Online finden Sie diese Druckversion unter:
http://www.urbia.de/magazin/baby/leben-mit-baby/jedes-kind-kann-schlafen-lernen
« Zurück zur Onlineversion

Jedes Kind kann schlafen lernen?

Wenn Babys und Kleinkinder abends nicht ein- und nachts nicht durchschlafen, versprechen so genannte Schlafprogramme Abhilfe. Was ist dran an den schnellen Hilfen? Und führen auch sanftere Methoden zum Ziel?

von Petra Fleckenstein

Schlaflose Nächte - gibt es Gegenmittel?

Baby steht im Bett

"Schläft es schon durch?", ist eine der meistgestellten Fragen während der ersten Lebensmonate eines Babys. Mit gutem Grund, denn kaum eine Veränderung, die mit der Ankunft des neuen Erdenbürgers einher geht, rüttelt so massiv an den Grundfesten unseres zuvor in geordneten Bahnen verlaufenden Erwachsenenlebens, wie die nächtlichen Bedürfnisse von Babys und ihre Eigenart, die Nacht zum Tage zu machen. Zu jeder möglichen Nachtzeit jäh aus dem Schlummer gerissen zu werden, stellt auch für dickfellige Naturen einen beträchtlichen Stressfaktor dar und kann, je nach Häufigkeit und zeitlicher Ausdehnung, geradezu als Folter empfunden werden. In zahlreichen Ratgebern, Schlafschulen und in Kinderarztpraxen können sich verzweifelte Eltern mit dunklen Augenringen daher beraten lassen, wie sie wieder Herr über ihren Schlaf werden und ihren Nachwuchs dazu bewegen können, abends ohne Hilfe des Fläschchens, ohne Händchenhalten und Danebenliegen einzuschlafen und des Nachts ohne längere Schreiattacken, Umzug ins Elternbett, Herumtragen und Milchkonsum einfach weiterzuschlafen.

Allerdings führen die Methoden, Kinder zum Durchschlafen zu bewegen, sowohl in der Fachwelt als auch unter Eltern zu hitzigen Diskussionen. Besonders der weit verbreitete Ratgeber "Jedes Kind kann schlafen lernen" spaltet seit seinem Erscheinen im Jahre 1995 die Elternschaft und führt zu erbittert geführten Streitgesprächen zwischen absoluten Befürwortern und Gegnern des darin dargestellten Schlafprogramms.

Kann man Kinder so nach Schema F behandeln, wie dies bei der Methode nach dem amerikanischen Kinderarzt Prof. Richard Ferber geschieht? Werden Kinder durch dieses Programm schlichtweg für die Anforderungen unserer Gesellschaft passend gemacht, egal ob sie es wollen oder nicht? Oder stellt es eine wertvolle Hilfe für ganze Familien dar, die wegen der nächtlichen Eskapaden ihres Babys oder Kleinkinds vor Erschöpfung nicht mehr weiter wissen?

"Behandlungsplan" nach Prof. Ferber

In ihrem erfolgreichen Buch "Jedes Kind kann schlafen lernen" empfehlen die Diplom-Psychologin Annette Kast-Zahn und der Kinderarzt Dr. Hartmut Morgenroth einen Behandlungsplan für Schlafprobleme, den der Kinderarzt Professor Richard Ferber an einem Schlafzentrum in Boston entwickelt hat. Die Methode beinhaltet, nach einer ruhigen Abendphase das müde Kind wach und ohne weitere Einschlafhilfen in sein Bett zu legen und das Zimmer zu verlassen. Auf eventuelles Schreien des Kindes wird in genau bestimmten Zeitabständen, die sich von anfangs drei Minuten bis zu maximal zehn Minuten steigern, reagiert. Die Eltern oder ein Elternteil gehen für höchstens ein bis zwei Minuten zum Kind zurück und sprechen ihm beruhigend zu. Dabei wird vermieden, es nochmals aus dem Bett zu nehmen oder Hilfsmittel - wie Fläschchen oder Schnuller - zu geben. Dann verlassen sie das Zimmer wieder und lassen das Kind von Neuem einige Minuten alleine.

Grundlage dieser Methode ist die Annahme, dass der kindliche Schlaf zum einen durch ungünstige Einschlafgewohnheiten gestört sein könne. Diese bestehen zum Beispiel darin, das Kind an der Brust oder durch Herumtragen zum Einschlafen zu bringen. Wacht es dann nach einer bestimmten Schlafdauer auf (und das geschieht mehrmals die Nacht, um zu zu überprüfen, dass alles in Ordnung ist), findet es sich nicht mehr in der gleichen Situation vor, wie beim Einschlafen, und reagiert mit Verunsicherung und Weinen.

Zum anderen glauben die Autoren, das Kind "verlerne" durch die Ferbersche Methode sozusagen das Schreien, weil es durch sein Weinen nicht mehr die gewünschte Einschlafhilfe erreiche. Denn sein Schreien werde nicht mehr "belohnt", sondern das Kind mache die Erfahrung, dass Mutter und Vater es zwar nicht verlassen, aber stets nur kurz ins Zimmer kommen, um es zu trösten. Auf diese Weise lerne es, alleine und ohne Hilfsmittel einzuschlafen.

Die Autoren wollen diese Methode deutlich davon unterschieden wissen, ein Kind einfach schreien zu lassen. Ein Kind einen unbegrenzten Zeitraum schreien zu lassen, führe zu Trennungsangst und Verlassenheitsängsten, denen das Kind noch nicht gewachsen ist.

Das hier beschriebene Ein- und Durchschlafprogramm ist nach Ansicht der Autoren für Kinder ab dem siebten Lebensmonat geeignet: "Alle gesunden Babys, die mindestens sechs Monate alt sind, können durchschlafen", heißt es im ersten Kapitel. Mit dem vorgestellten Programm lerne es dies innerhalb von drei Tagen bis höchstens zwei Wochen.

"Ein schreckliches Buch"?

Seit seinem Erscheinen hat dieses Buch vielen Eltern aus der Krise geholfen. Anderen jedoch hat es Streit mit dem Partner und qualvolle Wartezeiten auf dem Flur beschert, während sich die vorgeschriebenen Minuten wie Ewigkeiten dehnten und sich das Kind allein im Zimmer die Seele aus dem Leib zu schreien schien. Viele Eltern konnten sich nicht auf die Dauer, Art und Konsequenz bei der Durchführung des Programms einigen, so dass es vorzeitig erfolglos abgebrochen wurde. Andere gaben auf, weil ihnen die Methode unmenschlich schematisch erschien, ihr Kind verstört wirkte oder ihr schlechtes Gewissen übermächtig wurde. In Elternforen (wie zum Beispiel im urbia-Forum "Baby") berichten Eltern immer wieder von Negativerfahrungen und tun ihre Ablehnung des Programms kund. Einer der Hauptkritikpunkte an der Ferber-Methode lautet, dass dieses Schlafprogramm zu häufig unkritisch angewandt und dabei zu wenig auf die individuelle Persönlichkeit des einzelnen Kindes eingegangen werde. So schreibt Heidemarie Löw über die Ferber-Methode in ihrem Buch "Alle Kinder schlafen gern":

"Es ist eine gute Methode, wenn sie sinnvoll eingesetzt wird. Sie ist kein Allheilmittel. Leider wird sie oft kritiklos eingesetzt , ohne vorher den sinnvollen Einsatz zu prüfen. Dies kann dann sogar zu einer Verschärfung des Problems führen, abgesehen von den unnötigen Qualen, denen man sich und das Kind aussetzt."

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass das alleine Einschlafen und Durchschlafen für Babys und Kleinkinder keineswegs ein natürlicher Zustand sei. So schreibt die amerikanische Professorin Dr. Katherine Dettwyler: "Kinder kommen mit der angeborenen Erwartung auf die Welt, dicht neben ihren Eltern zu schlafen. Der Tastsinn ist der wichtigste Sinn der Primaten, zusammen mit dem Sehsinn. Junge Primaten werden jahrelang auf dem Körper der Mutter getragen und schlafen neben ihr, oft noch wenn sie schon längst abgestillt sind. Die biologische Erwartung für Mutter und Kind ist, zusammen zu schlafen und für das Kind, während der Nacht, so oft es das Bedürfnis dazu spürt, an der Brust trinken zu können."

Bei der Frage, ob es natürlich und völlig in Ordnung sei, wenn Babys und Kleinkinder am liebsten ganz dicht bei Mama und Papa (ein-)schlafen, kommen auch neuere Forschungen zum Thema "Plötzlicher Kindstod" ins Spiel. So beinhaltet die Empfehlung der Deutschen Akademie für Kinderheilkunde und Jugendmedizin zur Verhinderung des Plötzlichen Kindstods auch den Rat, "Säuglinge sollten im elterlichen Schlafzimmer, aber im eigenen Bett schlafen." Hintergrund dieser Aussage sind Studien aus England und Neuseeland, nach denen das Risiko, am Plötzlichen Kindstod zu sterben, bei allein schlafenden Kindern gegenüber Kindern, die im Elternzimmer schlafen, um bis zu zehn Prozent erhöht ist.

Einschlafhilfen, die auf der Ferber-Methode basieren

Auch Kast-Zahn und Morgenroth weisen in "Jedes Kind kann schlafen lernen" darauf hin, dass grundsätzlich jede Einschlafhilfe, häufiges nächtliches Stillen, Herumtragen oder Schlafen im Elternbett völlig in Ordnung sind, solange die ganze Familie sich damit wohlfühlt. Ein- und Durchschlafprogramme wie die Ferber-Methode sind in erster Linie als Notlösungen dafür gedacht, wenn Eltern durch die Schlafgewohnheiten ihrer Sprösslinge einen Grad der Erschöpfung erreicht haben, der nicht mehr erträglich ist.

Für Rat suchende Eltern gibt es inzwischen verschiedene, von der Ferber-Methode ausgehende, aber leicht abgeänderte Schlafprogramme, wie zum Beispiel die "Freiburger Sanduhr-Methode" oder die "Tweddle-Methode". Die Freiburger Sanduhr-Methode, nachzulesen in Ulrich Rabenschlags Buch "So finden Kinder ihren Schlaf", wird erst bei Kindern ab zwölf Monaten angewandt und zwar nur bei Kindern, "die tagsüber bereits über ausreichende Fähigkeiten verfügen, sich von ihren Müttern zu trennen". Es arbeitet mit kürzeren Wartezeiten außerhalb des Kinderzimmers und etwas längerer Verweildauer im Kinderzimmer und gibt Eltern eine Sanduhr in die Hand, die das Verstreichen der Zeit sichtbarer und die Wartezeiten, während das Kind schreit, erträglicher machen soll.

Die im australischen Melbourne entwickelte Tweddle-Methode, nachzulesen in "Jedes Kind will schlafen" von Cummings, Houghton und Williams, unterscheidet deutlich nach den verschiedenen Altersstufen des Kindes. So werden als Schlafhilfen während der ersten sechs Monate Informationen geboten, wie man die Müdigkeitsanzeichen des Babys besser wahrnehmen lernt, Ruhephasen gestaltet und dem Baby schließlich mit Hilfe von Beruhigungstechniken behilflich ist. Für Babys über sechs Monate wird, wenn nötig, zusätzlich "modifiziertes kontrolliertes Trösten" empfohlen, bei dem die Wartezeiten außerhalb des Kinderzimmers etwas kürzer sind und das Kind während der Zeiten im Kinderzimmer mit den Entspannungstechniken dabei unterstützt wird, sich zu beruhigen. Erst nach zwölf Monaten wird das "kontrollierte Trösten" empfohlen – mit schneller gesteigerten Wartezeiten außerhalb des Kinderschlafzimmers und weniger und kürzerer körperlicher Zuwendung durch die Eltern, wenn sie ins Zimmer zurückkehren, um das Kind zu trösten.

Gibt es sanftere Methoden, um in den Schlaf zu finden?

Muss es bei Schlafproblemen aber gleich eine solche Radikalkur nach dem Stile Ferbers sein oder gibt es sanftere Möglichkeiten, Babys und Kleinkindern in den Schlaf zu helfen?

Schlafhygiene

Alle Ärzte und Schlafexperten empfehlen, zunächst die sogenannte Schlafhygiene zu überprüfen. Darunter versteht man alle Maßnahmen, die zu einem guten Schlaf verhelfen. Dazu gehören ausreichende Anregungen und Aktivphasen mit Bewegung am Tag, nicht zu lange Schlafzeiten am Tag, eine ruhigere Abendphase, bei der starke Reize und Aufregungen (Toben) vermieden werden. Ebenso viel Bedeutung wird dem abendlichen Ritual beigemessen, das für das Kind einen Wiedererkennungswert schafft und ihm vermittelt, dass jetzt die Schlafenszeit gekommen ist. Dies beginnt zum Beispiel bei einem festen Schlafplatz, dem Verdunkeln des Zimmers, und/oder einem bestimmten Schlaflied, das Mutter oder Vater jeden Abend singen. Weitere Faktoren, die zu einer guten Schlafhygiene gezählt werden, sind zum Beispiel regelmäßige Essens- und Schlafzeiten.

Schlafprotokoll

Für Eltern, die mit dem Ein- und Durchschlafen ihres Kindes nicht zufrieden sind, kann es hilfreich sein, über ein bis zwei Wochen ein Schlafprotokoll anzulegen. Beispiele für 24-Stunden-Schlafprotokolle finden sich unter anderem in "Jedes Kind kann schlafen lernen", "So finden Kinder ihren Schlaf" und "Jedes Kind will schlafen". In einem Schlafprotokoll schreibt man auf, zu welchen Zeiten und wie lange das Kind jeweils gefüttert wurde, weinte, wach war oder schlief. Hat man dies über zwei Wochen konsequent geführt, kann man daraus zum Beispiel die tägliche Schlafmenge des Kindes ablesen und ob sie vielleicht ungünstig verteilt ist, das Kind also möglicherweise einen zu langen oder zu späten Mittagsschlaf hält, abends zu früh ins Bett gelegt wird etc. Ein Schlafprotokoll kann Eltern auch behilflich sein, ihre eigene subjektive Wahrnehmung zu überprüfen. Wenn sie zum Beispiel den Eindruck haben, dass ihr Kind ständig weint oder fast die ganze Nacht wach ist, kann das Aufschreiben der genauen Zeiten Aufschluss darüber geben, ob das Kind wirklich unangemessen oft und lange weint und ob es nachts nicht vielleicht nur zweimal eine viertel Stunde wach ist, was aber von den möglicherweise überlasteten Eltern bereits als zu viel und zu lange empfunden wird. Das Schlafprotokoll kann also eine gute Grundlage darstellen, überhaupt die Situation richtig einzuschätzen und Ansätze für mögliche Verbesserungen und Veränderungen zu entwickeln (vielleicht gemeinsam mit dem Kinderarzt).

Familienbett

Eine Möglichkeit, die Schlafprobleme des Babys oder Kleinkindes zu beheben, ist das gemeinsame Schlafen in einem großen Bett oder das Schlafen des Kindes in einem Bett direkt neben dem Elternbett. Dazu gehört auch eine Korrektur der in unserer Gesellschaft hohen Erwartungen an die Fähigkeiten eines Babys, schon früh alleine und über viele Stunden am Stück zu schlafen. Der amerikanische Kinderarzt und Vater von sieben Kindern, William Sears, weist in seinem Buch "Schlafen und Wachen" auf die häufig völlig unrealistischen Vorstellungen von Eltern hin, die von einem drei Monate alten Baby erwarten, dass es von abends acht bis morgens sieben Uhr durchschlafe. Durchschlafen wird definiert als Schlafen am Stück zwischen 12 und 5 Uhr. Dass Babys im ersten Lebensjahr sehr häufig aufwachen, hängt zum einen mit ihrem anderen Schlafmuster und den viel häufigeren REM-Schlafphasen zusammen, während denen der Schlaf nur leicht ist. Zum anderen ist der leichte Schlaf für Babys überlebenswichtig, um zum Beispiel aufzuwachen, wenn sie Nahrung bzw. Flüssigkeit brauchen, wenn ihnen zu kalt ist oder ihre Nase verstopft ist.

Außerdem akzeptiert Sears das Bedürfnis des Babys und Kleinkinds, nicht alleine zu schlafen und empfiehlt ausdrücklich das gemeinsame Schlafen im Familienbett oder zumindest im Elternschlafzimmer. Die Vorteile liegen auf der Hand: Das tiefe Bedürfnis des Babys nach Nähe wird befriedigt, das nächtliche Stillen ist ohne umständliches Aufstehen möglich, Eltern hören ihr Baby, wenn es ihm nachts einmal nicht gut geht, der nächtliche Körperkontakt erhöht den mütterlichen Prolaktinspiegel (Mutterschafts-Hormon) und verbessert die körperliche, geistige und gefühlsmäßige Entwicklung des Babys.

Den üblichen Bedenken gegenüber dem gemeinsamen Schlafen in einem Bett oder Zimmer setzt Sears entgegen, dass dies seit jeher in allen Kulturen üblich war und ist, in unserer westlichen Welt jedoch aus der Mode gekommen sei. Ein Kind werde dadurch weder abhängig noch verwöhnt. So heißt es in "Schlafen und Wachen": "Sie fördern die Abhängigkeit Ihres Babys nicht dadurch, dass es bei Ihnen schläft. Sie antworten auf ein Bedürfnis Ihres Kindes und lehren es Vertrauen." Auch die starken Ängste von Eltern, das Kind, einmal im Elternbett, wolle diesen Ort fortan nie mehr verlassen, beruhigt Sears, seine Erfahrungen als Vater und Kinderarzt haben ihm gezeigt, dass "die meisten Kinder, die in der frühen Kindheit mit Freude im Familienbett aufgenommen werden, es im zweiten bzw. dritten Lebensjahr freiwillig wieder verlassen." Und weiter: "Denken Sie daran, dass ein Bedürfnis das befriedigt wird, vergeht."

Bücher zum Thema