Unterschiedliche Erziehungsstile
Erziehung: Müssen sich Eltern einig sein?
Oft lässt sich der eine Elternteil vom Nachwuchs leichter um den Finger wickeln, während der andere sich vielleicht mehr Klarheit und Konsequenz bei der Erziehung wünscht. Schaden unterschiedliche Erziehungsstile dem Kind?
Einigkeit ist Eltern wichtig
„Jetzt hast du dich schon wieder von ihm weichklopfen lassen“, wirft Eckehard Weber* seiner Frau Sylvia vor. Der gemeinsame sechsjährige Sohn sollte an diesem Abend eigentlich nicht mehr fernsehen, weil er wegen des schlechten Wetters nachmittags schon eine Extraschicht vor der Glotze hatte verbringen dürfen. Doch weil seine Lieblingssendung Wickie lief, hatte Sylvia seinem Klagen nachgegeben.
Dass Eltern sich bei der Erziehung immer einig sind, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Schließlich haben Mutter und Vater unterschiedliche Temperamente, unterschiedliche Kindheitserfahrungen, unterschiedliche Vorstellungen über das Leben im Allgemeinen und die richtige Kindererziehung im Besonderen. Dass der eine vielleicht nachgiebiger ist, der andere strenger oder konsequenter, ist da beinahe unvermeidlich.
Ist es überhaupt erstrebenswert, dass Eltern eine Art pädagogischer Einheitspartei bilden? Die meisten Eltern wünschen sich das zumindest. Das ergab auch eine Studie der Universität Wien (2008), die sich mit der Rolle des Vaters in der Erziehung befasst: „Einigkeit und Geschlossenheit im Elternsystem gegenüber dem Kindersystem spielen für einen Großteil der Interviewten eine wichtige Rolle in den Erziehungsvorstellungen. Sie stellen die Basis für die elterliche Erziehung dar, die dazu beitragen soll, eine erzieherisch günstige Situation herzustellen“, fasst Dipl.-Sozialpädagoge Dr. Kim-Patrick Sabla die Aussagen zusammen. Unterschiedliche Vorstellungen zur richtigen Erziehung gehören denn auch zu den häufigsten Gründen für Konflikte zwischen Eltern.
Eltern als geschlossene Wand – wirklich das Beste fürs Kind?
Dass Väter und Mütter es wichtig finden, bei der Erziehung übereinzustimmen, ist verständlich. Denn Einigkeit - das klingt nach Harmonie, nach klaren Signalen ans Kind, nach Orientierung. Außerdem möchten Eltern ja nicht, dass ihr Kind sie gegeneinander ausspielt. Doch wenn Eltern glauben, sich schon aus Prinzip immer einig sein zu müssen, kann dies auch nach hinten losgehen. „Dann erlebt ein Kind die Eltern unter Umständen wie eine Wand, an der es ständig abprallt. Und es erlebt nicht, wie Mutter oder Vater auch mal an seiner Seite stehen“, warnt Ines Kolbe, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin aus Hannover. Außerdem muss sich dabei ein Elternteil oft zugunsten der scheinbaren Einigkeit verstellen, was Kinder mit ihren feinen Antennen spüren, und was sie verunsichert.
Mutter und Vater sind außerdem zwei Individuen, die sich naturgemäß in vielerlei Hinsicht unterscheiden. Dies darf ein Kind ruhig sehen. Eltern möchten schließlich, dass auch ihr Nachwuchs als Erwachsener später in der Partnerschaft seinen eigenen Kopf behält, eigene Interessen fortführt und sich behauptet – er soll weder mit dem späteren Partner verschmelzen, noch neben ihm zur Unsichtbarkeit verblassen. Schon Kinder dürfen also erleben, dass die Mutter im Alltag andere Dinge wichtig und richtig findet als der Vater.
Uneinigkeit kann Erziehungsfehler mildern
Unterschiedliche Erziehungsstile helfen aber auch, eventuelle elterliche Fehler auszugleichen. Denn „wenn Eltern immer alles gleich machen würden, könnten Fehler nie korrigiert werden“, erklärt Gerhard Suess, Professor für klinische und Entwicklungspsychologie in Hamburg. Es gibt dann zu ungünstigen Reaktionen eines Elternteils kein Gegengewicht. Suess findet es daher am besten, wenn Eltern zwar eine gemeinsame, aber nicht unbedingt eine einheitliche Linie verfolgen.

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