Hilfe für müde Eltern (und Kinder)

Bitte, Baby, schlaf jetzt ein!

Die Babys im Bekanntenkreis scheinen alle längst durchzuschlafen. Nur das eigene schläft ewig nicht ein oder meldet sich fast stündlich Nacht für Nacht. Ein Crash-Kurs in Sachen Babyschlaf für übermüdete Eltern.

von Gabriele Möller
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Baby müde gähnt
Foto: © panthermedia.net/ Torsten Tracht

Was heißt eigentlich „durchschlafen“?

Einen Traum teilen wohl alle frischgebackenen Eltern: dass ihr Baby bitte bald durchschlafen möge. Denn der Alltag mit Baby ist oft so anstrengend, dass sie schnell am Ende ihrer Kräfte sind, wenn sie auch nachts nicht zur Ruhe kommen. Doch der verführerische Klang des Wortes Durchschlafen weckt manch unrealistische Erwartungen. „Durchschlafen bedeutet nicht, dass ein Kind schon zehn oder zwölf Stunden am Stück schläft, das ist die Ausnahme. Es bedeutet, dass ein Baby sechs bis acht Stunden schläft“, betont Diplom-Psychologe Dr. Jörn Borke, Leiter der Babysprechstunde am Institut für Psychologie der Universität Osnabrück, in der Eltern u.a. zu Schlafproblemen ihrer Babys beraten werden. Das heißt: Wird ein Säugling um 20 Uhr abends schlafen gelegt, kann er zwischen zwei und vier Uhr nachts schon ausgeruht sein: „Finn wacht momentan jede Nacht gegen zwei Uhr auf und schläft dann zwei geschlagene Stunden lang nicht mehr ein. Er wirkt auch überhaupt nicht müde“, beschreibt eine Mutter dieses Problem in einem Onlineforum für Eltern.

Sanfte Umverteilung der Schlafzeiten

„In so einem Fall können Eltern einige Tage lang ein Schlaftagebuch führen und den durchschnittlichen Schlafbedarf ihres Kindes über 24 Stunden ermitteln“, rät Dr. Borke im urbia-Gespräch, „denn der individuelle Schlafbedarf von Babys kann sehr unterschiedlich sein.“ Der Schweizer Entwicklungsforscher Prof. Remo H. Largo ermittelte hier eine Spannbreite zwischen zwölf und 20 Stunden in den ersten Lebensmonaten. Mithilfe des Schlaftagebuchs können Eltern dann die Schlafzeiten ihres Kindes umverteilen. „Sie können ihr Kind abends später hinlegen, damit es morgens später aufwacht. Sie können auch versuchen, es tagsüber kürzer schlafen zu lassen, damit es nachts insgesamt länger schläft“, so Elternberater Borke. Wichtig ist auch, dass dem Baby nachts keine Abwechslung geboten wird, sondern das Licht gedämpft bleibt und die Eltern leise sprechen. So lernt das Kind mit der Zeit, dass die Nacht Ruhe und Stille bedeutet.

Schlafen Flaschenbabys besser durch?

Doch viele Eltern können auch von einem Baby, das nachts sechs Stunden am Stück schläft, nur träumen. „Meine Maus ist elf Monate alt und wird noch gestillt. Sie möchte aber momentan jede Stunde trinken, früher war es nur alle drei Stunden. Ich gehe auf dem Zahnfleisch, ich kann nicht mehr! Soll ich abstillen und ihr abends Schmelzflocken geben?“, fragt eine übermüdete Mutter in einem Onlineforum. Zwar machen manche Eltern tatsächlich die Erfahrung, dass ihr Baby mit stärkehaltiger Flaschennahrung (ab Typ 1) nachts weniger oft aufwacht. Doch das muss nicht funktionieren. Studien konnten keinen Zusammenhang zwischen der Aufwachhäufigkeit von Babys und der Art oder Menge der Nahrung nachweisen.

Es ist eher das Erbe aus alten Zeiten, das Babys dazu bringt, auch nachts öfters wach zu werden: „Durchschlafen ist nicht Teil der normalen Entwicklung von Kleinkindern“, betont Kinderarzt Dr. Herbert Renz-Polster. „Der leichte Schlaf hat mit der Trinkbereitschaft zu tun. Zwischen drei und vier, dem Alter, in dem Kinder früher normalerweise abgestillt wurden, wird er von selbst fester“, so der Wissenschaftler von der Universität Heidelberg.

Swaddling – gepuckte Babys schlafen ruhiger

Schon unsere Vorfahren beobachteten: Eng in Tücher gewickelte Säuglinge schlafen ruhiger. In vielen Regionen der Erde ist das Einwickeln von Babys bis heute Alltag, etwa in China, Russland, Osteuropa oder Lateinamerika. Seit einigen Jahren wird auch in der westlichen Welt dieses „Pucken“ der Babys wieder entdeckt. Eine Studie am Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus, einem Lehrkrankenhaus der Berliner Charité, ergab 2009: Babys, die im für die Studie verwendeten Wickelkissen „Cosyme“ schliefen, das auch die Arme umschließt, wachten bis zur Hälfte seltener auf als Babys in einem herkömmlichen Schlafsack mit freien Ärmchen. Auch andere Studien hatten beobachtet, dass Babys durch das „Swaddling“ (engl. Einwickeln) ruhiger und insgesamt länger schlafen. Dabei wird der Anteil des sog. Non-REM-Schlafs (Tiefschlafphase) erhöht. Dass das Baby beim Swaddling immer in Rückenlage gelegt wird und sich nicht selbst umdrehen kann, soll zudem das Risiko des Plötzlichen Kindstods (SIDS) senken.

Pucken mit Maß

Doch ist das Swaddling unter Wissenschaftlern nicht unumstritten. Eine englische Studie von 2009 zeigte, dass es doch ein Risikofaktor für den Plötzlichen Kindstod sein kann: Die Gefahr der Überwärmung ist erhöht, vor allem, wenn das Baby einen fiebrigen Infekt hat. Einige Untersuchungen beobachteten auch ein erhöhtes Risiko für Hüftgelenksdysplasie, für Atemwegsinfekte sowie einen verzögerten Beginn des Krabbelns oder Laufens. Auch eine häufigere Abflachung des Hinterkopfs der Babys durch das lange Liegen in derselben Stellung wurde beobachtet. Gepuckte Babys haben außerdem weniger Körperkontakt zur Mutter, was deren Interaktion mit dem Baby erschwert. Eltern, die auf die Vorteile des Puckens nicht verzichten wollen, sollten ihr Baby nur nachts einwickeln (die Dauer also begrenzen) und es bei Infekten in einen leichten, regulären Schlafsack mit freien Armen stecken.

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