Wichtige Rolle der Väter
Wie wird mein Kind mutig?
Um neue Herausforderungen zu bewältigen, braucht man Mut und Selbstbewusstsein. Durch kleine, alltägliche "Mutproben" können Eltern ihre Kinder darauf vorbereiten. Wie das gelingt und welche Rolle dabei Mütter und Väter häufig spielen, lesen Sie in diesem Artikel.
Kinder zu mutigen Menschen erziehen
„Papa mach!". Der Papa gehorcht und zieht den Sitz der Schaukel mit drei Schritten zurück über seinen Kopf um dann mit aller Kraft seinen Sohnemann nach vorne zu schleudern. Jedesmal wenn die Schaukel zurückpendelt, verstärkt er routiniert den Schwung bis der Dreijährige am höchsten Punkt fast waagrecht in der Luft liegt. Jonas hat den Mund weit aufgerissen, er klammert sich konzentriert an die Halteketten. Später gibt Jonas auf die neugierige Frage des Autors, ob er denn keine Angst gehabt habe, die überraschende Antwort: Nein, Papa hat keine Angst, Mama hat Angst. Ein Einzelfall, gewiss, aber ein guter Anlass, über die Rolle des Papas nachzudenken, ob er einen anderen Weg einschlägt, wenn ein Kind Mut aufbringen muss, als die Mama es in einer bestimmten Situation täte.
Wer mutig ist, ist selbstbewusst
Kinder sollen zu mutigen Menschen erzogen werden. Wer sich was traut, packt auch was an. Ein mutiger Mensch ist selbstbewusst, steht zu seinen Werten und hält zu anderen in der Not. So könnte man das beschreiben, was Eltern durch den Kopf geht, wenn sie über das Erziehungsziel „Mut" nachdenken.
Zu allererst denken viele bei Mut an Mutprobe. Das Kind klettert, balanciert oder schaukelt eben zum ersten Mal alleine oder besonders hoch. Jonas hatte nicht nur von seiner eigenen Angst gesprochen. Er machte das, was seine Eltern zulassen, ihm zutrauen. In diesem Fall hat der Papa dem Sohn mehr zugetraut, die Mama lässt aus der Sorge um das Wohl des Kindes mehr Vorsicht walten.
Väter fordern die Kinder heraus
Untersuchungen haben gezeigt, dass Väter tatsächlich anders mit dem Risiko umgehen. Die Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Inge Seiffge-Krenke berichtet von Experimenten mit Videobegleitung, wo Eltern beim Spielen mit ihren Kindern beobachtet wurden. "Es war immer so, dass der Vater der fürsorgliche Begleiter war, der das Kind aber immer ein Stück herausforderte, mutig zu sein und mehr zu machen, als es sich alleine getraut hätte." An der Universität Mainz ist ein Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit die Bedeutung von Vätern für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. „Väter werfen sich schon mal ihre Babys zu, wir nennen das auch Kamikazespiele, etwas, was Mütter nie machen würden. Aber gerade weil Väter Grenzen testen, ist es wichtig, dass der Vater eine feinfühlige Einschätzung hat, wo er das Kind überfordert oder wo er es noch ein Stückchen herausfordern kann. Gute Väter wissen ganz genau, jetzt sind die Augen des Kindes angstgeweitet, jetzt bin ich gerademal ein bisschen zu weit gegangen und muss mich etwas zurücknehmen." Warum sich Kinder auf extreme Situationen mit ihrem Papa einlassen, erklärt die Psychologin so: "Es können zwar unwahrscheinlich starke Affekte ausgelöst werden, wie Angst oder Wut, aber der Vater fängt das gleichzeitig in seinem Schutz auf und moderiert das. So erfährt das Kind, dass ihm nicht etwas wirklich Gefährliches passieren kann."
Mama vermittelt Vorsicht
Die Sorge vor Verletzungen ist bei Müttern stärker ausgeprägt. Sie neigen deshalb eher dazu, Kinder in ihrem Bewegungsdrang einzuschränken. Wenn Mütter sich auf ein Risiko einlassen oder ein Gefahrenpotential in einer Aktion entdecken, dann machen sie das auch zum Thema. Entweder sprechen sie die Gefahr direkt an ("immer festhalten, sonst fliegst du runter") oder indirekt, indem die Situation permanent kommentiert wird („ja, machst du planschi im Wasser, schön, wie du das Köpfchen oben hältst, uih, das spritzt das Wasser ins Gesicht...") Was als Bestätigung und Lob gut gemeint ist, kann einer Situation aber auch die Selbstverständlichkeit nehmen. Das Kind erhält die Botschaft, dass es sich um eine ganz besondere Situation handeln muss, also es lieber mit Vorsicht an die Sache rangehen sollte, vielleicht gibt es sogar einen guten Grund, Angst zu haben.
„Zudem hört ein Kind umso weniger auf das gesprochene Wort, je jünger es ist", betont Seiffge-Krenke. „Kinder achten auf den Gefühlsgehalt einer Botschaft. Mit ihren feinen Antennen für Stimmlage und Mimik erspüren sie die Unsicherheit oder Sorge hinter den Worten." Auch ein „Du schaffst das" kombiniert mit ausgestreckten Armen, der Sorgenfalte auf der Stirn und aufgeregtem Laufen um die Rutsche erzeugen eher Unsicherheit als Entschlossenheit.
Auch das Unbewusste spielt eine Rolle
Dass Väter ihre Kinder eher Grenzen austesten lassen als Mütter, hat auch eine unbewusste Komponente. Sabine Friedrich, Diplom-Psychologin und Systemische Familientherapeutin an der Erziehungsberatungsstelle in Horb, erklärt das so: „Väter können in der Regel mit älteren Kindern mehr anfangen. Sie sind deshalb an einer rascheren Entwicklung interessiert und muten einem Dreijährigen auch mal eine Herausforderung zu, die einem Vierjährigen feuchte Hände bereiten würde." Bei Müttern hat die Psychologin ein gegenteiliges Phänomen beobachtet. „Mütter lieben die besonders innige Zeit der ersten Lebensjahre ihres Kindes. Gerade der Letztgeborene wird dann unbewusst in seiner Entwicklung ausgebremst und überbehütet."
Schmaler Grat von Mut zu Übermut
Wenn Väter sich nun in der, als pädagogisch wertvoll erkannten, Risikobereitschaft sonnen wollen, dann muss ihnen der schmale Grat von Mut bis zur fehlenden Reife bewusst sein. Kinder stürzen sich scheinbar mutig ins tiefe Wasser, aber nicht jedes Kind ist sich der Gefahr tatsächlich bewusst. Würde der Erwachsene nicht eingreifen, wäre das Kind vielleicht ertrunken. Auch wenn Kinder nicht alle Erklärungen verstehen, müssen sie auf echte Gefahren angesprochen werden. Manchmal verhindert das „Kind im Manne" die Konzentration auf mögliche Gefahren. Der Mann neigt dazu, mit dem Kind in die Spielsituation einzutauchen. Das ist gut für die Unbefangenheit der Kinder, darf sie aber nicht blind machen für ihre Grenzen.







