Vorbereitung für das Unplanbare

Geburt: Wenn es anders kommt

Jede Geburt ist ein Überraschungspaket, daher kommt es allzu häufig anders als man denkt. Hier erzählen Mütter von ihrer so unerwartet anders verlaufenen Geburt und eine Hebamme erklärt, wie man sich auf das Unplanbare vorbereiten kann.

Autor: Gabriele Möller
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Die Wirklichkeit hält sich nicht immer an den Plan

schwierige Geburt Panther M Boerner
Foto: © panthermedia, M. Boerner

„Machen Sie sich einen schriftlichen Geburtsplan und geben Sie ihn beim Eintreffen in der Klinik den Hebammen“, rät ein Schwangerschaftsbuch werdenden Eltern. Ob nun gleich schriftlich fixiert oder nicht – die meisten Schwangeren haben recht genaue Vorstellungen, wie die Entbindung aussehen soll. Manche beschließen schon vorher, auf PDA und Schmerzmittel zu verzichten, eine besondere Atemtechnik anzuwenden oder ihr Kind in einer bestimmten Stellung zu bekommen, möglichst ohne Dammschnitt. Die meisten wollen aber einfach rasch und mit mäßigen Schmerzen ihr Baby bekommen. Enttäuscht und manchmal sogar traumatisiert sind Frauen daher, wenn es bei der Geburt anders gekommen ist. Wenn die Wehen endlos schienen, der Damm arg gerissen ist, das Kind per Saugglocke oder gar per Kaiserschnitt geholt wurde. Manche sind auch überzeugt, ihr Baby habe bei der Geburt in Lebensgefahr geschwebt, weil die Herztöne schlecht wurden oder es ganz blau aussah. urbia lässt Mütter berichten und gibt Tipps zur Bewältigung schwieriger Geburten. Eine Hebamme erklärt, warum auch manch scheinbar dramatische Geburt für die Geburtsbegleiter eine ganz alltägliche Entbindung war.

Zangengeburt: „Das nächste Kind muss mein Mann bekommen!“

Bei Stefanie aus Leverkusen liegt die Entbindung ihrer Söhne (18 und 16) schon lange zurück. Sie erinnert sich aber noch gut: „Es war bei beiden Kindern das Gleiche, die Geburten gingen irgendwie nicht weiter. Da hat der Arzt jeweils mit der Zange nachgeholfen, was mir wirklich weh tat“, berichtet sie. „Ich fand zwar natürlich, dass sich das Ganze auf jeden Fall gelohnt hat. Meine Jungs kamen mir als Neugeborene vor, wie kleine Wunder“. Sie ergänzt aber: „Ich habe dann aber doch nach dem zweiten Kind gesagt, dass ich keine dritte Zangengeburt mehr haben muss, und dass das nächste Kind doch bitte mein Mann bekommen soll.“ Stefanies besonders schmerzhafte Entbindung war aus Sicht von Hebamme Marita Ashauer noch fast ein Glücksfall: „Heute wird leider immer weniger die so genannte vaginal-operative Geburtshilfe angewandt, zu der Zange und Saugglocke gehören“, beobachtet die Hebamme vom Kölner Geburtshaus. „Die Folge ist, dass es immer mehr Kaiserschnitte gibt.“ Wessen Kind also Nachhilfe per Saugglocke oder Zange gebraucht hat, kann sich ein wenig damit trösten, dadurch vielleicht dem Kaiserschnitt entgangen zu sein.

Sind Zange und Saugglocke heute noch üblich?

Unter der PDA den Mut verloren

Die Entscheidung zur PDA (Peridural-Anästhesie) war es, an der Astrid aus Bonn nach dem ersten Kind lange zu knapsen hatte: “Ich hatte mich schon vorher dazu entschlossen, mir eine PDA geben zu lassen, sobald die Schmerzen haarig werden sollten. Die PDA saß dann aber schlecht und musste oft nachgespritzt werden. Auch hatte ich einen argen Kreislauf-Absacker kurz nach dem Setzen der Anästhesie. Ich fror, klapperte mit den Zähnen und bekam schnell einen Kreislauftropf gelegt. Das Ganze hat mich sehr erschreckt“, berichtet die Mutter zweier Kinder (neun und drei Jahre). „Dann ließen die Wehen nach, ich brauchte auch noch einen Wehentropf. Vorher war ich innerlich voller Zuversicht gewesen, jetzt dachte ich insgeheim: ‚Das wird nichts mehr!’ Und tatsächlich war das Ende vom Lied ein Kaiserschnitt.“ Sie bedauert, dass niemand ihr vorher erklärt hatte, dass eine PDA den Blutdruck vorübergehend in den Keller sacken lassen kann. Und dass sie die Kaiserschnittwahrscheinlichkeit erhöht, weil sie die Muskulatur entspannt und die Wehen zu sehr abschwächen kann.

Die große Leere: Wenn der Kaiserschnitt die Geburt beendet

„Am häufigsten hadern wohl diejenigen Frauen mit der Entbindung, die sich eine spontane Geburt gewünscht haben, aber einen Kaiserschnitt bekamen“, berichtet Hebamme Marita Ashauer. „Vor allem, wenn sie mit dieser Entscheidung zu plötzlich konfrontiert werden.“ „Eigentlich sah in meinen Augen alles nach einer natürlichen Entbindung aus und endete nach 26 Stunden dann doch durch einen Kaiserschnitt“, berichtet auch eine Userin aus einem Online-Forum für Mütter. „Für mich war das sehr schwer zu verkraften. Es war kein echtes Ende der Schwangerschaft da. Ich hatte mich so sehr auf meine Tochter gefreut - und als sie da war, herrschte anfangs nur eine einzige Leere in mir. Darüber habe ich mir dann auch noch totale Vorwürfe gemacht“, erzählt sie. Auch das Empfinden, selbst gar nicht richtig dabei gewesen zu sein, macht Frauen nach der Schnittentbindung zu schaffen: „Es war Abend, und so bin ich direkt übergegangen von der Narkose zum Schlaf. Als ich dann morgens wach wurde, lag ich da: kein Bauch mehr, irgendwie komisch. Ach ja, ich hatte ja ein Baby bekommen! Das war irgendwie an mir vorbei gegangen. Ich hatte lange daran zu knabbern, dass unser Baby geboren worden war - und ich war ‚nicht dabei“, berichtet eine andere Userin. Manche Frauen schämen sich sogar für ihr scheinbares „Versagen“. So berichtet eine Forumsmutter: „Mein Baby wird jetzt einen Monat alt, und mir geht es gerade richtig schlecht. Ich habe dieses und auch schon mein erstes Kind per Kaiserschnitt entbunden. Ich habe jetzt noch mehr das Gefühl, keine ‚richtige Frau’ zu sein, also meine Aufgabe nicht erfüllt zu haben. Ich habe auch Angst, dass mein Mann nicht stolz auf mich ist.“ Nicht zuletzt den direkten Kontakt mit ihrem Baby vermissen Kaiserschnitt-Mütter: „Was ich schlimm fand war, dass ich meine Süße erst zwei Stunden später richtig gesehen habe. Man hatte sie mir zwar im OP gezeigt, aber das war einfach viel zu kurz“, klagt eine Mutter aus dem urbia-Forum.

Nach stundenlangen Wehen trotzdem Kaiserschnitt?


Wenn sich die Geburt hinzieht

Aber auch Entbindungen ohne Komplikationen sind manchmal für die Frauen seelisch keineswegs leicht zu bewältigen. Heike aus Karlsruhe, Mutter zweier Jungs (13 und 11), erinnert sich: „Beim ersten Kind ging alles recht schnell, auch wenn es ziemlich weh tat. Hinterher habe ich zu meinem Mann gesagt: ‚War ja gar nicht so schlimm, wann kriegen wir das nächste?’ Beim zweiten Kind hat es nach Eintreffen in der Klinik aber noch so lange gedauert. Wir sind ewig auf dem Flur herum gelaufen, ich habe später lange in der Badewanne gehockt, und es hat sich einfach endlos hingezogen. Ich glaube, man kann sich das nicht wirklich vorher vorstellen und auch irgendwie nicht planen. Ich hatte immer gedacht, das zweite Kind komme schneller.“ Dies habe sie von einer dritten Geburt lange Zeit abgeschreckt.

Manchmal berichten Frauen auch von extrem langen Geburten. Von 24 oder gar 30 Stunden Wehen ist da nicht selten die Rede. Dazu muss gesagt werden: Ärzte und Hebammen berechnen die Dauer einer Geburt anders, nämlich nicht von der ersten Wehe an. Die Zeit zählt erst bei den Wehen, die den Gebärmutterhals stetig verkürzen und den Muttermund fortschreitend öffnen. Bis dahin kann man schon viele Stunden (meist noch nicht so schmerzhafte) Wehen gehabt haben. Eine „24-Stunden“-Geburt hat so aus Sicht der Geburtshelfer vielleicht nur sechs oder acht Stunden gedauert.

Schreck in der ersten Minute: Babys Haut ist blau!

Auch das Gefühl, ihr Kind habe offenbar nur mit knapper Not überlebt, belastet viele Eltern hinterher. Ernsthafte Komplikationen beim Baby unter der Geburt sind aber selten. „Es ist zum Beispiel absolut normal, dass ein Baby kurz nach seiner Geburt blau ist“, beruhigt Marita Ashauer. Dies liege nicht etwa am berühmten „Sauerstoffmangel“, sondern ganz einfach daran, dass die Blutgefäße der Haut im Geburtskanal zusammengedrückt würden. „Sobald das Kind die ersten Atemzüge gemacht hat, wird es wieder rosig.“ Wissen Eltern dies vorher, ist der Anblick ihres bläulich gefärbten Nachwuchses längst nicht so erschreckend für sie. Auch die „schlechten Herztöne“ seien in der Regel nicht dramatisch: „Unter der großen Belastung durch die Wehen dürfen die Herztöne ruhig vorübergehend absacken, auch das ist normal“, so Ashauer. Nur, wenn die Herztöne sich gar nicht mehr erholen, greifen die Ärzte ein (manchmal auch mit einem Kaiserschnitt). Auch hier überstehen die Babys die Krise jedoch in der Regel völlig unbeschadet. „Der Mensch ist von Natur aus so gestrickt, dass er die Geburt meist gut verkraftet!“ so die Hebamme.

Wissen kann Enttäuschungen abmildern

Die Berichte der Mütter zeigen: Manche Enttäuschung nach der Geburt beruht teilweise auf Unwissenheit. „Je besser eine Frau vorher über die möglichen Verläufe einer Geburt informiert ist, desto weniger wird sie von den Ereignissen überrollt“, so die Erfahrung von Marita Ashauer. „Wir im Geburtshaus sagen den Frauen ganz ehrlich, dass bei der Entbindung alles offen und nur wenig planbar ist. Auch wir müssen die Frauen manchmal in die Klinik verlegen. Dies geschieht aber nicht unvorbereitet.“ In den Krankenhäusern sei es dagegen oft so, dass man der Frau die Vorgänge gar nicht transparent mache. „Plötzlich fällt dann vielleicht die Entscheidung zum Kaiserschnitt, und die Gebärende hat das Gefühl, völlig überrumpelt zu werden. Seelisch hat sie dann oft das Gefühl, dass sich jetzt gerade ein echtes Drama ereignet“.

Frauen sollten sich also gut informieren und vor allem gegenüber dem Verlauf einer Geburt offen bleiben, rät die Hebamme. „Auch in Bezug auf die Schmerzen ist Ehrlichkeit wichtig: Man muss einfach sagen, dass Wehen schon eine Art Ausnahmezustand sind und natürlich weh tun. Man muss richtig arbeiten, die Wehenkraft ist kein Heiteitei.“ Aber macht zu viel Wissen den Schwangeren nicht unnötig Angst? „Das ist natürlich immer eine Art Eiertanz“, findet Ashauer, „ein wenig Angst ist aber meist nicht vermeidbar und gehört dazu.“

Was die Bewältigung erleichtert

Die Berichte zeigen auch: Jede Entbindung ist eine große Leistung, körperlich und seelisch. Dies gilt für einen Kaiserschnitt ebenso wie für eine spontane Geburt. Jede Mutter hat Grund, sehr stolz auf sich zu sein und hat große Anerkennung verdient. Bis auch eine als schwer empfundene Geburt verarbeitet ist, braucht es oft viel Zeit. So resümiert auch Astrid: „Ich habe einerseits schon wenige Stunden nach dem Kaiserschnitt vom nächsten Kind gesprochen. Denn: Was ist ein einziger fieser Tag gegen ein Leben mit einem Kind?“ Trotzdem dauerte es lange, bis sie über den Kaiserschnitt nicht mehr traurig war. „Sehr geholfen haben mir die Gespräche mit anderen Müttern, zum Beispiel in der Krabbelgruppe“, berichtet sie. „Ich dachte vorher, meine Entbindung sei total ungewöhnlich gewesen, die missglückte PDA, die OP unter Vollnarkose. Als aber die anderen zu erzählen begannen, merkte ich plötzlich, wie viele Frauen eine Entbindung hatten, die anders verlaufen war, als sie sich vorgestellt hatten. Und da verstand ich, dass jede Geburt eben etwas völlig Unplanbares ist. Von da an konnte ich mich mit meiner Entbindung viel besser aussöhnen. Trotzdem hat dies letztlich fast ein Jahr gedauert.“

Neben direkten Gesprächen kann auch das Aufschreiben der eigenen Gefühle oder das Malen von einfachen Bildern, die die innere Seelenlage widerspiegeln, bei der Verarbeitung helfen. Als besonders tröstlich empfinden viele Frauen auch den lebhaften und sehr offenen Austausch mit anderen frischgebackenen Müttern, wie ihn die urbia-Foren unter anonymen Nick-Namen ermöglichen.

Optimal wäre es, wenn sich auch die reguläre Nachsorge mit den seelischen Folgen der Geburt befassen würde. Leider konzentriert sich die medizinische Nachsorge heute fast nur auf die körperlichen Erscheinungen des Wochenbetts. „Es müsste nach der Entbindung viel mehr Angebote geben, die auch die psychische Seite berücksichtigen“, findet Hebamme Marita Ashauer. Die Angebote, die es hier bisher gibt, müssen Frauen selbst zahlen, weil die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen. Manche Hebammen bieten zum Beispiel nach schwierigen Geburten harmonisierende Sita-Mudra-Übungen an, bestimmte fernöstliche Körperhaltungen. Diese sollen die (durch die mechanisierte Medizin) als getrennt empfunden Bereiche Körper und Seele wieder zu einer Einheit verbinden und heilen. Auch andere naturheilkundliche oder geistige Ansätze können helfen, die wunde Seele wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Nachsorge-Hebammen und Heilpraktiker unterstützen Frauen dabei, den für sie geeigneten Weg zu finden.

Was trotz allem planbar ist

Auch, wenn jede Geburt ein Überraschungspaket ist, lassen sich einige Dinge durchaus vorab planen. Viele Frauen gehen daher vor allem nach den Erfahrungen der ersten Entbindung selbstsicherer und informierter in die zweite Geburt. Zum Beispiel kann man beim Eintreffen in der Klinik der Hebamme sagen, dass man für sein Kind keine Silbernitrat-Tropfen möchte. Diese werden Neugeborenen oft routinemäßig in die Augen geträufelt. Sie sollen die Ansteckung mit bestimmten Keimen der Mutter verhindern, zum Beispiel mit den Erregern der Geschlechtskrankheit „Tripper“ (Gonorrhöe). Die Tropfen verursachen dem Baby Schmerzen im Auge, oft entzündet sich die Bindehaut und die Augen schwellen stark an – ein sehr schmerzvolle Begrüßung in der Welt, die bei gesunden Müttern unnötig ist.

Auch kann man verlangen, das Baby nach der Entbindung einige Zeit zugedeckt auf den nackten Bauch gelegt zu bekommen, bevor es gebadet oder angezogen wird – dies ist wichtig für die gegenseitige Bindung. Hat die Mutter einen Kaiserschnitt, sollte der Vater dies übernehmen. Wer stillen möchte, sollte darauf bestehen, das Kind auch nach einem Kaiserschnitt sofort nach der Rückkehr aus dem OP anlegen zu dürfen. So klappen Milcheinschuss und Stillen genauso gut, wie nach spontaner Entbindung. Immer noch gibt es Kliniken, wo Kaiserschnittfrauen das Baby erst am folgenden Tag oder noch später anlegen dürfen, was Stillproblemen Vorschub leistet.

Planbar ist auch die Geburtsbegleitung: Reicht einem eine Klinikhebamme, die aber bei Schichtende wechselt oder mehrere Frauen gleichzeitig betreut? Oder möchte man eine eigene Beleghebamme mitbringen, die man kennt und der man vertraut? Klinikhebammen sind manchmal sehr gut, manchmal aber auch desinteressiert und abgestumpft, was der Gebärenden den Mut nehmen und den Verlauf der Geburt negativ beeinflussen kann. Wer soll zur Geburt außerdem mitkommen? Nur der eigene Partner, oder auch (oder stattdessen) eine Freundin, die Mutter oder eine andere Verwandte?

Möchte man in der Wanne entbinden? Dann sollte man sich vorher erkundigen, ob Wannengeburten in der gewählten Klinik wirklich durchgeführt werden. Manche Kliniken nutzen die Wanne nämlich nur für die Eröffnungsphase und komplimentieren die Frau wieder heraus, wenn das Baby wirklich kommt. Auch, wie hoch die Dammschnitt- oder Kaiserschnittrate ist, kann man vorher in der Wunschklinik erfragen und mit anderen örtlichen Kliniken vergleichen.

Den Klinikaufenthalt kann man ebenfalls teilweise planen: Möchte man ambulant entbinden, oder stationär? Reicht ein Mehrbettzimmer, in dem auch nachts das Licht nie ausgeht, weil immer ein Baby schreit, Hunger hat oder gewickelt werden muss? Oder kann und möchte man sich den Luxus eines Einzelzimmers leisten (Aufschlag müssen Kassenpatienten selbst zahlen)? Hier ist die junge Familie allein und ungestört, und die Wöchnerin kann viel schlafen und sich erholen. Manche Kliniken bieten auch Familienzimmer an, in denen der Vater mit übernachten darf.

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