Gebrochene Teenager-Herzen

Mein Kind hat Liebeskummer

Verliebt, verlassen, verletzt – der erste Liebeskummer tut ganz besonders weh und nicht selten leidet die ganze Familie mit. urbia gibt Tipps, wie du deinem Kind in diesem emotionalen Ausnahmezustand zur Seite stehen kannst.

Autor: Sabine Ostmann
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Herzschmerz kennt keine Altersgrenzen

Muter Tochter Liebeskummer
Foto: © iStockphoto.com/ barsik

Das plötzliche Ende kam per SMS. Nach sieben Monaten rosaroter Happyness mit Freund Lasse bekam Marika aus heiterem Himmel diese Nachricht von ihm: „Es ist aus. Hab mich in ´ne andere verknallt. Sorry. Dein Lasse.“ Für die 15-Jährige brach eine Welt zusammen.
„Anfangs hab’ ich überhaupt nicht kapiert, was er mir sagen will. Ich stand völlig neben mir. Erst später habe ich begriffen, was seine SMS bedeutet: Aus und vorbei. Nie wieder. Ich war allein – und sicher, dass das nie, nie wieder aufhört. Tagelang hab’ ich nur geheult und wollte absolut niemanden sehen.“

Ob 35, 65 oder 15 – Herzschmerz kennt keine Altersgrenzen. Man fühlt sich einsam, hässlich und ungeliebt und glaubt, nie wieder glücklich sein zu können. Im Grunde ist Liebeskummer wie ein Entzug. Denn wie beim Verlieben spielt auch beim Liebeskummer das Gehirn verrückt. Es kommt zu einem Mangel an Neurotransmittern, die wiederum Entzugssymptome verursachen. Bei Frauen führt das oft zu Depressionen, Männer werden eher aggressiv. Das ist schlimm für Erwachsene und für Teenager eine Katastrophe: „Jugendliche trifft der erste Liebeskummer in einer Umbruchphase, in der sie emotional ohnehin instabil und sehr verletzlich sind. Das Ende der ersten Liebesbeziehung versetzt ihnen oft einen schweren Schlag und stürzt viele erst einmal in tiefe Verunsicherung“, erläutert Diplom-Psychologe Ulrich Gerth, Vorsitzender der Bundeskonferenz für Erziehungsfragen (BKE).

Mädchen leiden offener

Mädchen merkt man den Liebeskummer eher an als Jungen. Sie lassen ihre Gefühle deutlicher heraus. Sie ziehen sich oft in ihr Zimmer zurück, weinen viel, hören traurige Musik, telefonieren stundenlang mit der besten Freundin. Weil sie in der Regel beziehungsorientierter sind, haben sie häufig auch länger am Trennungsschmerz zu knabbern. Jungs leiden genau so, doch sie neigen stärker dazu, ihre Gefühle zu verstecken, treiben exzessiv Sport oder kompensieren ihre Trauer durch cooles Macho-Gehabe. „Als meine Freundin mit mir Schluss gemacht hat, bin ich mit meinen Kumpels rumgezogen und hab Spaß gehabt. Von der wollte ich mich nicht fertig machen lassen. Und ein paar Tage später habe ich auf einer Fete schon wieder eine Neue gefunden“, erzählt der 16-jährige Mats.

Reden oder kuscheln?

Ob Mädchen oder Junge, ob viele Tränen oder schneller Trost – wenn Tochter oder Sohn Liebeskummer haben, leidet meist die ganze Familie mit. Viele Jugendliche ziehen sich zurück und schweigen, andere reagieren gereizt oder aggressiv. Keine leichte Situation für die Eltern: In Ruhe lassen oder reden? Ausheulen lassen oder ablenken? Manchmal kann jedes Wort falsch sein: „Es hat mich ganz unglücklich gemacht, zu sehen, wie Marika leidet“, erzählt Susanne Halmer. „Ich wollte ihr so gerne helfen, sie trösten. Aber irgendwie war alles, was ich gesagt habe, falsch.“

Bei ihrer Tochter kamen die tröstenden Worte jedenfalls nicht an: „Sie brachte dauernd so blöde Sprüche wie ‚Das geht bald wieder vorbei’ oder ‚Andere Mütter haben auch nette Söhne’. Das war total ätzend.“ Mehr Zugang zu Marika fand ihr Vater Holger: „Mein Daddy hat sich eines Abends, als es mir besonders schlecht ging, zu mir gesetzt und mich ganz lange einfach nur im Arm gehalten. Bis ich aufgehört habe zu weinen. Das hat mich getröstet, jedenfalls mehr als die Sprüche von meiner Mutter“, sagt Marika.

Halt geben, aber nicht aufdrängen

„Liebeskummer ist ein emotionaler Ausnahmezustand – da müssen Eltern mit viel Einfühlungsvermögen auf ihre Kinder zugehen“, empfiehlt Ulrich Gerth. „Nicht immer sind kluge Ratschläge sinnvoll. Aber auf jeden Fall sollten Eltern Interesse zeigen und nachfragen, was los ist, wenn ihr Kind sich plötzlich zurückzieht. Vor allem aber müssen sie die Gefühle ihrer Kinder ernst nehmen.“

Ob und wann die Jugendlichen über ihren Liebeskummer reden möchten, wie sie darüber reden möchten und mit wem, das entscheiden sie selbst. Dennoch brauchen die Teenager die Aufmerksamkeit ihrer Eltern und das Gefühl, mit ihrem Kummer nicht allein zu sein. Deshalb sollten Eltern ihrem Kind zeigen, dass sie für es da sind, es in den Arm nehmen – wenn es das möchte – und es ruhig ein bisschen verwöhnen. „Aber nehmen Sie nicht zu viel Rücksicht“, warnt Erziehungsberater Gerth. „Es hat keinen Sinn, den Kindern zu erlauben, dass sie wegen Liebeskummer tagelang der Schule fernbleiben. Sorgen Sie besser dafür, dass der Alltag weiterläuft – und geben Sie Ihrem Kind so einen Haltepunkt. Nur wenn der Herzschmerz zu einer existenziellen Krise wird, sollten Sie intervenieren und professionelle Unterstützung suchen.“

Zehn Tipps für die Liebeskummer-Ambulanz

Liebeskummer heilen kann nur die Zeit – und eine neue Liebe. Doch erst einmal geht es darum, den Herzschmerz zu lindern, wenn das Kind vom siebten Himmel ins Tal der Tränen gefallen ist. Das erfordert von Eltern einiges an Achtsamkeit und Fingerspitzengefühl.

  • Einfach nur da sein
    Auch wenn der Kummer deines Kindes dir die Tränen in die Augen treibt, gib ihm Zeit, erst einmal selber mit seiner Trauer umzugehen und bedränge es nicht mit Fragen oder Ratschlägen. Es genügt, wenn du ihm vermittelst, dass du für seine Probleme jederzeit ein offenes Ohr hast – wann immer es reden möchte.
  • Keine Sorge, wenn die Türen knallen
    Jammern, Heulen, Türenknallen – das alles gehört zur Trauer dazu. Dein Kind braucht Zeit und Raum, seinen Kummer auszuleben – nur so kann es ihn auch bewältigen.
  • Nimm dein Kind ernst
    Auch wenn deine zwölfjährige Tochter todtraurig ist, weil sie eingesehen hat, dass aus ihr und Justin Bieber kein Liebespaar wird, verkneife dir Kommentare wie „Nächste Woche hast du das schon wieder vergessen“. Egal wie nichtig dir der Anlass vorkommen mag, für dein Kind bedeutet er sehr realen Kummer.
  • Zeige Toleranz
    Liebeskummer verunsichert Jugendliche. Häufig reagieren sie darauf mit Aggressionen – gerade Jungs lassen auf diese Weise ihre Gefühle raus. Sei ein bisschen toleranter als sonst und nimm die Wutausbrüche nicht persönlich.
  • Trösten, aber richtig
    Flüchte dich nicht in Floskeln, sondern nimm dein Kind lieber in den Arm und erzähle von deinem ersten Liebeskummer. Bei Jungs kann es ganz hilfreich sein, wenn der Vater ein Gespräch von „Mann zu Mann“ anbietet und mit dem Sohn einen Ausflug macht.
  • Erkenne deine Grenzen
    Den Kummer kannst du deinem Kind nicht nehmen, du kannst ihm nur Unterstützung anbieten. Ob es sich von dir trösten lassen möchte, musst du ihm überlassen. Viele Jugendliche vertrauen sich gerade in Liebesdingen eher Freuden oder Chats an. Akzeptiere dies – es heißt nicht, dass dein Kind dir nicht mehr vertraut.
  • Verwöhnen tut gut ...
    Wenn die erste schlimme Trauerphase vorbei ist, kannst du deinem Kind mit einer CD, einem Buch, dem Lieblingsessen, einem Ausflug oder einer kleinen Shoppingtour signalisieren, dass das Leben doch noch ein paar erfreuliche Dinge zu bieten hat.
  • ... aber übertreibe es nicht
    Wochenlang nur noch das Lieblingsgericht zum Mittagessen? Ständig neue Bücher, DVDs, Spiele oder Klamotten? Schulfrei wegen Liebeskummer? Keine gute Idee. Sorge für Kontinuität – so lernt dein Nachwuchs, dass gerade der Alltag in Krisensituationen Halt gibt.
  • Stärke das Selbstbewusstsein
    Um das angeknackste Selbstbewusstsein aufzubauen, solltest du deinem Kind immer wieder vermitteln, dass es attraktiv, intelligent und liebenswert ist. Ermutige es, sobald es dafür aufnahmefähig ist, zu einer neuen Frisur, einem neuen Hobbyund vor allem dazu, neue Seiten an sich zu entdecken.
  • Achte auf Warnsignale
    Hört der Kummer nicht mehr auf? Ist dein Kind nur noch traurig und abwesend? Zieht es sich extrem zurück? Zeigt es an nichts mehr Interesse? Lassen die schulischen Leistungen dramatisch nach? Leidet dein Kind unter anhaltender Appetit- und Schlaflosigkeit oder häufigen „Fressattacken“? Solche Alarmzeichen können Hinweise auf eine Depression sein. In diesem Fall solltest du dringend das Gespräch mit deinem Kind suchen und ggf. einen Therapeuten hinzuziehen.

Liebeskummer als Lernprozess

Den Liebeskummer können Eltern ihren Kindern nicht abnehmen. Aber sie können ihnen den Rücken stärken und ihnen helfen, gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Schließlich ist Liebeskummer immer auch ein Lernprozess, der zum Erwachsenwerden gehört. Es geht darum, jemanden loslassen zu können und sich selbst aufzufangen. Dabei lernt man sich, seine Gefühle und vor allem die eigenen Stärken besser kennen. Abschiedsrituale oder ein Tagebuch können dabei helfen, auch Sport ist gut für die Seele – oder man setzt die Trauer in Kreativität um. Das kann ungemein befreien: „Irgendwann habe ich eingesehen, dass mit Lasse alles vorbei ist“, erzählt Marika. „Ich war auch wütend auf ihn, weil er so ein Feigling war und am Handy Schluss gemacht hat. Ich bin viel spazieren gegangen und habe unsere gemeinsamen Lieblingsorte fotografiert – und die Bilder dann übermalt und zerkratzt. Das war so eine Art Abschiedsritual. Dabei habe ich gemerkt, wie viel Spaß mir das Fotografieren macht.“ Marika hat so neue kreative Seiten an sich entdeckt, und heute – ein Dreivierteljahr nach dem Ende der Freundschaft mit Lasse – ist die 16-Jährige wieder frisch verliebt.

Zum Weiterlesen

  • Silvia Fauck: SOS Herzschmerz: Soforthilfe von der Liebeskummer-Expertin.
    Gabriel Verlag, 9,95 Euro
  • Jesper Juul: Pubertät – wenn Erziehen nicht mehr geht: Gelassen durch stürmische Zeiten.
    Kösel-Verlag, 16,95 Euro
  • Angela Kling/Eckhard Spethmann: Pubertät. Der Ratgeber für Eltern. Mit 10 goldenen Regeln durch alle Phasen der Pubertät.
    Humboldt Verlag, 9,95 Euro

Weiterführende Links

  • www.bke-jugendberatung.de: Das umfassende Online-Beratungsangebot der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. (bke) bietet Einzelberatung, offene Sprechstunden, Gruppen- und Themen-Chats sowie Foren für Jugendliche und für Eltern
  • www.junoma.de: Kostenloses, anonymes Online-Beratungsangebot des Jungundjetzt e.V.
  • www.kummernetz.de: Internetseelsorge und Online-Beratung mit eigenen Bereichen für Kinder, Jugendliche und Eltern
  • www.nummergegenkummer.de: Telefon- und Online-Beratung für Kinder, Jugendliche und Eltern.

 



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