Fragen zur Sexualität im Vorschulalter

Aufklärung: Wie sag ich's meinem Kinde?

In welchem Alter sollten Kinder aufgeklärt werden? Was müssen sie wissen, und auf welche Weise informiert man richtig über Sexualität?

Autor: Petra Fleckenstein
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Kinder aufklären: Nicht erst in der Pubertät

Kind Aufklärung
Foto: © Fotolia

Wenn Vier- oder Fünfjährige ihre Eltern fragen: "Wo kommen die kleinen Kinder her?", geraten Eltern oft ins Schwitzen. Ist es jetzt Zeit für das große Aufklärungsgespräch? Wieviel über die Sexualität von Erwachsenen kann ein so kleines Kind eigentlich schon verarbeiten? Wie bringe ich alles richtig rüber und welche Bezeichnungen soll ich wählen? Nicht selten fangen Eltern erst mit der ersten Frage ihres Kind an, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie ihre Sprösslinge an das Thema Sexualität heranführen möchten. Denn noch immer glauben viele, Aufklärung sei erst kurz vor der Pubertät ein Thema.

Wann soll ein Kind aufgeklärt werden?

Sexualpädagogen sagen heute, je früher, desto besser. Das ist auch die Ansicht von Sabine Tolkmitt von Pro Familia in Köln. Richtschnur für den rechten Zeitpunkt sollte natürlich die Wissbegier des Kindes sein. Die regt sich häufig schon mit zwei Jahren und zeigt sich durch die ersten Fragen nach dem Unterschied von Mädchen und Jungen. Es gibt aber auch Kinder, die nie fragen. Sei es aus Schüchternheit oder weil sie vielleicht von Freunden bereits Andeutungen zum Thema erhalten haben, die sie davor zurückschrecken lassen. Dann gilt: Bevor Kinder in die Schule kommen, sollten sie aufgeklärt sein. Das heißt im Einzelnen: Sie sollten wissen, welche Rolle Mann und Frau bei der Zeugung neuen Lebens spielen und die Körperteile und Geschlechtsorgane benennen können.

Kein einmaliger Akt

Die Vorstellung, Aufklärung sei ein einmaliges Gespräch, steckt noch in einigen Köpfen und viele haben es tatsächlich so erlebt. Dass diese Situation oft so befremdlich war, lag häufig daran, dass Sexualität ansonsten im Familienalltag vollkommen ausgeklammert, ja ein Tabuthema war. Aufklärung bedeutet jedoch in erster Linie, dass das Thema Sexualität im Alltag einen Platz hat, dass die Familie in ihrem Leben der körperlichen Sinnlichkeit Raum gibt, betont die Sexualpädagogin Sabine Tolkmitt. Das bedeutet: Wenn Kleinkinder ihren Körper entdecken - zum Beispiel bei Doktor-Spielen - dies zuzulassen. Und: Sich mit der eigenen Einstellung zur Sexualtät auseinander zu setzen. Denn es ist entscheidend, sich klar zu machen: Nicht durch Worte lernen Kinder in erster Linie, sondern durch das, was wir tun.

Den richtigen Anlass finden

Der Sinnlichkeit Raum geben und die kindliche Körperlust zuzulassen sind zwei Faktoren. Wenn es auf das Schulalter zugeht, sind jedoch auch verbale Informationen gefragt. Anlässe für Fragen der Kinder können zum Beispiel Schwangerschaft der Mutter oder einer Bekannten sein. Vielleicht bekommt auch ein Haustier Nachwuchs und die Frage tritt auf, wie das eigentlich bei Menschen vor sich geht. Wenn Kinder neugierig die Tampons der Mutter beäugen, auf dem Bett einen Blutfleck entdecken oder beeindruckt die Größe des väterlichen Geschlechtsteils bewundern – dies alles können Anlässe sein, um Liebe und Sexualität zu thematisieren.

In der Kürze liegt die Würze

Wenn Kinder fragen, erwarten sie in der Regel keine Vorträge, sondern eine kurze, einfache Antwort. Dies kann auch als Richtlinie für Aufklärungsgespräche dienen. Das Kind direkt mit Informationen zu überschütten, kann abschreckend wirken. Wie weit man bei der Frage nach dem elterlichen Liebesleben ins Detail geht, sollte am Interesse des Kindes gemessen werden. Daneben spielt natürlich auch eine Rolle, wo die persönlichen Grenzen der Eltern liegen, wie weit sie bereit sind, Einblick in ihr Intimleben zu gewähren. Hier gibt es keine Vorschriften.

Welches Vokabular benutzen?

"Die beiden Begriffe Scheide und Penis sollten dem Kind bekannt sein," sagt Sabine Tolkmitt. Nicht weil es die schönsten wären, sondern weil sie im Gegensatz zu Familien-Wortschöpfungen für alle verständlich sind. Daneben ist natürlich dem Erfindergeist keine Grenze gesetzt. Zumal unser spätestens seit viktorianischer Zeit arg verarmter Wortschatz in diesem Bereich gut eine Auffrischung vertragen könnte. Kannte doch noch die französische Sprache des 16. Jahrhunderts 300 Wörter zur Bezeichnung des Koitus und 400 für Genitalien.

Bücher, Bilder, Rollenspiele

Ob Eltern mit ihren Kindern Aufklärungsbücher lesen, Bilder von Geschlechtsteilen und sich liebenden Erwachsenen betrachten oder sogar durch kleine Rollenspiele (Hasi und Puppi haben sich ganz doll lieb) aufklären, bleibt ihrem Geschmack überlassen. Eine elegante Lösung kann es sein, ein entsprechendes Bilderbuch herumliegen zu lassen, bis das Kind darauf aufmerksam und neugierig wird oder vielleicht einfach zu erzählen – so wie es Kinder ja auch am meisten lieben, wenn Eltern ihnen ohne Buchvorlage einfach frei eine Geschichte erzählen. Wichtig findet Sabine Tolkmitt, dass nicht allein über die technischen Seiten der Sexualität berichtet wird, sondern auch über die damit verbundenen Gefühle. Sonst kann beispielsweise die Vorstellung, dass ein erigierter Penis in die Scheide eindringt, auf Kinder ängstigend wirken.

Weniger geeignet sind in diesem Alter Aufklärungsfilme, da sie "zu schnell sind und zu viele Informationen beinhalten, die das Kind nicht sofort bearbeiten kann", heißt es in der neuen Broschüre "Körper, Liebe, Doktorspiele" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.


Gleich auch über Missbrauch sprechen?

"Heute wird viel Aufklärung aus Angst heraus betrieben", berichtet Sabine Tolkmitt. Die Sexualpädagogin rät, Gespräche über Sexualität nicht sofort mit Informationen über die Missbrauchs-Problematik zu verbinden. Zunächst einmal sollte dieser Bereich davon unbelastet bleiben. Zumal Aufklärung über Sexualität und ein wohlwollender und gewährender Umgang mit kindlicher Körperlust schon per se einen gewissen Schutz gegen Missbrauch darstellen. Selbstbewusste, wissende Kinder wagen es auch eher, nein zu sagen und sich deutlich abzugrenzen.

Etwas später können und sollten Eltern ihr Kind aber durchaus darüber informieren, dass Erwachsene manchmal Dinge wollen, die Kindern nicht gefallen, und dass Kinder durchaus ein Recht haben, dann laut und deutlich nein zu sagen. Auch im Widerstand gegen die kleinen Übergriffe – wie das zahlreiche Kopfstreicheln von Kindern durch Fremde – können Eltern ihren Nachwuchs unterstützen, indem sie ihn ermutigen, sich laut und deutlich zu beschweren.

Übungsfeld Partner

Wenn es Eltern schwer fällt, mit ihren Kindern über Sexualität zu sprechen, können sie vorher öfters einmal üben: Mit ihrem Partner. Übrigens spielt es keine Rolle, ob Mutter oder Vater mit den Kindern Tacheles reden. Nach wie vor sind es jedoch in der Praxis vor allem die Mütter, die mit ihrem Nachwuchs über Sexualität ins Gespräch kommen. Der Idealfall, so Sabine Tolkmitt, wäre allerdings, wenn Mutter und Vater, die Sex ja durchaus unterschiedlich erleben können, die kindliche Wissbegier jeweils aus ihrer Sicht befriedigen würden.

Lies hierzu außerdem:

Aufklärung im Elternhaus
Unser Kind hat uns beim Sex erwischt

Buchtipps zum Thema:

Patricia Mennen:Wo komme ich her? Mein erstes Aufklärungsbuch, Ravensburger 2005

Wendy Darvill/Kelsey Powell: Wie kläre ich mein Kind auf? Beust 2000

Grethe Fagerström, Gunilla Hansson:Peter, Ida und Minimum. Familie Lindström bekommt ein Baby, Ravensburger

Doris Rübel: Wieso? Weshalb? Warum? Woher die kleinen Kinder kommen, Ravensburger

Körper, Liebe, Doktorspiele: Ein Ratgeber für Eltern zur kindlichen Sexualentwicklung, herausgegeben von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, kostenlos, zu bestellen unter T. 0221/89920 oder online unter www.bzga.de


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