Baby-led Weaning

Wann darf ein Baby alles essen?

Bisher bekommen die meisten Babys zum Beikoststart zunächst Brei und steigen ab etwa zehn Monaten langsam auf Familienkost um. Ein neuer Trend aus Großbritannien, die Baby-gesteuerte Entwöhnung ("Baby-led Weaning"), wirft diese Regel über Bord.

von Gabriele Möller
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Baby Led Weaning
Foto: © panthermedia.net/ Sergej Khackimullin

Feste Kost – Wer gibt das Startsignal?

Als für meine Tochter Elina der Tag der ersten Breimahlzeit gekommen war, war ich ein bisschen aufgeregt. Sie war sechs Monate alt und bisher voll gestillt worden. Unerfahren wie ich war, erwartete ich auf ihrer Seite nun so etwas wie freudige Erregung über den ersten Breilöffel. Die kleine Menge Möhrenmus, die ich ihr auf einem Löffelchen anbot, wurde denn auch bereitwillig in den Mund genommen. Doch dann legte sich die Stirn meiner Tochter in bedenkliche Falten  und mit einem angeekelten Blick, der nichts Anderes besagte als „Das ist jetzt nicht dein Ernst, Mama!“ wurde der Brei wieder aus dem Mund herausgeschoben. So ging es auch an den folgenden Tagen.

Die Hebamme und Gesundheitsberaterin Gill Rapley aus England wundert das gar nicht. „In den meisten Familien wird der Beikoststart von den Eltern initiiert. Sie entscheiden, wann ihr Baby mit fester Nahrung anfängt. Das kann man als ‚elterngesteuerte Beikosteinführung‘ bezeichnen.“ Da sei es kein Wunder, wenn Babys anfangs alles ausspuckten oder sich das Essen später gar zum Machtkampf entwickle. Rapley findet es daher natürlicher, wenn nicht die Eltern, sondern das Baby selbst entscheidet, wann und vor allem auch was es essen möchte. Deshalb nennt sie ihr Programm Baby-led Weaning („babygesteuertes Entwöhnen“, kurz BLW).

Das selbstbestimmte Baby

Ein wichtiger Eckpfeiler der Methode: „Feste Nahrung wird eingeführt, sobald das Baby zeigt, dass es selbst essen kann. BLW erlaubt dem Baby, diesen Prozess selbst zu steuern, wobei es seine angeborenen Instinkte und Fähigkeiten benutzt“, so Gesundheitsberaterin Rapley. Wann genau das ist, ist von Kind zu Kind unterschiedlich. „Wenn man ihnen die Chance gibt, zeigen fast alle Babys ihren Eltern, dass sie bereit sind für etwas anderes als Milch, und zwar einfach indem sie sich ein Stück Nahrung greifen und es in den Mund stecken.“ Dabei hat Rapley die Beobachtung gemacht, dass sich die meisten Babys im Alter von etwa sechs Monaten für die Familienkost zu interessieren beginnen und diese auch probieren möchten.

Deshalb ist es ihr wichtig, dass das Baby die Gelegenheit hat, an allen Familienmahlzeiten teilzunehmen, dass es also nicht separat von den anderen gefüttert oder gestillt wird. Nur so könne es Interesse an der Familienkost bekommen und andere Familienmitglieder nachahmen. Diesen Punkt sieht auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) so. „Wenn es möglich ist, sollten Eltern anstreben, dass ein Baby an den Familienmahlzeiten teilnimmt, sobald es selbständig sitzen kann. Manchmal ist das anfangs schwierig, weil das Füttern natürlich Zeit in Anspruch nimmt oder weil das Kind noch nicht sitzen kann“, so Dipl.-Oecotrophologin Silke Restemeyer von der DGE im urbia-Gespräch.

Eltern und Geschwister werden nachgeahmt

Auch mit der Auffassung, dass das Baby den Start der Beikost mitsteuern sollte, steht Rapley keineswegs allein da. Die Ernährungsfachleute von der DGE finden ebenfalls, dass man die Signale des Babys aufgreifen sollte: „Beim Beginn der Beikost muss man auch das Interesse des Babys berücksichtigen. Manche Babys finden schon nach dem vierten Monat Geschmack an Breinahrung, manche möchten erst mit sechs Monaten damit beginnen. Erzwingen kann und sollte man das Essen nicht“, betont auch Silke Restemeyer.

Fast revolutionär ist jedoch Rapleys Idee, einem Baby keinen Brei, sondern gleich feste Kost anzubieten. Babys könnten schon im Alter von sechs Monaten Nahrungsstücke aufnehmen und in den Mund stecken, um darauf herumzukauen, beobachtete die Hebamme. Ein Baby folge dabei „dem Instinkt, seine Eltern sowie seine Brüder und Schwestern zu kopieren, um die Fähigkeit zu essen so auf natürliche und freudige Weise zu entwickeln“.

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