Verändertes Verfahren

Kaisergeburt: der angenehmere Kaiserschnitt?

Der Kaiserschnitt hat nicht viel mit einer natürlichen Geburt gemeinsam. Ein Arzt an der Berliner Charité hat jedoch unter der kühnen Bezeichnung "Kaisergeburt" ein etwas verändertes Verfahren entwickelt, das die Härten des Kaiserschnitts mildern und den operativen Eingriff in ein angenehmeres Geburtserlebnis verwandeln soll.

Autor: Ulrike Hahnlein
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Kaiserschnitt in Berlin heißt "Kaisergeburt"

Baby nach Geburt
Foto: © fotolia.com/ Vivid Pixels

Die Geburtsmedizin hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte kontinuierlich gewandelt. Früher waren ja nicht einmal die werdenden Väter im Kreißsaal zugelassen, während ihre Anwesenheit heutzutage selbstverständlich ist. Selbst zum Kaiserschnitt (unter örtlicher Betäubung) dürfen sie ihrer Frau im OP-Saal beistehen.

Prof. Dr. Wolfang Henrich, Leiter der Klinik für Geburtsmedizin an der Berliner Charité, führte in Deutschland ein weiteres Novum ein: die Kaisergeburt.

Steigende Kaiserschnittraten

Immer mehr Babys in Deutschland kommen per Kaiserschnitt auf die Welt. Neben häufigeren Mehrlingsschwangerschaften durch Kinderwunschbehandlungen, durchschnittlich größeren Kindern und einem steigenden Alter der Schwangeren liegen die Gründe nicht zuletzt auch in dem immensen Sicherheitsbedürfnis und dem damit verbundenen Druck,  der auf Ärzten und Hebammen lastet. Dass bei günstigen Bedingungen eine natürliche Geburt der Sectio vorzuziehen ist, darin sind sich die Fachleute meist einig. Dennoch muss in vielen Fällen geschnitten werden, oftmals sehr zur Enttäuschung der betroffenen Frauen. Sie klagen häufig über die fehlende Kontrolle, ein Gefühl des Ausgeliefertseins unter der Entbindung, verspäteten  Milcheinschuss und manchmal auch über eine unerklärliche Angst, ob sie anschließend das richtige Kind im Arm halten. Kann man gegen diese negativen Erfahrungen etwas tun.

Geburtsmediziner erklärt: Welche Auswirkungen hat ein Kaiserschnitt auf mein Kind?

Tuch runter bitte!

„Man kann“, sagt der Geburtsmediziner Prof. Dr. Henrich und praktiziert seit über einem Jahr die sogenannte Kaisergeburt an der Berliner Charité. Was in anderen Ländern schon länger im OP-Saal stattfindet, ist hierzulande noch weitgehend unbekannt. Prof. Dr. Henrich hat den üblichen Kaiserschnitt-Ablauf in Frage gestellt und gewagt, diesen zu modifizieren. Die Intention dahinter ist, das manchmal nötige aber wenig natürliche operative Ereignis  in ein etwas angenehmeres Geburtserlebnis zu verwandeln. Die erste Phase der Sectio, also das eigentliche Schneiden, findet traditionell hinter dem sterilen OP-Tuch statt. Doch während der zweiten Phase, wenn das Kind aus dem Bauch hervorgeholt wird, schiebt der Anästhesist den „Vorhang“ beiseite. So wird dem werdenden Vater Einblick gewährt und auch der Kopf der Mutter wird leicht angehoben, damit sie über ihren gewölbten Bauch schauen kann. Prof. Dr. Henrich beschreibt dies als einen überwältigenden Moment für alle Anwesenden: „Das Kind wird wesentlich langsamer, bewusster und auch schonender hervorgeholt, immer unter dem Blick der Eltern. Symbolisch darf die Mutter ein wenig mitpressen, das geht auch mit liegender örtlicher Betäubung. Der Vater darf, wenn er möchte, die Nabelschnur durchtrennen.

Anschließend wird das Neugeborene direkt nackt auf die Brust der Mutter gelegt, so wie bei einer natürlichen Geburt. Dadurch hat das Kind sofort Hautkontakt, nimmt den Geruch der Mutter wahr und fängt oftmals schon in den ersten Minuten an, nach der Brust zu suchen. In diesen Momenten entsteht eine Innigkeit, die den Rest der Operation vergessen lässt.“

Angst, zu viel zu sehen, ist unbegründet

Unweigerlich drängen sich Gedanken von Blut und einem unschönen Anblick auf eine offene Bauchwunde auf, wenn man sich den Vorgang der Kaisergeburt vorstellt. Doch Prof. Dr. Henrich versichert: „Wenn das Kind hervorgeholt wird, dann dichtet es quasi komplett das Operationsgebiet ab, und durch die Perspektive über den gewölbten Bauch hat die Frau überhaupt keinen Einblick auf die Wunde. Auch danach, wenn das Neugeborene auf der Welt ist und abgenabelt wird, konzentriert sich der Blick auf das Kind und nicht auf den Bauch. Bisher waren kein Vater und keine Mutter in irgendeiner Weise schockiert von Blut oder Ähnlichem. Wer das kritisiert, der muss sich darüber im Klaren sein, was man bei einer vaginalen Spontangeburt sehen kann.“ Der längste Teil des Kaiserschnittes, die Nachgeburt der  Plazenta und das Vernähen der Wunde, findet dann wieder traditionell hinter dem Tuch statt. Doch davon kriegen die frischgebackenen Eltern gar nichts mit, diese sind völlig auf ihr kleines Wunder fixiert, was nicht wie sonst üblich, nach einem kurzen Blick aus dem OP-Saal getragen und erst später, gesäubert und angezogen, wieder gebracht wird.

Ärzte überzeugt, Hebammen kritisch

An der Berliner Charité sind, laut Prof. Dr. Wolfang Henrich, sämtliche Kollegen und Hebammen überzeugt von der neuen Methode. Rund 80 bis 90 Prozent der Frauen, bei denen ein Kaiserschnitt nötig ist, entscheiden sich für die modifizierte Sectio. Die Kaisergeburt wird ihnen im Vorgespräch angeboten, die endgültige Entscheidung fällt aber erst im OP-Saal und nur, wenn es die Schwangere ausdrücklich wünscht. Hinsichtlich der Hygiene gibt es keinerlei Einschränkungen, die Berliner Klinik für Geburtsmedizin hat demnach auch noch keinen einzigen Fall von Wundheilungsstörungen oder Infektionen unter dieser Methode zu verzeichnen.

Frauen fühlen sich weniger ausgeliefert

Prof. Dr. Henrich befragte gezielt die Frauen, die vor der Kaisergeburt bereits durch den konventionellen Kaiserschnitt ein Kind entbunden haben: „Es gibt eine einstimmige Meinung dazu, dass falls bei der nächsten Entbindung wieder ein Kaiserschnitt nötig wäre, diese Methode vorgezogen würde. Wegen dem Gefühl mit dabei zu sein, dieses nicht so ausgeliefert sein, der sofortige Blickkontakt und die direkte Übergabe des Kindes an die Mutter. Wir haben das auch schon bei  Beckenendlagen durchgeführt, bei  Zwillingen, sogar bei Drillingen und auch bei sekundären Kaiserschnitten haben wir gute Erfahrungen gemacht. Das neue Verfahren hat zur Minderung der Frustration über die nicht erfolgreich verlaufende normale Geburt geführt.“

Auch urbia-Userin „fraucausb“ hat ihr drittes Kind per Kaisergeburt entbunden und schwärmt im Forum: „Im Moment der Geburt wurde das Tuch weggenommen und ich konnte zusehen. Unvergleichlicher Moment, den ich nicht missen möchte. Mein Baby hat alles gegriffen was da so rumhing und sich gleich mit der winzigen Hand an einen Schlauch geklammert. An Blut kann ich mich dagegen nicht erinnern." 

Hebammen sind eher kritisch

Der Deutsche Hebammenverband sieht dieses neue Verfahren kritisch und fürchtet vor allem, dass dadurch die Zahl der „Wunschkaiserschnitte“ steigen könnte. Susanne Steppat, Beirätin des Präsidiums des Hebammenverbands, ist zwiegespalten: „Da schlagen sozusagen zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits kann ich natürlich verstehen, dass Herr Prof. Dr. Henrich OP-Routine abbauen und es den Eltern so angenehm wie möglich machen möchte. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke, habe ich das Gefühl, dass da eine Art Lifestyle-Kaiserschnitt aufgebaut werden soll, um vielleicht die Entscheidung zur Schnittentbindung zu erleichtern.“ Die erfahrene Hebamme fürchtet, dass die neue Methode eher ein Versuch ist, im heiß umkämpften geburtshilflichen Markt ein Alleinstellungsmerkmal zu finden. Stattdessen plädiert sie dafür, mehr Zeit zu investieren, um Frauen, die wegen großer Angst vor dem  Geburtsschmerz einen Kaiserschnitt wünschen, diese Sorgen zu nehmen.

'Ja' zum Bonding – 'Nein' zum Sichtkontakt

Dass die Eltern bei einer Kaisergeburt zusehen können, wie ihr Kind auf die Welt kommt, findet Susanne Steppat „eine ganz absonderliche Vorstellung“: „Bei einer Spontangeburt kann die Frau diesen Vorgang auch nicht sehen, das geht ja rein körperlich gar nicht. Aber das ist auch nicht der Moment, in dem eine Mutter Bindung zu ihrem Kind bekommt, sondern das geschieht, wenn sie es sehen, riechen und anfassen kann.“ Den Versuch, das Bonding zu fördern, sieht die Hebamme aber positiv: „Es sollte lieber dafür gesorgt werden, dass es im OP-Saal warm genug und etwas dunkler ist, damit das Neugeborene bei der Mutter bleiben kann, anstatt zuerst dem Kinderarzt übergeben zu werden, wo es dann abgesaugt und abgerubbelt wird.“ Ihrer Meinung nach hält dieses Bonding sowieso bereits auf leisen Pfoten Einzug in den Operationssälen: „Das wird ganz subtil eingeführt und schon in vielen Kliniken praktiziert, ohne dass man dafür extra Werbung macht. Aber dieser eigene Name dafür, das ist Augenwischerei genau wie beim ,sanften Kaiserschnitt´. Da erfindet man tolle neue Worte, doch damit  verharmlost man etwas und gibt dem ganzen einen Touch von Exklusivität.“

Mehr Wunschkaiserschnitte durch die Kaisergeburt?

Doch der „Vater“ der Kaisergeburt steht zu seinem Konzept und glaubt nicht daran, dass dies die Entscheidung zur Schnittentbindung beeinflusst: „Ich finde es fast schon frauenverachtend, den Schwangeren zu unterstellen, dass sie sich wegen dieser Methode leichtfertig den Bauch aufschneiden lassen würden und mit der Entscheidung zu einer Operation fahrlässig umgehen. Wir hatten bisher noch keinen einzigen Fall, wo Frauen gezielt nach der Kaisergeburt gefragt hätten.“

Von dem Begriff „Wunschkaiserschnitt“ hält der erfahrene Mediziner sowieso nicht viel: „Ich vermeide diesen Begriff, denn dabei handelt es sich um einen Präventivgedanken. Die Frauen haben Angst vor einer Komplikation, das ist ein berechtigtes Argument. Ist die Ausgangsposition günstig, kann man der Frau vielleicht die Angst nehmen und die Bedenken lockern. Doch man muss die Risiken der normalen Geburt und die operativen Risiken individuell abwägen. Setzt die Frau am Ende ihre Prioritäten und entscheidet sie sich für eine Schnittentbindung, ist das ein Präventiv- und kein Wunschkaiserschnitt. Angst vor einer bestimmten Komplikation kann, wenn sie nicht genommen werden kann, auch eine Indikation für einen Kaiserschnitt sein.“

Die Kaisergeburt bald deutschlandweit?

An der Berliner Charité hat sich die Methode etabliert, nur vereinzelt gibt es bisher Nachahmer in anderen deutschen Kliniken. Andere Kollegen Prof. Dr. Henrichs stehen der Neuerung kritisch gegenüber, sie vermuten dahinter eher eine Marketingstrategie. Einige Chefärzte der Frauenkliniken warten noch auf Studien, welche die körperlichen und emotionalen Auswirkungen untersuchen (diese laufen bereits). Die direkte Übergabe des Neugeborenen an die Mutter, wird schon von vielen Kliniken praktiziert, nur eben ohne den Sichtkontakt während der Schnittentbindung. Im Laufe der Jahre wird sich zeigen, ob sich die Kaisergeburt durchsetzt oder nicht. Prof. Dr. Henrich glaubt an seine Methode: „Wir sehen tausende von Kindern auf die Welt kommen, die Eltern sehen ein oder zwei oder auch mal drei Kinder. Manche Babys müssen nun mal per Kaiserschnitt geboren werden, da ist es meines Erachtens nicht zu rechtfertigen, dieses einmalige Ereignis hinter einem Vorhang stattfinden zu lassen.“


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