Weniger ist mehr

Reizüberflutung: Zu viel Neues für Kinder

Die Welt ist voller (An-)Reize, die durch die verschiedenen Sinne wahrgenommen werden. Dadurch entwickeln sich Kinder weiter. Doch wenn es zu einer Überflutung mit Reizen kommt, passiert das Gegenteil: Kinder finden keine Ruhe, Dinge zu be(greifen).

Autor: Juliane Schmitz
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An(reize) an jeder Ecke

Junge Reizüberflutung
Foto: © mauritius images/ image source

Das Hupen von Autos, die Lichtsignale an einem Bahnübergang, der Duft einer deftigen Suppe, der süße Geschmack beim Puddingessen, die ungleichmäßigen Wölbungen einer Baumrinde.

Die Welt ist voller Reize. Reize für die Ohren, die Augen, die Nase, die Zunge und die Haut.

Viele hören das sanft klingende Vogelgezwitscher nicht mehr, nehmen den Duft eines frischgebrühten Kaffee nicht mehr wahr, kommen auch nicht auf die Idee, einmal zu ertasten, wie sich eine Baumrinde unter der eigenen Fingerkuppe eigentlich anfühlt.

Das Leben eines Erwachsenen ist meist sehr gefüllt: Voll von Eindrücken, Erfahrungen, Zielen, Plänen. Und nicht nur voll, sondern mehr als das: überfrachtet. So überfrachtet, dass sie nicht mehr zur Ruhe kommen, um mit allen Sinnen wahrzunehmen. Und nicht mal eben schnell, wie das fastfood unterwegs gegessen wird, sondern intensiv. Erwachsene meinen zudem häufig alles zu kennen und es langweile sie.

Kinder erleben die Welt zum ersten Mal

Was Erwachsene nicht mehr sehen, hören und anders erfahren (wollen), das bemerken aber Kinder. Und es interessiert sie. Und noch mehr als das: Es begeistert sie und das kann man ihnen ansehen. Sie freuen sich über jede Kleinigkeit. Das haben Erwachsene meist verlernt. Ein strahlendes Lächeln huscht über das Gesicht des neun Monate alten Alexander: Er hört die Kirchenglocken läuten.

Marie, drei Jahre, freut sich, wenn ein Pullover sich besonders weich anfühlt und Max, ein Jahr, schaut verängstigt, wenn es plötzlich ein lautes Geräusch gibt.

Kinder werden geboren und kennen all diese Dinge nicht: Sie hören das erste Mal die Kirchturmglocken, riechen frisches Gras, schmecken eine Erdbeere, fühlen den weichen, warmen Pferderücken, sehen einen großen Laster auf der Straße, sind das erste Mal bei einem Fußballspiel im Stadion.

Alle, die etwas zum ersten Mal erfahren, brauchen eine längere Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, um es zu verarbeiten. Häufig wird dafür auch noch der  Nachtschlaf benötigt. Je mehr neue Eindrücke gewonnen worden sind, desto mehr müssen verarbeitet werden.

Je jünger das Kind, desto weniger Reize

Und dafür brauchen sie ihre Bezugspersonen. Alexanders strahlendes Lächeln wird breiter, wenn auch die Mama ihm bestätigend zulächelt und Max wird wieder beruhigt und keine große Angst aufbauen, wenn der Papa ihm sanft sagt: „Da ist nur eine Tür zugeknallt, es ist alles in Ordnung“. Neue Sinneserlebnisse sollten geteilt werden, denn sie rufen Empfindungen in Kindern hervor: „Was war das für ein lautes Geräusch – ich hab Angst!“; „Warum riecht es hier so komisch?“; „Eine Perücke fühlt sich aber komisch an.“ Nur wenn Kinder sich sicher fühlen, haben sie auch das Selbstbewusstsein in die Welt zu ziehen, um neue Erfahrungen zu machen.

Je jünger die Kinder sind, desto mehr Sicherheit und Nähe brauchen sie. Und desto weniger Reize brauchen sie. Für ein Baby in den ersten Monaten ist es völlig genug, wenn es in einem Kinderwagen liegt und dabei geschoben wird. Als große Sicherheit, es hat schließlich keinen Körperkontakt mehr, braucht es die Sicht auf seine Bezugsperson. Dann kann es auch entspannen und sich auf das Abenteuer „Kinderwagen fahren“ einlassen. Es braucht nicht den Himmel dabei sehn, der an ihm vorbeizieht und auch nicht noch drei bis fünf kleine Stofftiere, Schnullerketten und Glöckchen. Es schaut, riecht, hört und spürt – das ist genug.

Kinder brauchen Neues und Bekanntes gleichermaßen

Kinder brauchen Reize, um sich (weiter) zu entwickeln. Wenn sie nichts Neues kennenlernen und sich damit auseinandersetzen, lernen sie sich, ihre Vorlieben und Fähigkeiten auch nicht kennen. Sie bekommen keinen „Anreiz“, sich auszuprobieren. Und um Dinge genauer zu erfahren und sich daran weiterzuentwickeln, brauchen sie Bekanntes und die Zeit für viele Wiederholungen.

Eine Rassel leitet ein Baby dazu an, herauszufinden, wie es sie bewegen muss, um ein Geräusch zu hören. Es kann aber auch die Oberfläche befühlen, mit seinen Fingern und der Zunge. Es erspürt die Härte des Holzes, wenn es sich drauf legt. Beim nächsten Spielen wird es vielleicht die Schlaufe entdecken, die durch die Rassel gezogen worden ist oder das kleine Bildchen auf der Oberfläche.

Je mehr Ruhe das Baby hat, desto mehr entdeckt es und probiert aus. Kann ich die Rassel ganz in den Mund stecken, wie fühlt es sich an, wenn ich sie mir gegen den Kopf haue, passt sie durch die Stäbe des Gitterbettes?

Reizüberflutung – Weniger ist mehr

Liegt das Baby in einem Berg voller verschiedener Spielzeuge, wird es sich kaum entscheiden können: Spiele ich jetzt mit dem Teddy oder mit dem Ball oder mit der Puppe oder schau ich mir die Räder vom Auto an? Das Baby ist dann viel zu vielen Reizen ausgesetzt, denn die Umgebung in der es liegt, ist bereits ohne Spielzeug schon voller Reize. Es hat genug zu tun, um den Teppich zu erfühlen, dem prasselnden Regen am Fenster zu lauschen und herauszufinden, wie der Ärmel seinen Pullovers schmeckt. Und erst, wenn es offensichtlich Langeweile hat, braucht es einen weiteren Anreiz, zum Beispiel einen Teddybären, mit dem es sich beschäftigen kann.

Spielzeug ist nicht verkehrt, sondern auch sinnvoll. Es ist in den besten Fällen gefahrenlos und für die Bedürfnisse der Kinder speziell entwickelt. Auch eine TV-Sendung für Kinder, ab einem Alter von sechs Jahren, ist in einem bestimmten Rahmen nicht schädlich.

Doch weniger ist mehr: Weniger Spielzeug fördert das Ruhen und Weiterentwickeln des kindlichen Spiels. Das Kind lernt, sich auf eine Sache zu konzentrieren, Dinge immer weiter auszuprobieren und geduldig etwas zu üben, bis es das kann, was es möchte.

Kinder äußern deutlich, wenn sie genug haben von etwas. Sie werden müde, sehr albern, schimpfen über den langen Weg, haben Hunger, weinen oder klammern sich sehr an Mama und Papa.

Oasen schaffen

Dann können Eltern Oasen schaffen, in denen die Kinder und sie selbst zur Ruhe kommen, auftanken und Kraft sammeln für weitere Erlebnisse. Das kann unterwegs eine Kuscheleinheit auf der Parkbank sein oder zu Hause das Trinken eines warmen Kakaos in der Spielpause oder die Möglichkeiten sich Schlafen zu legen (Autofahrt, Tragetuch).

Vorbild sein

Erwachsene tendieren dazu, sich zu überfrachten, viele Dinge gleichzeitig zu tun und sich keine Zeit mehr zu nehmen, um Erlebtes zu verarbeiten. Kinder erleben dieses Verhalten der Eltern und werden es nachahmen, so, wie sie alles andere auch nachahmen. Und Erwachsene trainieren sich das „vielen Reizen gleichzeitig aussetzen“ so an, dass sie ihre Kinder dem ebenfalls aussetzen.

So bekommt Robin, sieben Jahre alt, nicht nur das Ritterbuch zum Geburtstag, sondern auch eine neue DVD, ein Flugzeug und ein Spielzeugschwert. Schnell springt er dadurch von Spiel zu Spiel und kann sich nicht in Ruhe mit einer Sache beschäftigen.

Lassen Sie diese Überfrachtung von Anreizen nicht zu, bei sich selbst nicht und steuern sie bei Ihren Kindern bewusst dagegen.

Denn: Reize und Anreize sind gut, um sich zu entwickeln. Doch eine Überflutung mit Reizen bewirkt das Gegenteil. Sie schränkt Entwicklung und eigenes Ausprobieren und Erfahren ein.


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