Neulich auf dem Familien-Kongress
Eltern-Sein oder: "Die Kunst des Durchwurstelns"
700 Mütter und Väter kamen zum Familien-Kongress nach Weimar, um von ausgesuchten Experten allerlei Antworten und hilfreiche Lösungen für ihren Familienalltag zu erfahren. urbia war vor Ort. Lesen Sie hier unsere ganz und gar subjektive Zusammenfassung der Erkenntnisse.
Man kann ja so viel falsch machen!
Eltern haben es heutzutage nun wirklich nicht leicht. Wie erziehe ich mein Kind richtig? Was um Himmels Willen habe ich falsch gemacht, wenn Klein-Paulchen im Sandkasten die süße Lisa derb an den Haaren zieht? Und bin ich schuld, wenn mein Kleinkind das Zeitfenster zum Chinesisch-Lernen verpasst? Das sind Fragen, die uns heute umtreiben. Und da wir offenbar partout nichts mehr einfach so machen wollen, wie unsere Eltern und Großeltern dies taten, benötigen wir Expertenrat.
Den gab es nun zwei Tage lang geballt beim Familien-Kongress in Weimar, zum fünten Mal veranstaltet von Jako-o, dem Versandhaus für Kinder-Sachen aus dem bayerischen Bad Rodach. 600 Mütter und knapp 100 Väter hatten sich in die Goethe-Stadt aufgemacht, um namhaften Autoren, wie dem Familien-Berater Jan-Uwe Rogge, dem Kinderarzt Herbert Renz-Polster und der Pädagogin und Spielexpertin Susanne Stöcklin-Meier zu lauschen. 25 verschiedene Vorträge wurden geboten, mit allen Themen, die uns heute auf den Nägeln brennen: Was braucht es, damit Kinder gerne lernen? Ist Hochbegabung ein Problem? Wozu benötigen Kinder Väter? Wofür sind Märchen gut? Impfen, ist das gesund? Gibt es überhaupt noch gesunde Kindheit? Um nur einige zu nennen.
Allen Eltern, die nicht dabei waren und die sich Sorgen machen könnten, Entscheidendes verpasst zu haben, hier ein kleiner, ganz und gar subjektiver Überblick:
Beim Lernen zählt die Atmosphäre
Da sich das Wissen unserer Zeit alle fünf Jahre verdoppelt, wird die Frage, wie kriegt man das Zeug in seinen Kopf hinein, immer wichtiger. „Eltern haben maßgeblichen Einfluss auf den Lernerfolg ihrer Kinder“, sagt Hirnforscher Prof. Martin Korte in seinem Vortrag und erklärt, dass es weniger darum geht, jede Menge Daten wie durch einen Trichter in kindliche Gehirne zu gießen als vielmehr darum, zu lernen aus der Fülle des Wissens auszuwählen und Gelerntes so abzuspeichern, dass man da auch irgendwann wieder dran kommt. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die richtige Lernatmosphäre, da sind sich Prof. Korte und Christiane und Dirk Konnertz vom LernTeam, die über die zehn Gern-Lern-Gebote referieren, einig. Denn, wenn wir auch nicht so viel Einfluss auf die Atmosphäre in den Klassenzimmern haben, zu Hause kann das gemeinsame Lernen fröhlich, lustvoll und abwechslungsreich verlaufen. „Auch Lernzeit ist Beziehungszeit“, und die kann man genießen, so der sicher wichtige Appell. Das geht zum Beispiel, indem Eltern sich nicht eiskalt vor ihrem Sprössling aufbauen und die Lateinvokabeln abfragen, sondern indem man hie und da Rollen tauscht (Kind darf Mama abfragen und sie dann verbessern), Lernstoff in den Alltag einbaut (Hänschen darf ausrechnen, wie viel Saatgut fürs Aussäen des Rasens hinterm Haus benötigt wird oder Backzutaten abmessen und einrühren) und - ganz wichtig – indem Fehler nicht tragisch genommen werden, sondern als wichtiger Schritt zum Lernerfolg einfach dazu gehören dürfen. So soll Glühlampen-Erfinder Thomas Edison gesagt haben: Misserfolge sind nur Zwischenschritte auf dem Weg zum Erfolg. Na, wenn das nichts ist?
Hochbegabte sind auch nur Menschen
Der Vortragsraum ist bis zum letzten Platz besetzt, Hochbegabung scheint also um sich zu greifen wie eine Masern-Epidemie, oder handelt es sich vielleicht doch eher um eine neue Form der Eltern-Hysterie? Das zumindest könnte man vermuten, wenn man die ernüchternden Zahlen hört. Gerade mal zwei Prozent der deutschen Bevölkerung weisen einen Intelligenzquotienten von 130 und mehr auf und verfügen damit über das kognitive Potential, das man Hochbegabung nennt. Wer drunter liegt, ist einfach wach, begabt, intelligent - alles erfreuliche Eigenschaften - aber nicht hochbegabt. „Die meisten, die wir testen, sind einfach fitte Kinder“, so Psychologin Ulrike Meiss, die anschließend mit den Mythen der Hochbegabung gründlich aufräumt und uns wissen lässt: Es spricht meist nur für einen Entwicklungsvorsprung, wenn Kinder schon mit vier Jahren eigenständig lesen und rechnen lernen, weiter nichts. Außerdem sind Hochbegabte genauso stabil und kein bisschen weniger sozial auffällig als andere Kinder. Sie sind auch nicht häufiger einsame Außenseiter als normal Begabte und wenn sie sich im Unterricht langweilen, ist das eher ein Zeichen für schlechten Unterricht als für Hochbegabung. Punkt!

Druck
Kommentare
Email