit: Was wir von Familie alles erwarten

Die ursprüngliche Hauptfunktion der Familie, wirtschaftliche Sicherheit für einen gemeinsamen Hausstand zu gewährleisten, ist da längst in den Hintergrund gerückt. „Familie wird enorm mit Sehnsüchten und Erwartungen aufgeladen“, weiß Matthias Ochs. Und die sind, im Gegensatz zu den Ansichten über den Personenkreis, der Familie ausmacht, bei den meisten sehr ähnlich: Es geht um Werte wie Rückhalt und Schutz, Hilfe und Unterstützung, Zusammenhalt und Loyalität, Verlässlichkeit und Sicherheit. Familie, so „fruehchenomi“ im Forum, „sind Leute, für die ich mitten in der Nacht aufstehen würde, mich anziehen und irgendwohin fahren, um sie aus einem Schlamassel zu holen oder sonstwie für sie da zu sein, weil sie mich brauchen. Und genau das erwarte ich von meiner Familie auch.“ Akzeptanz und Toleranz, Vertrauen und Ehrlichkeit sowie Konfliktbereitschaft gehören für viele genauso zum Familienleben dazu wie Zeit miteinander zu verbringen, Spaß zu haben oder Probleme zu besprechen. Man sollte die Macken der anderen kennen und ertragen, jeder sollte so angenommen werden wie er ist, und wenn man angegriffen wird, sollte der Familiengeist über allen Uneinigkeiten stehen, lauten weitere Anforderungspunkte.

Trennungen, Entfernungen, Rollenbilderwechsel: Steht es schlecht um die Familie?

Ziemlich viel für eine einzige Instanz. Kein Wunder, dass Familie „oft auch voll von Enttäuschungen und Verletzungen“ ist, wie „jindabyne“ schreibt. Und dass Veränderungen rund um Familie beinahe panikartige Ängste auslösen – nicht nur beim Einzelnen, sondern in der ganzen Gesellschaft: Wie soll denn Familie ihre vielen Funktionen erfüllen, wenn sich immer mehr Leute scheiden lassen, es immer weniger Vater-Mutter-Kind-Kernfamilien gibt, wenn Frau und Mann als Mutter und Vater kontinuierlich um neue Rollenbilder kämpfen? Wie soll es einem Staat gehen, wenn seine kleinsten Zellen offenbar allerorten explodieren?

Ganz so dramatisch ist das eigentlich gar nicht, beschwichtigen Experten. Zum einen stellen nicht alle Entwicklungen wirklich gravierende Neuerungen dar. „Es war schon immer und überall so, dass Familien zusammenkamen und sich trennten. Schon im alten China gab es viele Scheidungen“, relativiert Dr. Ochs dieses Gespenst. Zum anderen ist nicht jede tatsächliche Veränderung per se schlecht: Zur Herausforderung, „dass heute zum Teil sehr große Entfernungen zwischen einzelnen Familienmitgliedern liegen“, wie „jindabyne“ anführt, nennt der Mikrosoziologe Prof. Dr. Hans Bertram von der Humboldt-Universität Berlin als Gegengewicht, dass auch die Mobilität heute eine andere ist. Selbst wenn nicht alle an einem Ort leben, lässt es sich gut Verbindung halten und zueinander kommen. Und noch einen Vorteil haben wir heute: Wir werden recht alt, und das ermöglicht mehreren Generationen viel mehr Lebenszeit miteinander als früher.

Die Kernfamilie: erstrebenswertes Ideal oder überholter Wunschtraum?

Auch die schrumpfende Verbreitung des – ohnehin recht jungen – Ideals der Kernfamilie ist nicht hochdramatisch: 2010 waren laut Statistischem Bundesamt von den 8,1 Mio. Familien mit insgesamt 14,6 Mio. (minderjährigen) Kindern in Deutschland immerhin noch 72 Prozent Ehegemeinschaften. 19 Prozent waren Alleinerziehende, 9 Prozent Lebensgemeinschaften mit Kindern. Und selbst dass sich der Anteil an „alternativen“ Lebensformen in wenigen Jahren verdoppelt hat, ist nicht zwingend Grund zur Sorge: „Familienformen sind immer von den sozioökonomischen Rahmenbedingungen abhängig“, erklärt Dr. Ochs. „Wenn man den Blick dafür weitet, ist es sinnvoll, Formen zu finden, die dem aktuellen gesellschaftlichen Kontext von Mobilität, Flexibilität und dem Selbstverwirklichungsdruck gerecht werden.“ An etwas Bekanntem nur festzuhalten, weil es scheinbar Sicherheit und Stabilität bietet, birgt eher Gefahr: „Wenn traditionelle Werte nicht mehr funktionieren, kann es krank machen, wenn man darin verharrt“, warnt der Psychologe. „Trotzdem wird oft gewertet, dass nur die Kleinfamilie gut ist und die anderen Formen ein bisschen schlecht sind. Die Empirie zeigt aber, dass es nicht stimmt, dass nur die Kleinfamilie psychische Gesundheit ermöglicht. Es kommt nicht auf die Form an sich an, sondern wie sie gelebt wird und auf die Rahmenbedingungen.“ Ob also beispielsweise Patchwork als eine Bereicherung durch Bonusangehörige empfunden wird, wie der Familientherapeut Jesper Juul als Möglichkeit aufzeigt, oder ob sie zum Scheitern verurteilt ist, wovon die Journalistin Melanie Mühl in „Die Patchwork-Lüge“ ausgeht, hängt eben davon ab, wie es den Beteiligten gelingt, ihr Zusammenleben zu gestalten.

Wie findet man für sich die „ideale“ Familie?

Familie ist stets einzigartig und äußerst vielschichtig. Sie kann, so Ochs, ein kinderloses Paar sein, das sich gegenseitig Sicherheit und Geborgenheit gibt, und ebenso die Großfamilie mit mehreren Generationen unter einem Dach, die laut Statistik nur 1 Prozent der deutschen Familienhaushalte ausmachen, aber beispielsweise „starshine“ für erstrebenswert hält, weil sie alle Probleme von „Kinderbetreuung, Vereinsamung, Geldbeschaffung, Haushalt“ lösen könnte. Für eine erfolgreiche Familiengründung und ein glückliches Familienleben gilt es in jedem Falle, sich sehr bewusst zu machen, was zu einem passt, sagt Matthias Ochs: „Es geht um die Selbsterkenntnis, was man braucht und aushalten kann, ob man zum Beispiel große bunte Vielfalt will oder nur eine kleine Einheit erträgt. Und es geht um die Reflektion alter Muster aus der Ursprungsfamilie, um eine Bewusstwerdung, welche Werte für einen selbst wichtig sind, darum, eigene Entscheidungen zu treffen.“ Dafür sollte man sich Zeit nehmen und auf Toleranz und Kompromisse zwischen den Familienkulturen der Partner achten.

Wer dabei Orientierung sucht, hat die Wahl zwischen Angeboten aller möglichen Experten wie Psychologen oder Pädagogen, von Politik und Kirche und natürlich von Verwandten und Freunden. „Wichtig sind Konzepte, die kein starres Befolgen von Vorgaben verlangen, sondern mit denen man sich auseinander setzen kann“, rät Ochs. „Konzepte und Wertvorstellungen, an denen man sich reiben und in diesem Prozess selbst finden kann.“ Wirklich enden wird der nie, wie „lavie“ auch in die Forumsdiskussion einbrachte: Familie sei ein offenes System, immer im Wandel, abhängig von den aktuellen Lebenssituationen, denn jeder Mensch ändert und entwickelt sich, damit seine Vorstellungen von Familie, und auch Gefühle und Bindungen können sich natürlich ändern. Da kann und darf es gar keine Stagnation geben, bestätigt Matthias Ochs: „Familie ist letztlich eine Art soziales Langzeitexperiment zu der Frage, wie können wir intime und nahe Bindungen so leben, dass es zu uns passt. Familien, in denen das klappt, praktizieren ein authentisches Miteinander, das es jedem ermöglicht, seine Gefühle auszudrücken, und setzen sich immer wieder mit dieser Frage auseinander.“

Hier geht’s zum Thread mit allen Meinungen zum Thema „Was ist eigentlich Familie?“

Zum Weiterlesen für Eltern

  • Matthias Ochs, Rainer Orban: Familie geht auch anders: Wie Alleinerziehende, Scheidungskinder und Patchworkfamilien glücklich werden. Carl-Auer. 2011. ISBN-13: 978-3896706553. 14,95 Euro.
  • Micha Schulze, Christian Scheuß (Hrsg.): Alles, was Familie ist. Die neue Vielfalt: Patchwork-, Wahl- und Regenbogenfamilien. Schwarzkopf & Schwarzkopf. 2007. ISBN-13: 978-3896027443. 9,90 Euro.

Zum Weiterlesen mit Kindern

  • Alexander Maxeiner, Anke Kuhl: Alles Familie! Vom Kind der neuen Freundin vom Bruder von Papas früherer Frau und anderen Verwandten. Klett Kinderbuch Verlag. 2010. ISBN-13: 978-3941411296. 13,90 Euro.
  • Mary Hoffman: Du gehörst dazu. Das große Buch der Familien. Sauerlaender. 2010. ISBN-13: 978-3794173112. 14,90 Euro.
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