Wichtige Rolle der Väter

Wie wird mein Kind mutig?

Um neue Herausforderungen zu bewältigen, braucht man Selbstbewusstsein und Mut. Durch kleine alltägliche "Mutproben" können Eltern ihre Kinder darauf vorbereiten. Wie das gelingt und welche Rolle dabei Mütter und Väter häufig spielen, lesen Sie in diesem Artikel.

Autor: Erik Paschen
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Kinder zu mutigen Menschen erziehen

Kinder Erziehung Mut
Foto: © iStockphoto.com/ mevans

„Papa mach!". Der Papa gehorcht und zieht den Sitz der Schaukel mit drei Schritten zurück über seinen Kopf um dann mit aller Kraft seinen Sohnemann nach vorne zu schleudern. Jedesmal wenn die Schaukel zurückpendelt, verstärkt er routiniert den Schwung bis der Dreijährige am höchsten Punkt fast waagrecht in der Luft liegt. Jonas hat den Mund weit aufgerissen, er klammert sich konzentriert an die Halteketten. Später gibt Jonas auf die neugierige Frage des Autors, ob er denn keine Angst gehabt habe, die überraschende Antwort: Nein, Papa hat keine Angst, Mama hat Angst. Ein Einzelfall, gewiss, aber ein guter Anlass, über die Rolle des Papas nachzudenken, ob er einen anderen Weg einschlägt, wenn ein Kind Mut aufbringen muss, als die Mama es in einer bestimmten Situation täte.

Wer mutig ist, ist selbstbewusst

Kinder sollen zu mutigen Menschen erzogen werden. Wer sich was traut, packt auch was an. Ein mutiger Mensch ist selbstbewusst, steht zu seinen Werten und hält zu anderen in der Not. So könnte man das beschreiben, was Eltern durch den Kopf geht, wenn sie über das Erziehungsziel „Mut" nachdenken.

Zu allererst denken viele bei Mut an Mutprobe. Das Kind klettert, balanciert oder schaukelt eben zum ersten Mal alleine oder besonders hoch. Jonas hatte nicht nur von seiner eigenen Angst gesprochen. Er machte das, was seine Eltern zulassen, ihm zutrauen. In diesem Fall hat der Papa dem Sohn mehr zugetraut, die Mama lässt aus der Sorge um das Wohl des Kindes mehr Vorsicht walten.

Väter fordern die Kinder heraus

Untersuchungen haben gezeigt, dass Väter tatsächlich anders mit dem Risiko umgehen. Die Entwicklungspsychologin Prof. Dr. Inge Seiffge-Krenke berichtet von Experimenten mit Videobegleitung, wo Eltern beim Spielen mit ihren Kindern beobachtet wurden. "Es war immer so, dass der Vater der fürsorgliche Begleiter war, der das Kind aber immer ein Stück herausforderte, mutig zu sein und mehr zu machen, als es sich alleine getraut hätte." An der Universität Mainz ist ein Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit die Bedeutung von Vätern für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. „Väter werfen sich schon mal ihre Babys zu, wir nennen das auch Kamikazespiele, etwas, was Mütter nie machen würden. Aber gerade weil Väter Grenzen testen, ist es wichtig, dass der Vater eine feinfühlige Einschätzung hat, wo er das Kind überfordert oder wo er es noch ein Stückchen herausfordern kann. Gute Väter wissen ganz genau, jetzt sind die Augen des Kindes angstgeweitet, jetzt bin ich gerademal ein bisschen zu weit gegangen und muss mich etwas zurücknehmen." Warum sich Kinder auf extreme Situationen mit ihrem Papa einlassen, erklärt die Psychologin so: "Es können zwar unwahrscheinlich starke Affekte ausgelöst werden, wie Angst oder Wut, aber der Vater fängt das gleichzeitig in seinem Schutz auf und moderiert das. So erfährt das Kind, dass ihm nicht etwas wirklich Gefährliches passieren kann."

Mama vermittelt Vorsicht

Die Sorge vor Verletzungen ist bei Müttern stärker ausgeprägt. Sie neigen deshalb eher dazu, Kinder in ihrem Bewegungsdrang einzuschränken. Wenn Mütter sich auf ein Risiko einlassen oder ein Gefahrenpotential in einer Aktion entdecken, dann machen sie das auch zum Thema. Entweder sprechen sie die Gefahr direkt an ("immer festhalten, sonst fliegst du runter") oder indirekt, indem die Situation permanent kommentiert wird („ja, machst du planschi im Wasser, schön, wie du das Köpfchen oben hältst, uih, das spritzt das Wasser ins Gesicht...") Was als Bestätigung und Lob gut gemeint ist, kann einer Situation aber auch die Selbstverständlichkeit nehmen. Das Kind erhält die Botschaft, dass es sich um eine ganz besondere Situation handeln muss, also es lieber mit Vorsicht an die Sache rangehen sollte, vielleicht gibt es sogar einen guten Grund, Angst zu haben.

„Zudem hört ein Kind umso weniger auf das gesprochene Wort, je jünger es ist", betont Seiffge-Krenke. „Kinder achten auf den Gefühlsgehalt einer Botschaft. Mit ihren feinen Antennen für Stimmlage und Mimik erspüren sie die Unsicherheit oder Sorge hinter den Worten." Auch ein „Du schaffst das" kombiniert mit ausgestreckten Armen, der Sorgenfalte auf der Stirn und aufgeregtem Laufen um die Rutsche erzeugen eher Unsicherheit als Entschlossenheit.

Auch das Unbewusste spielt eine Rolle

Dass Väter ihre Kinder eher Grenzen austesten lassen als Mütter, hat auch eine unbewusste Komponente. Sabine Friedrich, Diplom-Psychologin und Systemische Familientherapeutin an der Erziehungsberatungsstelle in Horb, erklärt das so: „Väter können in der Regel mit älteren Kindern mehr anfangen. Sie sind deshalb an einer rascheren Entwicklung interessiert und muten einem Dreijährigen auch mal eine Herausforderung zu, die einem Vierjährigen feuchte Hände bereiten würde." Bei Müttern hat die Psychologin ein gegenteiliges Phänomen beobachtet. „Mütter lieben die besonders innige Zeit der ersten Lebensjahre ihres Kindes. Gerade der Letztgeborene wird dann unbewusst in seiner Entwicklung ausgebremst und überbehütet."

Schmaler Grat von Mut zu Übermut

Wenn Väter sich nun in der, als pädagogisch wertvoll erkannten, Risikobereitschaft sonnen wollen, dann muss ihnen der schmale Grat von Mut bis zur fehlenden Reife bewusst sein. Kinder stürzen sich scheinbar mutig ins tiefe Wasser, aber nicht jedes Kind ist sich der Gefahr tatsächlich bewusst. Würde der Erwachsene nicht eingreifen, wäre das Kind vielleicht ertrunken. Auch wenn Kinder nicht alle Erklärungen verstehen, müssen sie auf echte Gefahren angesprochen werden. Manchmal verhindert das „Kind im Manne" die Konzentration auf mögliche Gefahren. Der Mann neigt dazu, mit dem Kind in die  Spielsituation einzutauchen. Das ist gut für die Unbefangenheit der Kinder, darf sie aber nicht blind machen für ihre Grenzen.

Mut und Angst gehören zusammen

Angst ist das Signal für Gefahr. Die Angst zu ignorieren oder zu verdrängen, heißt, die Gefahr und wie ich zu ihr stehe, zu verkennen. Wenn der Sprössling sagt, er habe vor etwas Angst und möchte deshalb eine bestimmte Sache nicht tun, hilft der Papa-Kommentar „ach Quatsch, da brauchst du doch keine Angst zu haben" dem Kind nicht weiter. Es denkt, es sei ein Versager, wenn es sich auf die Mutprobe nicht einlässt.

Einem Kind die Angst auszureden bedeutet, das Kind alleine zu lassen. Wichtig ist, dass das Kind handlungsfähig bleibt. Zuerst sollte sich der Papa fragen, ob er dem Kind gerade wieder die Mutprobe vorschlägt, die er selbst als Kind zum Erschrecken seiner Mutter zelebriert hatte. Besser ist, wenn ein Kind sich seine „gefährlichen Abenteuer" selbst heraussucht. Wenn der Sprössling die Megarutsche gewählt hat und nun das Herz in die Hose rutscht, dann sollte der Vater (das gilt natürlich auch für die Mutter) mit dem Kind klären, wo es konkret die Gefahr sieht: zu hoch, zu schnell, Angst vor Aua machen. Lösungsvorschläge wie „sollen wir mal von hier rutschen, ich stehe unten und fang dich auf" oder „ich zeig dir mal wie man bremsen kann" können beim Kind die Erkenntnis reifen lassen, ja, ich schaffe das. Wichtig ist, dass es sich um Vorschläge handelt. Je mehr das Kind bei der Suche nach einer Lösung eingebunden ist, umso besser kann sich das Selbstwertgefühl entwickeln, eine Gefahr selber gemeistert zu haben.

"Väter haben ein gutes Programm drauf"

Wer meint, das klinge sehr akademisch verkopft, schließlich geht es doch nur um ein Mal Rutschen auf dem Spielplatz, den kann Seiffge-Krenke beruhigen: „Väter haben in der Regel instinktiv ein gutes Programm drauf. Sie machen es vor, machen es zusammen, im engen Kontakt wird ausprobiert, am eigenen Modell in kleinen Schritten darf der Nachwuchs sich herantasten." Und für die Entwicklung von Mut, sich Herausforderungen zu stellen, ist die Summe all der erfolgreichen Lösungen und Strategien entscheidend.

Sozialer Mut

„Mutig wird ein Kind auch in Momenten, die selbst gar nicht wie eine Mutprobe aussehen, betont Sabine Friedrich. „Gerade ein Papa, der gerne handwerklich tätig ist, sollte die Chance nutzen, seinem Kind kleine Aufgaben zu geben. Das Vogelhäuschen bekleben, den ersten Nagel reinhauen, es gibt so viele Möglichkeiten, ein Kind erfahren zu lassen, dass es neue Herausforderungen bewältigen kann. Auch daraus entwickeln sich Selbstbewusstsein und Mut."

Spätestens mit dem Beginn der Schulzeit sieht sich ein Kind mit ganz neuen Mutproben konfrontiert. Im sozialen Miteinander erfährt es die Unberechenbarkeit einer Situation. Es steht vor der Klasse und plötzlich wird es ausgelacht. Es erlebt Momente der Ausgrenzung, der Erniedrigung die es nur teilweise beeinflussen, aber selten im Vorhinein verhindern kann. Sich trotzdem wieder der Situation zu stellen oder sich sogar für andere stark zu machen, denen solches wiederfährt, dafür braucht es Mut.

Die eigenen Erfahungen ans Kind weitergeben

„Der Familienalltag hat entscheidenden Einfluss, ob ein Kind anderen Menschen mutig gegenübertritt. Eltern mit integrierter Persönlichkeit haben sozial mutige Kinder", betont Friedrich. „Papa und Mama waren auch mal klein. Die Selbstverständlichkeit des Lachens und Weinens, Freude und Ärger zeigen dürfen und auch mal zugeben, in einer Situation Angst gehabt zu haben, signalisieren dem Kind: Ich bin gut so wie ich bin, die Großen sind ja auch so". Neben der emotionalen Offenheit dürfen Kinder durchaus von den täglichen Herausforderungen der Eltern erfahren. „Nun geht der Papa nicht mehr auf die Mammutjagd und stellt sich dem Kampf mit dem Säbelzahntiger, aber selbst der Büroalltag gibt genügend Stoff für kleine Erzählungen beim Abendbrot, ob es der Gang zum Chef wegen der Gehaltserhöhung ist oder das Mobbing vom Mayer vom Tisch gegenüber. Auch wenn der Papa in erster Linie seiner Frau das Erlebte erzählt, lernt das Kind die emotionale Welt des Papas kennen, das mulmige Gefühl und die Erleichterung danach."

Angst und Lust

Es gibt Dinge, deren Reiz nur aus der Angst und der Überwindung der Angst bestehen, die Angst –Lust-Kombination. Die Großen binden sich als Mutprobe ein Gummiseil um die Füße und springen von der Brücke, die Kleinen fahren Geisterbahn. Auch ein Märchen bis zum Ende anzuhören ist für einen kleinen Menschen ein mutiger Akt, der sich gelohnt hat, wenn zum Schluss das Böse besiegt wird. Den Nervenkitzel zwischendurch, wenn Wolf und Hexe ihren Auftritt haben, wollen sie nicht missen. Und auch da ist die Botschaft wichtig: Es gibt eine Lösung. Mit der richtigen Idee kann ich aktiv eine bedrohliche Situation meistern.

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