Wissenschaft

Männer im Kreißsaal: wirklich eine Hilfe?

Waren Männer im Kreißsaal vor 40 Jahren noch eine Ausnahme, so ist es heute für viele werdende Väter selbstverständlich, ihre Partnerin bei der Geburt ihres Kindes zu begleiten. Welche Auswirkungen das auf das Geburtserlebnis hat, haben Gynäkologen wissenschaftlich ausgewertet.

Autor: urbia
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Moderne familienorientierte Geburtshilfe bedeutet heute auch: Der werdende Vater steht seiner Partnerin bei der Geburtsvorbereitung, der Geburt selbst und auch in den ersten Wochen nach der Geburt zur Seite. „Eine Entwicklung, die unaufhaltsam mit der bislang ungeprüften Gewissheit verknüpft ist, die starke Einbeziehung des Partners wirke sich uneingeschränkt positiv auf die gesamte Geburt aus“, sagt Dr. Achim Wöckel von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), Gynäkologe am Universitätsklinikum Ulm. „Bis heute steht eine systematische Untersuchung zum Nachweis dieser Wirkung allerdings aus.“ Indes konnte eine Analyse aus dem Jahr 2002 bereits zeigen, dass die Begleitung einer Gebärenden positive Auswirkungen auf die Anzahl der Kaiserschnitte, die Geburtsdauer, die Häufigkeit des Einsatzes zum Beispiel einer Saugglocke und die Zufriedenheit mit dem Geburtserlebnis haben kann. Hier wurde jedoch nicht zwischen Vätern und anderen Begleitpersonen wie Schwestern oder Freundinnen unterschieden.

Gemeinsam mit Kollegen wertete Dr. Wöckel alle aktuellen Studien aus, in denen der Einfluss des Partners auf die Geburt untersucht wurde. Zunächst ernüchternd: Positive Auswirkungen auf Geburtsdauer, Schmerzmittelverbrauch und geburtsmedizinische Interventionsrate sind nicht nachweisbar. Auch gab es keinen Nachweis für den Einfluss der Väterbegleitung auf die Komplikationsrate bei Geburten. „Allerdings kann der Beistand des Mannes unter bestimmten Umständen die Zufriedenheit des Paares und eine rückblickend positive Beurteilung des Geburtserlebnisses fördern“, erläutert Wöckel. „Bestimmte Umstände“ sind dann gegeben, wenn der Mann eine begleitungsspezifische Geburtsvorbereitung genossen hat und ihm eine klare Rollen- bzw. Funktionsdefinition in der Kreißsaalsituation zuteil wurde. Heißt: Im Vorfeld haben die Väter nicht nur den Paar-Vorbereitungskurs gemeinsam mit ihrer Partnerin besucht, sondern einen, der nur unter Männern stattfand. Hier hatten sie die Möglichkeit, Fragen loszuwerden, die sie gemeinsam mit ihrer Partnerin vielleicht nicht gestellt hätten. „Wer erkannt hat, im Kreißsaal als Begleiter nichts steuern oder leisten zu müssen, sondern nur anwesend zu sein und auf die Kompetenz des geburtshilflichen Personals zu vertrauen, profitiert eher von einem positiven Geburtserlebnis“, erklärt der Gynäkologe.

Wen darf ich in den Kreißsaal mitbringen?

Auch Professor Klaus Vetter, Generalsekretär der DGGG und Chefarzt der Klinik für Geburtsmedizin am Vivantes Klinikum Neukölln, ist sich sicher: „Dass Männer ihre Frauen in den Kreißsaal begleiten, ist eine positive Entwicklung der letzten dreißig Jahre. Allerdings sollten sie auch von ihrem Recht Gebrauch machen dürfen, die Begleitung abzulehnen. Einen unsicheren oder ängstlichen Partner braucht keine in den Wehen liegende Frau.“ Denn die gesellschaftlich mittlerweile als normal angesehen Begleitung durch den Partner kann diesen auch erheblich unter Druck setzen. Wöckel beschreibt in seiner Arbeit die von den Männern häufig erlebte Unfähigkeit, der Partnerin helfen zu können als ursächlich. Zusätzlich könnten Spannungen in der Beziehung des Paares es erschweren, Unterstützung unter der Geburt zu geben.

2007 waren laut einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach unter rund 1.800 Personen ab 16 Jahren 76 Prozent der Männer zwischen 30 und 44 Jahren bei der Geburt ihres Kindes anwesend. Unter den 16 bis 29-Jährigen waren es sogar 82 Prozent. Hingegen waren bei den über 60-Jährigen nur 16 Prozent dabei, als ihre Frauen deren Kinder zur Welt brachten. Denn bis zum Ende der 1950er-Jahre wurden Geburten in den westlichen Ländern nur selten von Angehörigen bzw. vom Partner begleitet. In den 1960er-Jahren fanden sich die ersten Bewegungen dieser Art, und in den 1970ern wurden Väter zunehmend in Kreißsälen akzeptiert, die sogar eigene Bedürfnisse für die Kreißsaalsituation formulierten. Seit den 1980ern kann der Mann seine Partnerin zum Geburtsvorbereitungskurs begleiten.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

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