Neulich auf dem Familien-Kongress

Eltern-Sein oder: "Die Kunst des Durchwurstelns"

700 Mütter und Väter kamen zum Familien-Kongress nach Weimar, um von ausgesuchten Experten allerlei Antworten und hilfreiche Lösungen für ihren Familienalltag zu erfahren. urbia war vor Ort. Lesen Sie hier unsere ganz und gar subjektive Zusammenfassung der Erkenntnisse.

Autor: Petra Fleckenstein
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Man kann ja so viel falsch machen!

Vater Zwei Töchter Spielen
Foto: © iStockphoto/ ArtisticCaptures

Eltern haben es heutzutage nun wirklich nicht leicht. Wie erziehe ich mein Kind richtig? Was um Himmels Willen habe ich falsch gemacht, wenn Klein-Paulchen im Sandkasten die süße Lisa derb an den Haaren zieht? Und bin ich schuld, wenn mein Kleinkind das Zeitfenster zum Chinesisch-Lernen verpasst? Das sind Fragen, die uns heute umtreiben. Und da wir offenbar partout nichts mehr einfach so machen wollen, wie unsere Eltern und Großeltern dies taten, benötigen wir Expertenrat.

Den gab es nun zwei Tage lang geballt beim Familien-Kongress in Weimar, zum fünten Mal veranstaltet von Jako-o, dem Versandhaus für Kinder-Sachen aus dem bayerischen Bad Rodach. 600 Mütter und knapp 100 Väter hatten sich in die Goethe-Stadt aufgemacht, um namhaften Autoren, wie dem Familien-Berater Jan-Uwe Rogge, dem Kinderarzt Herbert Renz-Polster und der Pädagogin und Spielexpertin Susanne Stöcklin-Meier zu lauschen. 25 verschiedene Vorträge wurden geboten, mit allen Themen, die uns heute auf den Nägeln brennen: Was braucht es, damit Kinder gerne lernen? Ist Hochbegabung ein Problem? Wozu benötigen Kinder Väter? Wofür sind Märchen gut? Impfen, ist das gesund? Gibt es überhaupt noch gesunde Kindheit? Um nur einige zu nennen.

Allen Eltern, die nicht dabei waren und die sich Sorgen machen könnten, Entscheidendes verpasst zu haben, hier ein kleiner, ganz und gar subjektiver Überblick:

Beim Lernen zählt die Atmosphäre

Da sich das Wissen unserer Zeit alle fünf Jahre verdoppelt, wird die Frage, wie kriegt man das Zeug in seinen Kopf hinein, immer wichtiger. „Eltern haben maßgeblichen  Einfluss auf den Lernerfolg ihrer Kinder“, sagt Hirnforscher Prof. Martin Korte in seinem Vortrag und erklärt, dass es weniger darum geht, jede Menge Daten wie durch einen Trichter in kindliche Gehirne zu gießen als vielmehr darum, zu lernen aus der Fülle des Wissens auszuwählen und Gelerntes so abzuspeichern, dass man da auch irgendwann wieder dran kommt. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die richtige Lernatmosphäre, da sind sich Prof. Korte und Christiane und Dirk Konnertz vom LernTeam, die  über die zehn Gern-Lern-Gebote referieren, einig. Denn, wenn wir auch nicht so viel Einfluss auf die Atmosphäre in den Klassenzimmern haben, zu Hause kann das gemeinsame Lernen fröhlich, lustvoll und abwechslungsreich verlaufen. „Auch Lernzeit ist Beziehungszeit“,  und die kann man genießen, so der sicher wichtige Appell. Das geht zum Beispiel, indem Eltern sich nicht eiskalt vor ihrem Sprössling aufbauen und die Lateinvokabeln abfragen, sondern indem man hie und da Rollen tauscht (Kind darf Mama abfragen und sie dann verbessern), Lernstoff in den Alltag einbaut (Hänschen darf ausrechnen, wie viel Saatgut fürs Aussäen des Rasens hinterm Haus benötigt wird oder Backzutaten abmessen und einrühren) und - ganz wichtig – indem Fehler nicht tragisch genommen werden, sondern als wichtiger Schritt zum Lernerfolg einfach dazu gehören dürfen. So soll Glühlampen-Erfinder Thomas Edison gesagt haben: Misserfolge sind nur Zwischenschritte auf dem Weg zum Erfolg. Na, wenn das nichts ist?

Hochbegabte sind auch nur Menschen

Der Vortragsraum ist bis zum letzten Platz besetzt, Hochbegabung scheint also um sich zu greifen wie eine Masern-Epidemie, oder handelt es sich vielleicht doch eher um eine neue Form der Eltern-Hysterie? Das zumindest könnte man vermuten, wenn man die ernüchternden Zahlen hört. Gerade mal zwei Prozent der deutschen Bevölkerung weisen einen Intelligenzquotienten von 130 und mehr auf und verfügen damit über das kognitive Potential, das man Hochbegabung nennt. Wer drunter liegt, ist einfach wach, begabt, intelligent - alles erfreuliche Eigenschaften - aber nicht hochbegabt. „Die meisten, die wir testen, sind einfach fitte Kinder“, so Psychologin Ulrike Meiss, die anschließend mit den Mythen der Hochbegabung gründlich aufräumt und uns wissen lässt: Es spricht meist nur für einen Entwicklungsvorsprung, wenn Kinder schon mit vier Jahren eigenständig lesen und rechnen lernen, weiter nichts. Außerdem sind Hochbegabte genauso stabil und kein bisschen weniger sozial auffällig als andere Kinder. Sie sind auch nicht häufiger einsame Außenseiter als normal Begabte und wenn sie sich im Unterricht langweilen, ist das eher ein Zeichen für schlechten Unterricht als für Hochbegabung. Punkt!

Kinder brauchen faule Väter (oder so ähnlich)

Nun gut, wenn der Spross schon nicht zu den zwei Prozent hellsten Köpfen gehört, soll er doch wenigstens von einer guten Vaterbeziehung profitieren. Aber was ist das eigentlich? Was kann der Kinds-Papa, das ich nicht kann, mögen sich manche Zuhörerinnen gefragt haben, die sich neugierig beim „Vortrag für Väter“ eingefunden haben. Sozialpädagoge und Familientherapeut Achim Schad weiß darauf eine Antwort, die sich Mütter zu ihrer Entlastung hinter die Ohren schreiben sollten. Sie lautet: Väter sind egoistischer und helfen ihren Kindern damit in die Autonomie! In den Alltag übersetzt bedeutet das:  Nicht meckern, meine Damen, wenn Kinds-Papa auf dem Spielplatz hinter seiner Zeitung verschwindet, während Klein-Anna sich damit abmüht, die Rutsche falschherum zu erklimmen. Denn während Mütter ihrem Nachwuchs dann gerne sofort hilfreich zur Seite stehen, führt Papas Faulheit dazu, dass Klein-Anna es selbst schaffen muss, das wiederum bringt Kompetenzgewinn, Selbstvertrauen und Eigenständigkeit. Wie einfach kann die (Männer-)Welt sein!

Impfen -  nichts Genaues weiß man nicht

Gerade noch beseelt von den simplen und klaren Antworten des Väter-Vortrags, landet man hier wieder mittendrin in der bisweilen höllischen Kompexität des modernen Lebens. „Impfen, immer früher und immer mehr, ist das gesund?“ Dies zu fragen wagt der erklärte Skeptiker, aber keineswegs Impfgegner, Martin Hirte, ein Kinderarzt aus München. Und die Antwort gleich vorweg: Keiner weiß es so genau. Nicht der Kinderarzt, nicht die Experten von der Ständigen Impfkommission, und die Eltern, die die Impfentscheidung für ihr Kind treffen müssen, schonmal überhaupt nicht. Denn zwar mag die Autofahrt zur Impfung gefährlicher sein als die Impfungen selbst, wie der Referent zu bedenken gibt. Dennoch meldet er Zweifel an der aktuellen Impfpolitik an, die derzeit in den ersten zwei Lebensjahren eines Kindes 37 Impfungen empfiehlt. Besonders den sehr frühen Beschuss des kindlichen Nervensystems mit den Impfstoffen und den darin enthaltenen Verstärkern stellt er in seinem Vortrag auf den Prüfstand. Fazit: „Mit Impfungen lassen sich zwar seltene schwere Krankheiten verhindern, dafür wird aber bei einer unbekannten Zahl geimpfter Kinder die Entstehung chronischer Krankheiten (wie Allergien) begünstigt.“ Jede Impfentscheidung (und hier ist vor allem der Zeitpunkt der Impfung gemeint, weniger die Frage, ob überhaupt geimpft werden soll) habe daher eine „intuitive Komponente“. Will heißen: Bauchgefühl ist gefragt.  Beruhigend, oder?

 

Gesunde Kinder, gibt’s das noch?

Wenn man nach dem Eindruck geht, den Eltern heute aus den Medien gewinnen können, so scheint der provozierende Titel, den der renommierte Buchautor, Kinderarzt  und Wissenschaftler Herbert Renz-Polster seinem Vortrag voranstellt, durchaus berechtigt. Ist es nicht so? Unsere Kinder sind so dick, so dumm und so schlecht ernährt wie nie zuvor? Gemach, gemach, beruhigt indes der Experte und macht uns zunächst einmal klar, dass wir Eltern dazu neigen, uns auf Nebenschauplätzen zu verlieren. Aber wo, bitteschön, spielt die Musik, wenn es um die Gesundheit unserer Kinder geht? Antwort eins: Ein echtes Problem stellt der inzwischen massiv verringerte Bewegungsraum der Kinder dar, in dem sie, unbeobachtet von Erwachsenen, in der Gruppe mit anderen Kindern Spielerfahrungen machen können. Amerikanische Kinderärzte haben gar ein „Spiel-Defizit-Syndrom“ ausgemacht. Also, nicht der Lerncomputer, nein, das freie wilde Kinderleben draußen zusammen mit anderen Kindern, das ist der Lernraum, in dem soziale Kompetenz und all die anderen wichtigen Fähigkeiten entstehen.  Wir nicken betreten, bloß woher die anderen Kinder nehmen, wenn alle nur noch unter persönlicher Bewachung das Haus verlassen dürfen oder gerade im Auto zum nächsten Englisch für Grundschulkinder-Termin kutschiert werden? Antwort zwei: Was Forschern Kopfzerbrechen bereitet, sind die sogenannten „Frühkindlichen Regulierungsstörungen“. Denn immer häufiger funktioniert der „Tanz“ zwischen Mutter und Kind, die frühe nonverbale Kommunikation nicht mehr, und das Ergebnis all der Missverständnisse sind dann die Schreikinder. Aha. Und schließlich, Antwort drei, beschäftigt sich die Wissenschaft mit der Frage, warum Allergien und Diabetes vom Typ Eins sich einer so rapiden Zunahme erfreuen.  Mit dem doch einigermaßen überraschenden Hinweis, dass in beiden Fällen ein Zusammenhang mit Kaiserschnittgeburten ausgemacht wurde, entlässt Renz-Polster sein Auditorium, das spätestens jetzt erstmals zweifeln könnte, ob man tatsächlich durch Informationen klüger (und eine bessere Mutter oder Vater)  werden kann.

Die Kunst des Durchwurstelns

Die Antwort folgt am Sonntagmorgen um neun. Vorne steht Jan-Uwe Rogge und fordert seine große, von ihm  freundlicherweise  als „pädagogisch hyperaktiv“ betitelte  Zuhörerschar unmissverständlich auf, den Lern-Eifer einmal fahren zu lassen und sich ohne Block und Schreibwerkzeug einfach zurückzulehnen und zu genießen. Was tatsächlich gelingt, wenn einen die Zwerchfellkrämpfe, die sein Vortrag auslöst, einmal für Momente nicht dazu zwingen, sich vor Lachen zu krümmen. Denn Rogge, durch 30 Jahre Familienberatung und ein eigenes Kind mit allen Facetten und Abgründen moderner Eltern-Verunsicherung vertraut, hält dem überinformierten Auditorium liebevoll den Spiegel vor. Ohne die Mütter und Väter auch nur einen Moment mit wissenschaftlichen Theorien und Erkenntnissen zu belästigen, macht er am eigenen Leib erfahrbar, was Elternsein bedeutet („die Kunst des Durchwurstelns“) und was in Familien zählt. Nicht irgendwelche Erziehungstechniken, sondern Grundhaltungen: Begleiter des Kindes sein, nicht für, sondern mit Kindern leben, Kinder auch als Lehrer sehen (denn „Eltern bekommen immer das Kind, das zu ihnen passt, und von dem sie lernen können“ ), Halt geben, aber nicht klammern, dankbar und demütig sein. Und dies alles gewürzt mit Humor, Humor und immer wieder Humor. Denn, so wusste schon Pestalozzi: Es gibt nichts Schlimmeres für Kinder als Eltern ohne Humor. Allein für diese heilsame Erkenntnis – das stand den nun wirklich rundum glücklich blickenden Teilnehmern danach ins Gesicht geschrieben - hat sich der Familien-Kongress gelohnt.


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