Wie Kinder sprechen lernen

Fragen als Motor für die Sprachentwicklung

Die ersten vier Lebensjahre sind für die Sprachentwicklung entscheidend. Professor Bernhard Weisgerber gibt Tipps, wie Eltern ihre Kinder dabei unterstützen können.

Autor: Constanze Nieder
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Eltern müssen sich Zeit für ihre Kinder nehmen

Kind Lupe Wiese panther Design Pics
Foto: © panthermedia, Design Pics

"Frag' doch nicht so viel" oder "Stell' doch nicht so dumme Fragen", so und ähnlich maßregeln manche Eltern häufig ihre wissbegierigen Kinder, die sich "ihre" Welt sprachlich zu eigen machen wollen. Bernhard Weisgerber, emeritierter Professor im Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften an der Uni Wuppertal, kann diese Reaktionen nicht verstehen: "Fragen sind doch der Grundmotor für die Sprachentwicklung eines Kindes. Die Eltern müssen sich Zeit für die Fragen ihrer Kinder nehmen. Sie sollten ihre Kinder zum Fragen sogar auffordern." Auch wenn die Sprach- und Sprechfähigkeit angeboren ist und sich der Drang, das Lebensumfeld zu versprachlichen, ganz natürlich entwickelt, so ist das Kind doch in besonderem Maße auf das sprachliche Angebot der Bezugspersonen angewiesen.

Die ersten vier Jahre sind entscheidend

Es ist schon faszinierend wie sich die Knirpse in den ersten vier Jahren die Sprache aneignen. "Dies sind die entscheidenden Jahre für die Sprachentwicklung", betont Professor Weisgerber. Optimal kann sich die individuelle Sprachfähigkeit des Kindes jedoch nur bei einem ausreichenden sprachlichen Angebot der Eltern, Geschwister und der Umgebung entwickeln. "Das Kind muss mehrere Partner haben, die mit dem Kind sprechen und auch bereit sind zuzuhören", nennt der bekannte Sprachwissenschaftler Grundvoraussetzungen für den Spracherwerb. Er findet deutliche Worte für Eltern, die ihrem Kind das nicht bieten: "Wer sein Kind verhungern lässt, wird bestraft. Sein Kind geistig verkümmern zu lassen, ist schrecklich, das wird aber nicht bestraft."

Ganz natürlich – Spracherwerb

Es hätte wohl wenig Erfolg, wenn die Eltern ihrem Kind systematisch jeden Tag zehn neue Wörter beibringen wollten. Kinder erlernen Sprache eben nicht wie Erwachsene eine Fremdsprache. Vielmehr erlernen sie diese, weil sie auf Sprache angewiesen sind. So erkennt ein Kind sehr schnell, dass es mit Worten etwas erreichen kann. Hierzu ein Beispiel: Ein Kind verlangt mit "Hamham" eine Mahlzeit. Die Eltern reagieren nicht darauf, weil das Kind durchaus schon sagen kann: "Anna Hunger". Also versucht sie es mit diesen Worten – und bekommt etwas zu essen.
Die Sprache jedoch nur als Kommunikationsmittel zu sehen, ist zu kurz gegriffen. "Kinder machen sich die Welt, in der sie leben, sprachlich verfügbar; sie wollen sich in ihrem Lebensumfeld orientieren", erklärt Professor Weisgerber. "Ist das?" und "Heißt das?" sind wichtige Fragen, die das Kind beantwortet haben muss, um den Dingen einen Namen geben zu können. Ein Kind, das mit einem Hund von Geburt an in Kontakt kommt, wird sicherlich eher eine Bezeichnung für das Haustier nennen, als ein Kind, das einen Hund bisher nur von weitem gesehen hat.

Von wegen verkappte Erwachsenensprache

Kindersprache ist aber mehr als nur eine "unfertige Erwachsenensprache". Den frühkindlichen Spracherwerb als bloßes Nachplappern von Worten abzutun, ist unzulänglich. Sehr aktiv nimmt das Kind das sprachliche Angebot seiner Umgebung auf, erweitert es und baut sich teils seine eigenen Regeln auf. Professor Weisgerber fällt das Beispiel seiner Enkeltochter Antonia ein: "Sie kannte das Wort Kugel. Ihre Eltern haben ein Bett deren Eckpfosten rund sind. Antonia hat das Wort Kugel hierauf übertragen und differenziert. Sie zeigte auf die erste Kugel und sagte: ´Kugel´, die zweite hieß ´noger Kugel´, für ´noch eine Kugel´. Bei der dritten sagte sie ´noger noger Kugel´ und bei der vierten ´noger noger noger Kugel´. Sie hat sich eigenständig so etwas wie ein Zahlensystem aufgebaut." Antonia zu verbessern und ihr zu sagen: "Das heißt aber: noch eine Kugel oder das ist die erste Kugel, das ist die zweite Kugel ... ", hält der Sprachwissenschaftler für falsch. "Man sollte das, was Kinder selbst produzieren, ernst nehmen und nicht immer gleich das Maß der Standardsprache anlegen."

Kreativer Sprachgebrauch

Professor Weisgerber spricht sich sehr für einen kreativen Sprachgebrauch aus, der bei den Kindern noch stark, bei den meisten Erwachsenen nur noch kaum vorhanden ist. Auch hierfür hat der Sprachwissenschaftler anschauliche Beispiele parat. Ein Junge sagt beim Abschied seines Vaters auf dem Flughafen: "Gute Fliege"; der Scheibenwischer am Auto heißt "Fensterfeger"; die Holzsandalen sind die "Klapperschuhe"; die Glasscherben sind "schneidig" und die Stiefmütterchen heißen Stiefmütterchen, "weil die Mütterchen nicht mit den Stiefeln darauf treten sollen."

"Eltern macht doch die Ohren auf"

Noch früh genug wachse das Kind in die Sprachnorm hinein. Das Kind bei vermeintlich falschen Äußerungen ständig zu reglementieren sei wenig motivationsfördernd. "Liebe Eltern macht doch die Ohren auf", meint Professor Weisgerber und ergänzt: "Man sollte auf das Kind eingehen, sich fragen, was will das Kind denn eigentlich ausdrücken. Die Eltern sollten sich auf die Kindersprache positiv einstellen, aber keine Babysprache sprechen." Er fordert die Eltern auch zu mehr eigener Sprachkreativität auf. Oder trauen sich nicht mehr, weil ihr Sprachgebrauch durch Schule und Schriftsprache in ein normiertes Gerüst gezwängt wurde?

Rollenspiele und Fantasiereisen

Wie kann man aber nun die Sprachfähigkeit gerade von Kindern im Vorschulalter fördern? "Eltern sollten die sich ständig bietenden Gelegenheiten aufgreifen", betont der Sprachwissenschaftler. Beispielsweise fragen Kinder nach Gegenständen und ihren Funktionen. Hieraus lässt sich wunderbar ein Spiel machen nach dem Motto: Ist das? Macht das? Warum? Das ist eine Kerze. Sie brennt. Wir haben sie angezündet, um es uns gemütlich zu machen. Kinder haben großen Spaß daran, wenn die Rollen getauscht werden, wenn sie selbst ihren Eltern oder Geschwistern die Fragen beantworten müssen. "Kinder entwickeln ganz von selbst eigene Rollenspiele, die man jederzeit aufgreifen kann", so Weisgerber. Seine Kinder hätten folgendes Spiel (im Wechsel) gemocht: "Du bist ein Stuhl: Auf dir kann ich sitzen.", "Du bist ein Buch: In dir kann ich lesen.", "Du bist eine Schüssel: Bei dir kann ich Pfannkuchen mit Ei machen." ...

Fantasiereisen fördern die Sprachkreativität des Kindes und des Erwachsenen - sie sind daher ebenso wie Fingerspiele und Krabbelverse zu empfehlen. Wichtig sei es auch, mit Kindern über ihre Gefühle zu sprechen. Wenn sie sich beispielsweise vor einer fauchenden Katze erschreckt haben, dann könnte diese Situation mit Hilfe von Handpuppen und Kuscheltieren nachgespielt werden.

Vom Monolog zum Dialog

Wenn Kinder Fernsehen, dann sollte dies nicht nur passiv geschehen. "Zunächst ist das Fernsehschauen ein Monolog. Dies kann aber auch zu einem Dialog führen, wenn die Kinder aufgefordert werden, über das Gesehene zu reden oder etwas zu der Sendung zu malen", erläutert Bernhard Weisgerber. Besonders liegt ihm aber am Herzen, dass Erwachsene das Fragen der Kinder nicht "kaputt machen". Kinder, die nur unzureichend lernen, sich verbal auszudrücken, sind in Konfliktsituationen vermutlich eher bereit, Gewalt anzuwenden.

Um Sprachentwicklungsstörungen geht es in dem Beitrag "Pokoladenschudding".


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