Alarm im Sandkasten

Wie gefährlich ist Schmutz fürs Baby?

"Dreck macht Speck", hält der Volksmund ungerührt der heute verbreiteten Bazillen-Phobie vieler Eltern entgegen. Wie gefährlich ist Schmutz - zum Beispiel im Sand - für Babys und Krabbelkinder wirklich? Was kann im schlimmsten Fall passieren?

Autor: Gabriele Möller
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Schmutz bringt die Immunabwehr auf Touren

Baby Sandkasten Schmutz
Foto: © Fotolia.com/ Yvonne Bogdanski

Statt abwehrstärkende Mittelchen einzunehmen, sei es preiswerter, täglich einen Schluck aus einer Pfütze zu nehmen, denn dies aktiviere die Immunabwehr augenblicklich, findet Dr. Eckart von Hirschhausen. Wie meistens, ist etwas dran an den provokant-satirischen Sprüchen des Arztes und Kabarettisten. Dies gilt auch in Bezug auf Kinder, denn Wissenschaftler sind sich heute einig: Kinder brauchen ausreichend Kontakt mit Schmutz und Erregern, um ein gesundes Abwehrsystem zu entwickeln. Dies ist eine Hilfe gegen spätere Infekte, aber auch eine wichtige Allergievorbeugung. "Das natürliche Abwehrsystem des Menschen ist lernfähig und muss trainiert werden", betont Professor Jürgen Knop, ehemaliger Direktor der Hautklinik an der Universität Mainz und Vorstands-Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAI).

Helferzellen erinnern sich an Erreger

Durch den frühen Kontakt zu ungefährlichen Keimen würden wichtige Abwehrzellen mit dem komplizierten Namen „T-Helfer 1-Lymphozyten“ (kurz TH1-Zellen) aktiviert, erklärt Knop. TH1-Zellen und TH2-Zellen sind Untergruppen weißer Blutkörperchen. TH1-Zellen sind dabei an der Immunabwehr von Bakterien, Viren oder Pilzen beteiligt, während TH2-Zellen zum Beispiel auf Wurmbefall reagieren und die ungebetenen Gäste so bekämpfen. "Die TH1-Zellen können sich später an Erreger erinnern und vermehren sich bei einem erneuten Kontakt dann besonders schnell", erklärt Knop die Vorteile eines frühen Kontakts mit Erregern.

Die fleißigen TH-1-Zellen sind aber auch wichtig bei der Allergievorbeugung: "Sie blockieren die TH2-Zellen“. Denn ungebremst und im Überschuss führen diese (ansonsten wichtigen) Zellen zu den eigentlichen allergischen Reaktionen. Beide Zelltypen müssen in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen. Bei Allergikern jedoch besteht ein Ungleichgewicht zwischen den TH1- und TH2-Lymphozyten.

Ist Schmutz immer harmlos?

Dürfen wir Eltern also gelassen zuschauen, wie unser Krabbelkind sich genüsslich Spielplatzsand in den Mund baggert, sich die Händchen ablutscht, mit denen es gerade noch über den Boden eines öffentlichen Gebäudes gekrabbelt ist, oder wie es sich einen Drink aus der erwähnten Pfütze genehmigt? Was ist mit Hundekot-Spuren im Sand, Straßendreck an Schuhen und auf Böden, mit Wurmeiern, mit den Erregern von Krankheiten? Professor Knop erteilt dem Dreck denn auch keinen pauschalen Freifahrtschein auf dem Weg in Babys Mund. Er betont, dass trotz allem ein „gewisser Hygienestandard eingehalten“ werden  müsse, um gefährlichere Infektionskrankheiten zu vermeiden.

Es muss von den Eltern (und anderen Betreuern von Kindern) also ein Kompromiss gefunden werden. Desinfektionsmittel im Haushalt oder gar im Waschmittel sowie ein ängstliches Verbot für das Kind, sich dreckig zu machen, sind ebenso verkehrt, wie ein allzu schmuddeliges Zuhause oder der völlig bedenkenlose Umgang mit Dreck im öffentlichen Raum. Doch was heißt das noch konkreter? Etwas Extra-Wissen über Schmutz und Giftiges, mit dem Babys oder Kleinkinder in Kontakt kommen können, hilft Eltern beim Navigieren auf der schmalen Linie zwischen gesundem Schmutz auf der einen, und zu viel Risiko auf der anderen Seite.

Dreckquelle Spielplatz

Während Spielplätze in unserem Nachbarland Holland meist eingezäunt sind, gepflegt, gereinigt und vor unbefugten Besuchern geschützt werden, sind deutsche Spielplätze für jedermann (und leider auch „jederhund“) zugänglich. Und das sieht man ihnen auch an. Es muss nicht gleich die alte Spritze des Fixers sein, die dort herumliegt. Weitaus häufiger finden sich im Gebüsch oder hinter Bänken leere Bierflaschen und Kippen, und der Sandkasten wird nicht selten als Hundeklo missbraucht.

Das Nuckeln an der Bierflasche

Zwar bleibt das Nuckeln an einer leeren Bierflasche meist folgenlos, dennoch ist der Reflex, dies auf jeden Fall zu verhindern, richtig. Denn natürlich weiß man nicht, welche eventuell nicht so harmlosen Krankheiten der vorige Besitzer hatte, und außerdem sind auch kleine Alkoholmengen für Babys schädlich. Ist es dennoch passiert, hilft nur abwarten und hoffen, dass sich das Kind nicht angesteckt hat. Zum Glück werden schwere Krankheiten nur selten auf diesem Wege übertragen. War noch Alkohol in der Flasche, führt der Weg natürlich sicherheitshalber direkt zum Kinderarzt.

Unwiderstehlich: Sandkastensand

Auch wenn Erwachsene die Vorliebe der Kleinsten für Sand im Mund nicht nachvollziehen können – sie müssen damit leben, dass fast jedes Kind während der berühmten „oralen Phase“ früher oder später eine Portion davon probiert. Stammt der Sand aus dem eigenen, hundefreien Garten, ist dies kein Problem. Der Sand verlässt auf natürlichem Weg innerhalb der nächsten Tage den Körper, wobei er allenfalls Babys Po reizt. Handelt es sich aber um Sand von einem öffentlichen Spielplatz, sollten Eltern eingreifen und das Kind möglichst am Verzehr hindern. Im Spielplatzsand befinden sich oft Hundekotspuren. Hat das Kind den Sand aber schon im Mund, ist auch dies kein Grund zur Panik, denn meist passiert rein gar nichts.

Sollte es doch zu einer Wurminfektion kommen: Eine Infektion mit Madenwürmern bemerkt man daran, dass das Kind sehr starken Juckreiz am After hat (meist abends) und deshalb meist auch schreit. Eine Infektion mit Spulwürmern verursacht dagegen oft Fieber, Atemprobleme (Husten), Durchfall und Übelkeit. Diese relativ harmlosen Wurminfektionen können vom Kinderarzt festgestellt und medikamentös behandelt werden. Die von vielen Eltern gefürchtete Ansteckung mit dem Hundebandwurm (verwandt mit dem Fuchsbandwurm) ist dagegen sehr selten, weil der Mensch kein optimaler Wirt für diesen Wurmtyp ist.

Stein im Magen

Hat ein Kind nicht Sand, sondern kleine Steine verschluckt, landen diese meist ein bis zwei Tage später in der Windel. Dass ein kantiger Stein (oder eine Glas- oder Plastikscherbe oder auch eine Münze) an einer Engstelle im Verdauungstrakt hängen geblieben ist oder dort eine Verletzung ausgelöst hat, bemerkt man an Bauchweh oder an Blut im Stuhl. Bei Münzen oder scharfkantigen Gegenständen sollte man aber gleich und noch vor dem Auftreten von Beschwerden mit dem Kinderarzt sprechen. Manche Gegenstände müssen (z. B. im Röntgenbild) beobachtet und einige auch sofort entfernt werden. Bei einem kleinen, runden Stein kann man abwarten.

Zigarettenkippen sind lebensgefährlich

Schluss mit jeder Gelassenheit ist beim Thema Zigarettenkippen. Hat das Kind auf dem Spielplatz oder anderswo eine Kippe aufgenommen und schon Teile davon verschluckt, muss man sofort zum Kinderarzt (oder in die Ambulanz einer Kinderklinik) fahren. Nikotin ist ein Nervengift und löst bei kleinen Kindern Symptome aus wie Übelkeit, Unruhe, gesteigerten Speichelfluss, Benommenheit, Zittern und Schwitzen. Im schlimmsten Fall kann es zu tödlichem Kreislaufversagen oder Atemstillstand kommen. Nicht nur in der Kippe selbst ist aber Nikotin enthalten: Gefahr besteht auch, wenn ein Kind Wasser aus einem Aschenbecher oder aus einer Flasche getrunken hat, in der Zigarettenkippen entsorgt wurden.

Tägliche Gratwanderungen im Alltag

Blumenerde – bei den Kleinsten immer beliebt

Sie wird meist handlich dargereicht in hübschen Töpfen und ist mit etwas Mühe gut erreichbar: Blumenerde gehört zu den kulinarischen Lieblingsexperimenten von Krabbelkindern. Ist eine Handvoll davon im Mund gelandet, besteht meist kein Grund zur Panik, es sei denn, die Pflanze wurde gerade frisch gedüngt. Hat ein Kind in diesem Fall größere Mengen aufgenommen, sollte ein kurzer Anruf beim Kinderarzt oder der Giftnotrufzentrale getätigt werden, um sich über den Dünger und seine eventuellen Gefahren zu informieren. Stammt die Blumenerde aus dem Garten, können sich darin Wurmeier befinden (vor allem bei Hundehaltern). Ein Grund zu übermäßiger Sorge besteht aber nicht, meist bleibt die „Mahlzeit“ ohne Folgen.

Harmloser als sein Ruf: Das Wartezimmer des Kinderarztes

Im Wartezimmer des Kinderarztes, wo täglich kranke Kinder mit dem angebotenen Spielzeug umgehen und auch die Luft vom Husten und Niesen mit Erregern gesättigt ist, ist eine Keim-Attacke kaum zu vermeiden. Viele Eltern haben aber eine beruhigende Erfahrung gemacht, die auch Ärzte bestätigen: Ist ein Kind bereits krank, holt es sich im Wartezimmer fast nie einen zweiten Infekt. Grund ist, dass seine Immunabwehr bereits auf Hochtouren arbeitet, so dass ein neuer Erreger nur geringe Chancen hat, sich zu vermehren. Dies gilt natürlich nicht für ein gesundes Kind, weshalb man optimalerweise nicht gerade dann einen Vorsorgetermin wahrnehmen sollte, wenn eine Grippewelle umgeht.

Wohl fühlen sich Keime aller Art bekanntermaßen auch in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Türklinken, in öffentlichen WCs und Wickelräumen usw. Doch meist gilt: Das Schlimmste, was ein Kind sich hier holen kann, ist ein grippaler Infekt oder eine Magen-Darm-Grippe. Nur in sehr seltenen Fällen kann man sich bei diesen Gelegenheiten auch mit schwereren Krankheiten anstecken. Viele Eltern fürchten hier vor allem die Leberentzündung Hepatitis A, die durch Schmierinfektion übertragen werden kann. Doch der Wiener Internist Prof. Markus Peck-Radosavljevic beruhigt: „Kleinkinder haben normalerweise einen recht milden Krankheitsverlauf, ohne dass die Gelbsucht wirklich hervortritt. Die Krankheit verläuft bei Kindern oft wie eine Virusgrippe.“ Auch nehme die Hepatitis A nie einen chronischen Verlauf, wie die Hepatitisformen B oder C, sondern heile meist ohne bleibende Schäden aus.

Schnullertausch unter Freunden

Ihre frischgebackene Freundschaft festigen Krabbelkinder besonders gern durch Austauschen von Schnullern oder auch Fläschchen. Hat das eigene Kind den Schnuller eines anderen in den Mund oder einen Schluck aus einer fremden Flasche genommen, passiert rein gar nichts. Außer natürlich, das andere Kind hat gerade einen akuten Infekt – dann bleibt Eltern nichts übrig als abzuwarten, wie gut die Immunabwehr ihres eigenen Kindes gerade (hoffentlich gestärkt durch regelmäßigen Kontakt mit Dreck) funktioniert.

Kinderarzt-Tipps: Bisswunden richtig behandeln

Herunter gefallene Nuckis nicht selbst ablecken

Doch was ist, wenn der Schnuller des eigenen Kinder auf den Boden gefallen ist? Abwischen mit einem Papiertaschentuch? Selbst kurz ablecken und ihn dem Kind dann zurückgeben? Wer auf Nummer sicher gehen will, behält den Nucki ein (und hat immer ein Ersatzexemplar dabei). Davon, den Schnuller selbst kurz in den Mund zu nehmen und ihn dann dem Kind zurückzugeben, raten Zahnärzte ab. Denn die meisten Erwachsenen sind mit Karieserregern infiziert (Karies ist eine Infektionskrankheit) und können ihr Kind auf diesem Wege anstecken. Haben sich „Karius und Baktus“ aber erst einmal häuslich eingerichtet, tun sie sich an Kohlehydraten gütlich und produzieren (unter ungünstigen Bedingungen) schädliche Säuren, die die gefürchteten „Löcher“ im Zahnschmelz verursachen.

Blumenkinder auf Forschungsreise

Vor einem Kind in der Mündelphase ist fast nichts sicher: auch Blumen und Pflanzen wollen mit den im Mund besonders zahlreich vorhandenen Sinneszellen erkundet werden – was nicht immer der Gesundheit dienlich ist. Harmlos sind Gras, Gänseblümchen, Löwenzahn und viele andere Wiesenpflanzen wie Klee, Sauerampfer, Wegeriche. Das gilt natürlich nicht in Parkanlagen, in denen Hunde frei laufen. Einige Pflanzen sind aber giftig. Hierzu gehören zum Beispiel Eiben, Goldregen, Maiglöckchen, Farne und manche Pilze.

Auch Zimmerpflanzen sind nicht immer harmlos. Giftig sind zum Beispiel Stechpalme, Christusdorn, Dieffenbachie, Ritterstern, Flamingoblume,  Fensterblatt oder der Weihnachtsstern. Am besten fährt, wer die Namen und vielleicht auch Eigenschaften seiner Pflanzen kennt, denn: „Wer weiß, was er für Zimmerpflanzen hat, erspart sich im Notfall viel Stress“, betont Dr. med. Carola Seidel von der Informationszentrale gegen Vergiftungen am Universitätsklinikum Bonn. Denn man wisse dann, ob das Blatt oder die Blüte, die das Kind gerade aufgenommen hat, gefährlich war oder nicht.

Im Zweifel kann man bei einer Giftnotrufzentrale anrufen (s. u.). Es gibt hier Experten, die anhand der Beschreibung einer Pflanze diese meist rasch identifizieren und Rat geben können dazu, ob weitere Maßnahmen nötig sind.

Schmutzkontakt mit Augenmaß

Gratwanderungen sind also auch beim Thema Dreck das täglich Brot von Eltern. Sie müssen im Alltag einen flexiblen Umgang mit den Risiken finden. Der könnte so aussehen, dass nur wirklich Gefährliches streng gemieden wird (Kontakt mit Kippen, Giftpflanzen oder Müll). Dass eine weitere Gruppe von Dingen zwar gemieden wird (Sandaufnahme aus frei zugänglichem Kasten), der betreffende Ort (Spielplatz, Park) aber deshalb nicht komplett zur Tabuzone wird - selbst wenn ein Restrisiko bleibt, dass doch mal die Hand mit Sand in den Mund wandert. Und dass Eltern dem Kind last but not least alles erlauben, was schlimmstenfalls eine Darmgrippe oder eine Erkältung verursacht: Dinge im öffentlichen Raum berühren, dort krabbeln, fremdes Spielzeug anfassen, im Matsch spielen. Es reicht, wenn dem Kind zu Hause die Händchen gewaschen werden. Desinfektionsmittel im Haushalt und desinfizierende Tücher für unterwegs sind nicht nötig. Letztere sind übrigens auch allergieauslösend.

Service:

  • Eine Übersicht über Giftpflanzen findest du auf der Website des Universitätsklinikums  Freiburg: bei Anklicken des Pflanzennamens gibt es hier ein Foto der Pflanze und eine ausführliche Beschreibung der möglichen Vergiftungssymptome.


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