Alarm im Sandkasten
Wie gefährlich ist Schmutz fürs Baby?
"Dreck macht Speck", hält der Volksmund ungerührt der heute verbreiteten Bazillen-Phobie vieler Eltern entgegen. Wie gefährlich ist Schmutz - zum Beispiel im Sand - für Babys und Krabbelkinder wirklich? Was kann im schlimmsten Fall passieren?
Schmutz bringt die Immunabwehr auf Touren
Statt abwehrstärkende Mittelchen einzunehmen, sei es preiswerter, täglich einen Schluck aus einer Pfütze zu nehmen, denn dies aktiviere die Immunabwehr augenblicklich, findet Dr. Eckart von Hirschhausen. Wie meistens, ist etwas dran an den provokant-satirischen Sprüchen des Arztes und Kabarettisten. Dies gilt auch in Bezug auf Kinder, denn Wissenschaftler sind sich heute einig: Kinder brauchen ausreichend Kontakt mit Schmutz und Erregern, um ein gesundes Abwehrsystem zu entwickeln. Dies ist eine Hilfe gegen spätere Infekte, aber auch eine wichtige Allergievorbeugung. "Das natürliche Abwehrsystem des Menschen ist lernfähig und muss trainiert werden", betont Professor Jürgen Knop, ehemaliger Direktor der Hautklinik an der Universität Mainz und Vorstands-Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAI).
Helferzellen erinnern sich an Erreger
Durch den frühen Kontakt zu ungefährlichen Keimen würden wichtige Abwehrzellen mit dem komplizierten Namen „T-Helfer 1-Lymphozyten“ (kurz TH1-Zellen) aktiviert, erklärt Knop. TH1-Zellen und TH2-Zellen sind Untergruppen weißer Blutkörperchen. TH1-Zellen sind dabei an der Immunabwehr von Bakterien, Viren oder Pilzen beteiligt, während TH2-Zellen zum Beispiel auf Wurmbefall reagieren und die ungebetenen Gäste so bekämpfen. "Die TH1-Zellen können sich später an Erreger erinnern und vermehren sich bei einem erneuten Kontakt dann besonders schnell", erklärt Knop die Vorteile eines frühen Kontakts mit Erregern.
Die fleißigen TH-1-Zellen sind aber auch wichtig bei der Allergievorbeugung: "Sie blockieren die TH2-Zellen“. Denn ungebremst und im Überschuss führen diese (ansonsten wichtigen) Zellen zu den eigentlichen allergischen Reaktionen. Beide Zelltypen müssen in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen. Bei Allergikern jedoch besteht ein Ungleichgewicht zwischen den TH1- und TH2-Lymphozyten.
Ist Schmutz immer harmlos?
Dürfen wir Eltern also gelassen zuschauen, wie unser Krabbelkind sich genüsslich Spielplatzsand in den Mund baggert, sich die Händchen ablutscht, mit denen es gerade noch über den Boden eines öffentlichen Gebäudes gekrabbelt ist, oder wie es sich einen Drink aus der erwähnten Pfütze genehmigt? Was ist mit Hundekot-Spuren im Sand, Straßendreck an Schuhen und auf Böden, mit Wurmeiern, mit den Erregern von Krankheiten? Professor Knop erteilt dem Dreck denn auch keinen pauschalen Freifahrtschein auf dem Weg in Babys Mund. Er betont, dass trotz allem ein „gewisser Hygienestandard eingehalten“ werden müsse, um gefährlichere Infektionskrankheiten zu vermeiden.
Es muss von den Eltern (und anderen Betreuern von Kindern) also ein Kompromiss gefunden werden. Desinfektionsmittel im Haushalt oder gar im Waschmittel sowie ein ängstliches Verbot für das Kind, sich dreckig zu machen, sind ebenso verkehrt, wie ein allzu schmuddeliges Zuhause oder der völlig bedenkenlose Umgang mit Dreck im öffentlichen Raum. Doch was heißt das noch konkreter? Etwas Extra-Wissen über Schmutz und Giftiges, mit dem Babys oder Kleinkinder in Kontakt kommen können, hilft Eltern beim Navigieren auf der schmalen Linie zwischen gesundem Schmutz auf der einen, und zu viel Risiko auf der anderen Seite.







