Wie mächtig sind unsere Gene?

Vererbung: Das hat es von mir!

„Dem Papa wie aus dem Gesicht geschnitten!“, stellen Großeltern beim ersten Blick aufs Baby häufig fest. Aber wie weit fällt der Apfel wirklich vom Stamm? Geben wir die Augenfarbe, unsere Kontaktfreude, den Spaß am Jazz - oder auch Allergien oder unsere Schüchternheit an unsere Kinder weiter?

von Gabriele Möller
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Mutter Tochter Ähnlichkeit
Foto: © iStockphoto/ HannamariaH

Familienähnlichkeit ist Glückssache

Wer nach Familienähnlichkeiten sucht, wird meist schnell fündig. So geht es auch mir: Meine Kinder Elina (11) und Marius (5) sahen als Säuglinge aus, wie ich selbst auf meinen alten Babyfotos: mit grau-schwarzen Augen und einem verwuschelten, dunklen Schopf. Nils (12), der Sohn von Freunden, sieht seinem Vater so ähnlich, als sei er ohne Umweg über die Zeugung direkt von ihm geklont worden, eigentlich fehlt nur der Bart. Und da gibt es auch Andrea, eine ehemalige Mitstudentin, die mir einmal ein Foto zeigte, auf dem sie selbst zu sehen war – allerdings mit einer seltsam altmodischen Frisur. Es stellte sich heraus: Die Frau auf dem Foto war ihre Großmutter. Es gibt sie also zweifellos: Große Ähnlichkeiten zwischen den Generationen oder auch unter Geschwistern. Diese Ähnlichkeiten treten dabei manchmal nur in bestimmten Altersstufen auf und können auch wechseln.

Fremde können Kinder meist kaum den Eltern zuordnen

Doch sehr zuverlässig ist die Sache mit der ererbten Ähnlichkeit nicht. Denn Nils hat Geschwister, die ihren Eltern optisch kaum ähneln. Mein Sohn Marius ist, anders als der Rest der Familie, inzwischen dunkelblond und hat hellgraue Augen. Die Behauptung, die meisten Kinder seien Mutter oder Vater zumindest etwas ähnlich, ist tatsächlich nicht zu halten, wie auch die Psychologen Emily Hill und Nicolas Christenfeld von der Universität San Diego (USA) herausfanden. Sie hatten mehr als 100 Versuchspersonen Bilder von Kindern verschiedener Altersstufen (bis 1, 10, 20 Jahre) vorgelegt. Sie sollten jeweils aus drei angebotenen Bildern den Vater oder die Mutter herausfinden. Die Trefferquote lag im Bereich des Zufalls. Nur bei den Einjährigen lag die Sache anders: Bei ihnen konnten die Teilnehmer etwa der Hälfte der Fälle eine Ähnlichkeit erkennen – und zwar fast immer mit dem Vater. Die Forscher glaubten, dies liege daran, dass der Vater auf diese Weise sicher sein könne, wirklich der Erzeuger des Kindes zu sein.

Die Natur lässt Väter lieber im Unklaren

Diese These steht aber auf tönernen Füßen, weil nur in 50 Prozent der Fälle überhaupt Ähnlichkeiten mit dem Papa gefunden wurden. Außerdem sahen Testpersonen anderer Studien bei Babys keine Ähnlichkeit zu den Eltern, oder – wenn überhaupt - eher eine mit den Müttern (Universität Montpellier, Frankreich). Dies deuteten die Forscher genau umgekehrt wie ihre amerikanischen Kollegen: Die Natur wolle gar nicht, dass der Vater erkennen kann, ob das Kind vielleicht nicht von ihm selbst ist. Nur so sei sichergestellt, dass er auf jeden Fall „Aufwand und Pflegebereitschaft in dieses Kind investiert“. Unterstützt wird diese These durch weitere Untersuchungen, wonach Väter selbst eher eine Ähnlichkeit zwischen sich und ihrem Nachwuchs zu sehen glauben als Außenstehende. Hier scheint also der Wunsch im wahrsten Wortsinn der Vater des Gedankens zu sein.

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